Kein Pensionsjob für Buster Keaton!

20. April 2004, 20:57
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Statt sich darüber zu freuen, welche Fülle an Begabungen für das Amt des Staatsoberhauptes...

...dem schwarzen Füllhorn entquillt, reagiert die ÖVP wenig amüsiert auf Überlegungen des Rechnungshofpräsidenten, für den Job zur Verfügung zu stehen. Und gar nichts kann sie Franz Fiedlers Behauptung abgewinnen, sogar Minister der Volkspartei fänden Gefallen an seiner Bewerbung, sollte es denn zu einer solchen kommen. Deren Glaubwürdigkeit ist auch beunruhigend.

Dementsprechend sah sich "Die Presse" genötigt einzugreifen und den politischen Johannistrieb des ausgerasteten ÖVP-Mitglieds mit all den Kräften zu bremsen, die ihren führenden Redaktionsmitgliedern zur Verfügung stehen. Kanns der Franz? stellte Chefredakteur Andreas Unterberger Donnerstag sofort die falsche Frage. Denn Fiedlers Qualifikation für die Hofburg steht der von der "Presse" hochgelobten überparteilichen und dennoch parteioffiziellen Kandidatin gewiss in nichts nach und ist jedenfalls über all jene Zweifel erhaben, die über seine Geldgeber noch herrschen.

Was bringt eine Kandidatur Fiedlers? Nichts Gutes, laut Unterberger. Einen zweiten Wahlgang bei der unnötigsten Wahl des Jahres; peinliche Assoziationen zur Klestil-Epoche (durch die Verkündigung via "News"); nachträgliche Aufklärung zu Fiedlers rätselhafter Politik rund um ÖBB, Defizitabbau und Karl-Heinz Grasser und jedenfalls das Ende des Österreich-Konvents. Denn wer sich selbst in die politische Arena stürzt, disqualifiziert sich als neutraler Architekt eines neuen Verfassungsgebäudes.

Das ist der "Presse" bisher nicht einmal zum Präsidentschaftskandidaten Heinz Fischer eingefallen, auch ein nicht ganz unbedeutendes Mitglied dieses Konvents. Aber vielleicht soll die Ansage ohnedies nur eines bringen: einen Job in Fiedlers karger Pension, schließt Unterberger mit strahlendem Charme. Denkt er vielleicht an einen Job als Komiker? Im Blattinneren lautet der Titel über Fiedlers Biographie dann auch: "Buster Keaton" will in die Hofburg.

An Unterberger anschließend machte sich am nächsten Tag die innenpolitische Ressortleiterin des Blattes schwere Sorgen um Fiedlers Ruf. Ist ein bevorstehender Pensionsschock Grund genug, sich ganz fürchterlich lächerlich zu machen? Franz Fiedler befindet sich auf einer Gratwanderung, Absturz in die Peinlichkeit nicht ausgeschlossen. Die bisherige Ikone der Tadellosigkeit hat sich offenbar Jörg Haider ausgeliefert. Gerade, dass sie nicht die vorbeugende Psychiatrierung zum Schutz des Pensionsgeschockten beantragte.

Die Selbstauslieferung der Ikone der Tadellosigkeit an Haider wäre nicht so schlimm, drohte damit nicht - was der "Presse" mehr Sorgen macht - auch eine mögliche Auslieferung der Ikone der Erbarmungslosigkeit an Haider: Es könnte sich der "Jörg" durch eine Unterstützung Fiedlers an Wolfgang Schüssel bitter rächen. Wo der doch in Einhaltung seines Versprechens den "Jörg" bis aufs Blut gezähmt hat!

Um Fiedlers Charakterbild entsprechend zu konturieren, gab es auf Seite 3 einen Artikel über die ÖVP und ihre Abtrünnigen: Dann wollten sie von ihrer Partei nichts wissen. Die ÖVP hat sie "gemacht". Und hätte sich Dank erwartet: Politiker, die sich plötzlich gegen die Partei wenden. "Ich liebe den Verrat, aber ich hasse den Verräter, wird, um alle Zweifel an der Haltung des Blattes auszuräumen, aus dem Lateinischen zitiert. Der prominenteste "Verräter - in politischen Kategorien ein zugegeben schnell verwendeter Begriff (aber was soll man machen, wenn die Zeit drängt) - ist wohl der amtierende Bundespräsident Thomas Klestil.

Sein größter Verrat: die legendäre Angelobung des Kabinetts Schüssel I, bei der Klestil mit beinahe schauspielerischer Mimik seinen Widerwillen bekundete. Interessant ist hier die selektive Wahrnehmung der "Presse", lässt sie doch den vorhergehenden doppelten Verrat Schüssels, der versprochen hatte, nicht als Dritter nach dem Kanzleramt zu greifen und nicht mit Haider eine Koalition einzugehen, einfach unter den Tisch fallen. Dann wollte er von seinen Versprechen nichts wissen, und "Die Presse" begleitet ihn dabei.

Am Samstag - außer vom Verräter geschürte Vermutungen gab es in der Angelegenheit nichts zu vermelden - versuchte sich ein altgedienter Redakteur unter dem Kürzel hws mit einem pizzicato als Satiriker. Titel: Die "Marke Fiedler". Der dritte Bewerber um das höchste Amt im Staate ziert sich zwar noch, hat aber schon eine Agentur. Wir durften bei der ersten Besprechung mit Franz Fiedler dabei sein. "Als erstes werden wir ihr Stecktuch-Outfit leicht modifizieren. Britische Sakkos und schmale Krawatten sind out." Und schon steckte der Anwärter in einem kanariengelben Overall.

Abgesehen von dem Detail, dass ein kanariengelber Overall wohl kaum auf dem Mist einer blauen Werbeagentur wachsen dürfte, war das zum Schreien komisch. Es kam aber noch viel lustiger. "Aber, ich bitt' Sie, so kann ich doch nicht auf die Straße!" ächzt die Ikone der Tadellosigkeit. - Statt einer Antwort knallte ihm der Stylist ein flottes Baseball-Käppi auf den akkuraten Bürstenhaarschnitt. Und so schreitet die Verwandlung der "Marke Fiedler" fort, bis der Markierte am Ende mit letzter Kraft japst: Sagen Sie mal, wo is 'n hier der Keller? Ich brauch' das." - "Wozu?" - "Dorthin gehe ich immer lachen."

Verständlich, dass "Die Presse", das Zentralorgan für durch nichts zu trübende Heiterkeit, an der Person Franz Fiedlers die Hofburg-Qualifikation eines Lachsacks schmerzlich vermisst. Joblos soll er in seine karge Pension gehen! Und seien wir ehrlich: Verräter verdienen es nicht anders. (DER STANDARD; Printausgabe, 9.3.2004)

Von Günter Traxler
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