
Historisches Werbefoto für das wohl bekannteste Produkt des Lilienporzellans. 1991 wurde die Produktion eingestellt, das Sammeln angekurbelt.
Wien - Wer kennt sie nicht, die "pastellenen" Tassen, Teller oder Kännchen, die sich auf Flohmärkten vom gängigen Geschirrangebot absetzen und nahezu jeden Studentenhaushalt ergänzen: Lilienporzellan in all seiner Farbenpracht. Im Herbst vergangenen Jahres veröffentlichte René Edenhofer, ein hoffnungslos idealistischer Autor, eine umfassende Dokumentation.
Unter dem Begriff Lilienporzellan verstehen die meisten eine bestimmte Form und ein bestimmtes Dekor. Nicht ganz zu Unrecht meint man damit "Daisy-Melange", das wohl am meisten verkaufte Porzellan der 60er- und 70er-Jahre in Österreich. Seine Geschichte beginnt Mitte der 50er-Jahre in Niederösterreich, als das auf Steingut spezialisierte Werk Wilhelmsburg (Österreichische Keramik AG) umgebaut wurde, um die Geschirrproduktion auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Als Ergänzung zum modernen Maschinenpark fehlte nach dem Umbau 1957 noch eine "Form", die das investierte Geld wieder hereinbringen sollte. Ziel war, neben der bereits bestehenden Serie "Hotel/Josefine" ein zweites hochwertiges und scheuerfestes Hotelgeschirr zu entwickeln.
Das unter der Marke "Lilienporzellan" firmierende Geschirr sollte preiswerter als die ausländische Konkurrenz (unter anderem Arzberg, Schönwald) sein und das Design dem zeitgenössischen Geschmack entsprechen: "Daisy" war das Resultat, das im Juni 1959 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Kaffee-, Mokka- oder Teeservice wurden in sechs Pastelltönen (Gelb, Grün, Rosa, Lila, Silbergrau und Blau), jeweils nach einer Farbe sortiert, angeboten. Zur Ergänzung erhielt man aus der (bereits bestehenden) Form "Cup", passend zu den Pastelltönen, auch Teller und Kuchenteller.
Farbabweichungen waren allerdings an der Tagesordnung und konnten trotz großer Bemühungen nicht eingestellt werden. Für eine Imagekorrektur ließ man tschechisches, deutsches und Lilienporzellan an der Technischen Hochschule in Wien auf seine physikalische Qualität prüfen. Das Ergebnis: Das Porzellan war weniger stoßempfindlich und die Kantenfestigkeit wesentlich größer als jene der importierten Fabrikate. Den Überlegungen, die Pastellserie wieder einzustellen, folgte eine wohl aus heutiger Sicht grandiose Vermarktungsidee: Die verschiedenen Pastellfarben wurden einfach in einem Service vereint und das gemischte Dekor "Melange" genannt. Das ursprünglich für den Hotel- und Gastronomiebereich gedachte "Daisy" fand großen Anklang als Haushaltsgeschirr - für den Hotel- und Gastronomiebereich wurde es dann auch in Weiß und (bis auf Zuckerdose und Suppentasse) auch in Espresso-Braun produziert.
René Edenhofer verfügt über einen großen Lagerbestand - "nicht um zu verkaufen, sondern um zu tauschen", wie er versichert. Es ist seit dem Erscheinen des Buches die einzige Möglichkeit, ein Teeservice zu komplettieren. Der Run auf diese nostalgische Porzellanserie hat sehr vehement eingesetzt und die Preise entsprechend in die Höhe katapultiert. Noch vor einem Jahr waren einzelne Tassen für ein bis zwei Euro zu haben, im Moment kosten sie zwischen acht und zehn, für einzelne Kannen werden schon mal bis zu 50 Euro verlangt, für eine große Vase 140.
Edenhofer weiß das, weil er im Auftrag eines amerikanischen Museums gerade fehlende "Daisy"-Teile zusammensucht. Sammlern empfiehlt er für den Einstieg, sich den Grundstock in den Kredenzen und Schränken der (Groß-)Eltern zu erstöbern. Und falls es diese bereits verkauft haben sollen, hat Edenhofers Schwiegervater neben Ergänzungsteilen wie Eierbecher & Co noch ein paar komplette Sätze der bis 1991 hergestellten Form in petto: etwa ein neunteiliges Mokkaservice (80 €), ein neunteiliges Teeservice (170 €) sowie das ab 1960 produzierte 24-teilige Speiseservice (360 €).
(DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2004)
"Lilien-Porzellan - von der
Keramik AG zur ÖSPAG",
65 €,
Eigenverlag,
230 S., 426 Abb.,
ISBN 3-9501460-1-6
lilienporzellan
@sammeln.at
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