Metrople zum Kuscheln

12. Mai 2005, 10:35
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Palma de Mallorca ist die reichste Stadt Spaniens und bietet Palacio-Ferien abseits des Massentourismus

Diese Nacht war es laut im Innenhof mitten in der Altstadt von Palma. Eine Orange ist vom Baum gefallen, irgendwann weit nach Mitternacht. Nur der Mond hat zugesehen, und es machte so etwas wie "plokk", als sie auf die fünf Jahrhunderte alten Terrakottafliesen schlug. Normalerweise ist es leiser, normalerweise ist die Nacht nicht so unruhig im Stadtpalais Dalt Murada an der Carrer Almudaina in Palma de Mallorca.

Umgebungsgeräusche sind ausgeknipst, und der Weckruf ist üblicherweise erst zum Sonnenaufgang vorgesehen - ein melodisches Kammerkonzert im Innenhof. Niemand koordiniert, niemand dirigiert die Akteure. Sie sitzen auf den Balustraden der Balkone, hocken auf den hohen Ziegeldächern und in den Wipfeln des Orangenbaumes: eine Schar Finken und Amseln. Jeden Morgen singen sie ihre Ode an den neuen Tag.

Es ist, als ob die Gegenwart ausgeblendet ist und im Innersten der mallorquinischen Hauptstadt nur zeitlose Geräusche zugelassen sind. Das Knarzen der zwei Meter hohen Fensterläden rund um den Patio gehört dazu, wenn sie sich morgens öffnen und verschlafene Gesichter in den Hof blicken. Von außen schallt nur der Glockenschlag der Kathedrale Sa Seu aus dreihundert Meter Luftlinie Entfernung herüber. Ein halbes Dutzend außergwöhnlicher Hotels

Etwa ein halbes Dutzend außergewöhnlicher kleiner Hotels gibt es inzwischen in der Altstadt von Palma - darunter ein umgebautes Kloster, renovierte Stadtpaläste, die meist nur wenige Gästezimmer bieten, mit meterhohen Decken, schweren Flügeltüren, Gobelins an den Wänden, kleinen Balkonen und viel Atmosphäre.

Das Dalt Murada ist eines davon. In den Seitenstraßen, die manchmal zu schmal für ein Auto und immer zu eng für Reisebusse sind, ist Palma eine stille Stadt: keine Spur von der Hektik des sechsspurigen Passeig Maritim, kein Hupkonzert, kein Geschiebe der Parkplatzsucher, kein Gedränge von Passanten - Kontrastprogramm zum Image der beliebtesten Mittelmeer-Urlaubsinsel, das Gegenteil von El Arenal, von Strandurlaub in den Hotelburgen der mallorquinischen Badeorte. Kein Städtereiseziel

Trotzdem ist Palma als Städtereiseziel bislang Minderheitenprogramm, als Shoppingziel noch nicht im Blickpunkt, als Kulturziel den zahllosen Konzerten und Museen zum Trotz unbeachtet. Eine der schönsten Städte Spaniens reduziert zum Tagesausflugsziel für Badeurlauber? Palma hat mehr verdient, gilt als eine der besterhaltenen mittelalterlichen Städte Europas und wartet dennoch auf ihre Entdeckung.

Gegründet wurde die Stadt vor über 2100 Jahren von den Römern als Palmeria. Medina Mayurca hieß sie in der Zeit der Maurenherrschaft von 902 bis 1229. Der Kern der 325.000-Einwohner-Metropole ist maurischen Ursprungs, in seiner heutigen Struktur über 1000 Jahre alt, unübersichtlich, verwinkelt, eng - eine Medina mit hohen, oft nahezu fensterlosen Fassaden Richtung Straßenseite, mit wehrhaften Mauern zum Schutz vor Piratenüberfällen, vor einfallenden Eroberern.

Das Leben der Menschen im Stadtkern orientiert sich seit Jahrhunderten weg von der Gasse, hin zum Innenhof, zu den versteckten grünen Oasen zwischen all den Ziegelsteinen. Dort blühen Oleander und stehen kleine Mosaiktische im Schatten von Orangen-und Zitronenbäumchen.

Ein neues Gesetz zwingt die Bewohner, tagsüber ein Tor zur Straßenseite offen zu halten oder durch ein schmiedeeisernes Gitter zu ersetzen, damit Fremde die Pracht der historischen Höfe einsehen können. Wer deshalb Umbaumaßnahmen vornehmen muss, bekommt das Geld dafür von der Stadt erstattet. Manche haben sich der Vorschrift gebeugt, andere diese Regelung fürs Erste aristokratisch überhört. Die reichste Stadt Spaniens

Palma ist die reichste Stadt Spaniens und kann es sich leisten, auch bei der Erhaltung des historischen Gesichts spendabel zu sein. Die Gemeinde hat sogar so viel Geld, um künftig auf Müllabfuhr und hässliche Tonnen in der Altstadt verzichten zu können. Jahre hat es gedauert, sämtliche alten Gassen aufzugraben und ein Netz aus Rohren zu verlegen, durch die der Müll seit einigen Monaten im Vakuumverfahren unterirdisch aus Einwurföffnungen abgesaugt und wegtransportiert wird.

Auf dem Kathedralenhügel haben einst die Aristokraten Palmas gewohnt, und ein bisschen ist es noch heute so. Nach außen sind die meisten Fassaden kahl und schlicht. Mehr und mehr von ihnen werden nach und nach restauriert und oft teuer verkauft. Bis zu 6000 Euro kostet ein Quadratmeter sanierter Wohnfläche auf dem Kathedralenhügel.

Die Zugezogenen hocken in der Mittagszeit unter Sonnenschirmen im "Café Lírico" an der nahe gelegenen Avinguda d'Antoni Maura. Sie sitzen nicht primär dort, um gesehen zu werden. Aber die anderen gehen vorbei, um zu sehen - so lange, bis sie sich irgendwann einfach dazusetzen. Dieses Café ist Laufsteg und Bühne Palmas zugleich.Alle kennen sich

Tiefer in der Altstadt sind die Bars kleiner, ist die Atmosphäre privater, muss keiner nach dem einen bekannten Gesicht suchen. Alle kennen sich. Sie hocken an zwei winzigen Tischchen vor der Tür, die alten und die wenigen jungen Altstadtbewohner, ein Mönch aus dem Kloster Sant Francesco, die Blumenfrau aus der Markthalle an der Plaça de l'Olivar. Zwei Fremde haben sich dazugesetzt, blättern in einem Reiseführer, und gemeinsam beugen sich alle über einen Stadtplan.

Wäre da nicht diese Kleidung, wären die Straßennamen auf den Schildern an den Kreuzungen nicht auf Katalanisch - die Szene könnte auch in einer arabischen Medina spielen. Statt Wasserpfeifen rauchen die Leute Zigarren. Sie palavern, genießen den leichten Wind, der von den Ziegeldächern der Stadtpaläste in die engen Gassen fällt.

Die Geschäfte in diesem Viertel der Altstadt sind kaum auf Fremde eingestellt. Es gibt meist die Dinge des Alltags - warmes Ensaïmada-Gebäck mit Staubzucker in einer winzigen Bäckerei, eine Wand voller Sobrasada-Würste in der engen "Charcuteria la Pajarita", gegenüber ein Regal mit Marmelade aus Sóller, eine Straße weiter unverhofft eine Galerie, um die Ecke ein winziges Geschäft mit besonders eng umrissener Zielgruppe: Dort gibt es Messgewänder.Hier ist die Gegenwart zu Hause

Wer das Gassengewirr des maurischen Viertels verlässt, in fünf Minuten Fußweg die Plaça Mayor erreicht, die Fußgängerzonen, die breiten Einkaufsstraßen wie die noble Avinguda Jaume III. mit ihren Markenartiklern, wechselt die Welt und ist doch immer noch im Zentrum Palmas. Hier ist die Gegenwart zu Hause.

Die Menschen kaufen ein, behängen sich mit bunten Tüten voller Beute, mit Schriftzügen von "Massimo Dutti" bis "Zara", von "Armani" bis "El Corte Ingles". Irgendwann steigen sie abseits in ihre Busse, klettern ein paar Geschoße in den Untergrund zu ihren in Tiefgaragen abgestellten Autos und verschwinden in Richtung der Ferienorte.

Hotelzimmer sind rar im Zentrum Palmas. Diejenigen, die diese Atmosphäre suchen, sind nach Einbruch der Dunkelheit unter sich, teilen die Gassen zwischen Plaça Mayor und Kathedrale mit den einheimischen Bewohnern der Altstadt. Irgendwo in der Carrer Almudaina übt diesen Abend jemand hinter einem geöffneten Fenster Geige, und auf der Stadtmauer vor Sa Seu küsst sich ein letztes Liebespaar. (Der Standard/rondo/12/03/2004)

Helge Sobik hat sich in den ehemaligen Klöstern, Palästen und Patios umgesehen

Wohnen in der Altstadt von Palma:
Hotel "Dalt Murada";, Tel. 0034 / 971 / 425300;

"Born" ( Tel. 0034 / 971 / 712942; );

"Palau Sa Font"; ( Tel. 0034 / 971 / 712277;

im ehemaligen Kloster "Convent de la Missió", Tel. 0034 / 971 / 227347;
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    Die Altstadt von Palma

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