"Ten": Lauter Frauen am Steuer

15. Juli 2004, 10:58
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In "Ten" porträtiert der iranische Meisterregisseur Abbas Kiarostami ein breites Feld an Geschlechter- und Ideologiefragen

Wien - Das Auto hat in den Filmen des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami einen privilegierten Platz. Auf engem Raum wird darin viel geredet, Bewegung zur Verhandlungssache.

In Der Geschmack der Kirsche (1997) wollte ein Mann Selbstmord begehen, die Gespräche mit seinen Beifahrern hielten ihn von diesem Vorhaben ab. In Und das Leben geht weiter . . . (1991) fuhr ein Regisseur mit seinem Sohn durch ein Erdbebengebiet, gemeinsam suchten sie nach den Darstellern des letzten Films.

Ten, die jüngste Arbeit Kiarostamis, 2002 entstanden und erst jetzt regulär in Österreich zu sehen, greift dieses Prinzip nicht einfach nur auf, er verdichtet es auf das Wesentliche. Der Gegenschuss auf die äußere Umgebung fehlt, die Kamera blickt bloß ins Innere eines Taxis: auf die Fahrerin oder auf ihre Begleiter - außer ihrem Sohn Amin sind alle Frauen.

Während jeder der zehn Sequenzen durch Teheran bleibt die Einstellung auf eine Person fixiert: ein minimalistisches Konzept, das verblüffende Ergebnisse zeitigt. Denn der Film eröffnet derart einen Raum, in dem sich aus alltäglichen Beobachtungen und Gesprächen ein ganzes Spektrum aus widersprüchlichen Weiblichkeitsmodellen eines islamischen Landes entfaltet.

Gleich zu Beginn liefert sich Amin mit seiner Mutter ein rhetorisches Duell. Er wirft ihr vor, seinen Vater vor Gericht als Drogenabhängigen diskreditiert zu haben; sie rechtfertigt sich damit, dass nur mit dieser Notlüge eine Scheidung überhaupt möglich war. Die Szene hat dabei überhaupt nichts Thesenhaftes: Sie bezieht ihre Spannung ganz durch die Dynamik dieses Wortgefechts, das sich von einer kleineren Auseinandersetzung allmählich zu einer grundsätzlicheren Diskussion über Rollenbilder steigert.

Bekenntnisse Die mehrmaligen Begegnungen mit dem aufsässigen Amin, in zeitlichen Ellipsen arrangiert, geben Ten nicht zuletzt auch einen losen erzählerischen Rahmen. Dazwischen tritt die Fahrerin mit anderen Frauen ins Gespräch: mit einer älteren Frau, die traditionelle Auffassungen vertritt und sie zum Gebet überreden will; mit einer Prostituierten, die freizügig und ohne jede Reue, ohne Zurückhaltung von ihrer Profession berichtet - und darüber, wie scheinheilig die Männer sind.

Aber es sind nicht unbedingt diese radikalen Pole, die den nachhaltigsten Eindruck erwecken, sondern die Unterhaltungen zwischen "gleichgestellten" Frauen, die unterschiedliche Maßnahmen ergriffen haben, um sich eine Form von Eigenständigkeit zu erkämpfen. Die Fahrerin nimmt dabei meist die Rolle einer Mitstreiterin ein, die ihre Insassinnen ermutigt, sich vehementer aufzulehnen.

Einmal lüftet dann eine von ihrem Mann zurückgewiesene Frau sogar ihren Schleier, und zum Vorschein kommt ein kahl rasierter Kopf - einer dieser Momente einer stillen Transgression, die in ganz einfachen Bildern umgesetzt werden. Ten bleibt aber auch in formaler Hinsicht bemerkenswert: als mit Digitalkamera gedrehter Film, der die Ökonomie des Mediums auf ungewöhnliche Weise nutzt.

Kiarostami hat sich mit seinen Protagonistinnen in einem Probenprozess intensiv vorbereitet. Die Gespräche seiner Figuren im Auto ließ er dann stundenlang - und ohne selbst anwesend zu sein - aufzeichnen. In diesem Sinne verwendet der Film die Kamera als Schnittstelle zwischen Dokument und Fiktion und das Auto als solche zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.3.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

Im Wiener Burg Kino
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    foto: filmplakat
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    Auch 2002 erlangten Regisseur Abbas Kiarostami und Hauptdarstellerin Mania Akbari mit "Ten" in Cannes Beachtung.

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