Schule: Täglich grüßt der Videoscreen

1. April 2004, 19:08
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Werbung am Bernoulli-Gymnasium lässt Grüne bei Gehrer nachfragen

Wien – "Damals bei den Plakaten hab' ich noch mäßig reagiert, aber das hat mir das Aug rausgehaut" empört sich Kurt Wintersteiner, Lehrer am Bernoulli-Gymnasium in Wien- Donaustadt. Er empört sich über "ATV+-artige Information für Jugendliche, unterbrochen durch Werbeblöcke". Wintersteiner ärgert sich im Speziellen über das Projekt? X-Large der Firma Advisions, für dessen Realisierung seit November 2003 an 50 AHS, BHS und HTL Videoscreens für "Info und Edutainment" (so die firmeninterne Definition) installiert wurden.

An den Schulen läuft Werbung. Das Konzept besteht aus einem acht- bis zehnminütigen Sendeblock, der sich in einer Endlosschleife zwischen sieben und siebzehn Uhr auf einem rund 1,5 mal zwei Meter großen Bildschirm wiederholt. Inhaltlich gliedern sich die Beiträge nach Auskunft von Rolf Schill, geschäftsführender Gesellschafter von Advisions, in drei Bereiche: eigenständige Beiträge der Schule mit technischer Unterstützung durch Advisions, ein von Firmenredakteuren gestaltetes Schülermagazin sowie Werbung.

Genau das lässt sich aber für Kurt Wintersteiner nicht so exakt auseinander halten. Besonders kritikwürdig ist für den Pädagogen der schnelle Szenenwechsel nach durchschnittlich ein bis zwei Sekunden, wodurch der Übergang zwischen Redaktionellem und Werbung fließend sei. Zudem gäbe es keinerlei Studien über die Auswirkungen einer solch rasanten Berieselung auf die Schüler.

Daher hat sich Wintersteiner an die Grünen gewandt, die nun eine parlamentarische Anfrage an Bildungsministerin Elisabeth Gehrer eingebracht haben. Denn auch Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz erachtet das Lukrieren von Werbemitteln zur Aufrechterhaltung des schulischen Normalbetriebes als "ziemlich problematisch". Es stelle sich auch die Frage, "wo sind die Ressourcen" für die schulische Gestaltung. Zudem sei der pädagogische Aspekt dringend evaluierungsbedürftig, sagt Brosz.

Laut Advisions befindet sich das Projekt momentan in einer "Trial-and-Error-Phase". Studien über mögliche Auswirkungen auf die Kinder habe man aufgrund der kurzen Anlaufzeit noch nicht. Man habe jedoch die Absicht, mit X-Large den anstrengenden Schulalltag aufzulockern.

Nebeneffekt für kooperierende Schulen ist eine jährliche Finanzspritze von rund 1500 Euro, was vor allem Susanne Jerusalem, Jugendsprecherin der Wiener Grünen missfällt. Immer häufiger würden Direktoren vor allem aufgrund ihrer Fähigkeit, Finanzmittel zu akquirieren, ausgesucht. (Karin Moser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.3.2004)

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