Firmen nutzen neues EU-Lohngefälle

2. April 2004, 14:01
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Niederösterreichische Firmen können die Grenznähe des Landes zu Kapital machen - und damit die Beschäftigungskrise entschärfen, meinen Experten

Auch in die Landesmitte hin gelte es, Grenzen abzubauen: Der Arbeitsmarkt sei eng mit jenem Wiens verbunden.

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St. Pölten - Fünfzehn Prozent Preisersparnis sind ein verführerisches Argument, weiß Karl Fakler, Vizechef des Arbeitsmarktservice (AMS) Niederösterreich. Fünfzehn Prozent Preisersparnis am Bau, weil Arbeiter eingesetzt werden, die weniger als die Hälfte dessen verdienen, was in Österreich in der Branche üblich ist. Der Baubranche, die im größten Bundesland - und nicht nur dort - mit starken Beschäftigungsrück- (siehe Grafik) und Arbeitslosenzugängen zu kämpfen hat.

Dienstleistungsfreiheit

Die magischen fünfzehn Prozent könnten, so Fakler, für Bauunternehmer - und nicht nur für sie - am 1. Mai 2004 in greifbare Nähe rücken: Ab EU-Erweiterung herrscht Dienstleistungsfreiheit zwischen Österreich und den neuen Mitgliedstaaten: "Dann können heimische Baufirmen Unternehmen aus Tschechien, der Slowakei und Polen als Werkvertragsnehmer zu Aufträgen in Österreich heranziehen. Die Firmen bringen ihre Arbeiter mit - zahlen ihnen aber tschechische, slowakische Löhne."

In den vergangenen Wochen habe er bereits mehrere Anfragen niederösterreichischer Bauunternehmen wegen einer solchen grenzüberschreitenden Auftragsvergabe beantwortet, erzählt Fakler. Er habe ihnen beschieden, dass eine solche Auftragsvergabe trotz Übergangsbestimmungen, die Arbeitnehmer aus der neuen EU vom heimischen Arbeitsmarkt fern halten sollen, "höchstwahrscheinlich rechtens" sei. Überhaupt hält der AMS-NÖ-Vize von den Übergangsbestimmungen nicht viel: "Sie haben die Folge, dass unumgängliche Änderungen verzögert werden."

Kapital schaffen

Vielmehr zeige der unternehmerische Ostdrall, wo die derzeitigen Herausforderungen für den Wirtschaftsraum Niederösterreich lägen, meint auch Peter Huber, Regionalreferent am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo): "Der Erfolg hängt davon ab, ob es gelingt, mit den billigeren Löhnen in den Beitrittsstaaten Kapital zu schaffen."

Dabei handle es sich um ein längerfristiges Projekt: Bis zur Lohnangleichung zwischen Österreich und seinen Ostnachbarn werde es "Dezennien" dauern. Bis dahin, so Huber, werde es Firmen möglich sein, lohnintensive Arbeitsbereiche nach Tschechien, in die Slowakei oder nach Ungarn auszulagern, um so wettbewerbsfähiger zu werden; im grenznahen Niederösterreich sei dies sogar für die Mehrzahl von Klein- und Mittelbetrieben eine Option.

40.000 Joblose

Mehr Wettbewerbsfähigkeit, so betont Huber, sichere Arbeitsplätze im Land. Die aktuellen niederösterreichischen Arbeitsmarktzahlen zeigten, dass diese Entwicklung noch nicht eingesetzt hat: Die Arbeitslosenquote im Jahr 2003 betrug niederösterreichweit sieben Prozent, im Jahresschnitt waren 39.209 Menschen ohne Job. Für das heurige Jahr prognostiziert das AMS ein weiteres Arbeitslosenplus: 7,1 Prozent, in Zahlen: 40.000 Betroffene.

Neben dem fortgesetzten Niedergang klassischer Industriebetriebe mache sich hier die "zunehmende Strukturähnlichkeit" des niederösterreichischen Arbeitsmarkts mit jenem der Großstadt Wien bemerkbar. Im Wiener Umland mit seinen vielen unternehmensnahen Dienstleistungsunternehmen, wie sie auch in Wien selbst existieren, habe die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre voll durchgeschlagen.

Mit Wien kooperieren

"Wir haben festgestellt, dass achtzehn Prozent aller Arbeitnehmer, die in Niederösterreich ihren Job aufgeben, unmittelbar danach eine Arbeit in Wien aufnehmen. Umgekehrt sind es sechzehn Prozent, die aus Wien direkt nach Niederösterreich wechseln", nennt Huber neue Zahlen. Und zieht daraus die Konsequenz, "dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Wien und Niederösterreich unbedingt weiter forciert werden sollte".

Eine Forderung, die Fakler als "Hang zur Sozialromantik" abtut: In Raumordnungsfragen "oder wenn es um länderübergreifende Arbeitsstiftungen geht" funktioniere die Zusammenarbeit sowieso - "und den Standortwettbewerb kann man auch durch Harmonie nicht ausschalten". (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 16.3.2004)

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    Arbeitnehmer in den EU-Beitrittsstaaten (hier polnische Textil- arbeiterinnen) verdienen um die Hälfte weniger als bei uns - Dieses Lohngefälle, das laut Experten Dezennien anhalten kann, wird nicht nur Fahnenerzeugern Wettbewerbsvorteile bringen

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