"Es hat viel zu wenig Protest gegeben"

9. März 2007, 11:02
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Germanist Schmidt-Dengler rechnet im Interview mit derStandard.at mit Organisationsplan und Unireform ab

derStandard.at befragte den Institutsvorstand der Germanistik Wien, Wendelin Schmidt-Dengler, in einem e-mail-Interview zu aktuellen Themen rund um die Universitätsreform. Als Antwort kam die folgende Abrechnung:

* * *

derStandard.at: Studierende und Mittelbau der Universität Wien fürchten um die Demokratie an der Universität Wien. Nun hat Rektor Winckler Kompromissbereitschaft gezeigt und angekündigt, im neuen Entwurf Änderungen bezüglich des Mitspracherechts sowie einer Gliederung der Fakultäten in Substrukturen vorzunehmen. Wie stehen Sie zu diesem neuen Entwurf und was halten Sie von dieser Art der versuchten Konsensfindung?

Schmidt-Dengler: Hätte man das nicht besser und einfacher haben können? Mussten die Möglichkeiten, die das autoritäre Gesetz bietet, autoritär ausgeschöpft werden und die Kritik des Senats, des Universitätsrats herausfordern? War es notwendig, die Sache so weit zu treiben, dass sich alle, Studierende, Mittelbau, Professoren und Verwaltungspersonal desorientiert, demotiviert und gekränkt fühlen? Was ist von einer Reform zu halten, die hinter den Status der Universität von vor einem Jahr zurückfällt?

Wo ist der Sinn fürs Betriebswirtschaftliche geblieben, auf den sich doch die Reformer beriefen? Was wäre, wenn es nicht die alten Strukturen (Studienkommissionen, Dekanate, Institutsvorstände) noch gäbe, die man aus Verlegenheit im Amt belassen hat, bevor man sie zerschlagen wollte? Wo kann hier von Konsens die Rede sein? Was musste nicht alles geschehen, um von einer „Kompromissbereitschaft“ des Rektorats überhaupt sprechen zu können?

derStandard.at: Wird es Ihrer Ansicht nach bei diesem Entwurf bleiben oder werden noch weitere folgen (müssen)?

Schmidt-Dengler: Bei diesem Entwurf kann es nicht bleiben; er besteht vorwiegend aus Löchern.

derStandard.at: Welche Änderungen werden sich durch diesen neuen Organisationsplan für "Ihr" Institut ergeben? Worin bestehen die größten Probleme?

Schmidt-Dengler: Das kann man gar nicht sagen, da alles so vage ist.

derStandard.at: Was halten Sie inhaltlich von der neuen Gliederung der Fakultäten?

Schmidt-Dengler: Nichts.

derStandard.at: Halten Sie die bisherigen Protestmaßnahmen seitens der betroffenen Personen für sinnvoll und ausreichend?

Schmidt-Dengler: Es hat viel zu wenig Protest gegeben. Wir waren dauernd damit beschäftigt, die Patzer zu korrigieren, die bei der Implementierung des UG 2002 gemacht wurden, dass wir nicht einmal Zeit für den Protest hatten. Wir waren außerdem viel zu höflich.

derStandard.at: Welche Themen fehlen Ihnen bei den Diskussionen rund um die Neugestaltung der Universität Wien?

Schmidt-Dengler: Mir fehlt jede Art eines theoriegeleiteten Konzepts, das für die wissenschaftliche Praxis unentbehrlich ist. Wer „Universitäten im Wettbewerb“ als Devise ausgibt, bekennt damit, dass er von dem Wettbewerb, in dem die Universitäten bisher standen, nichts weiß.

derStandard.at: Nach der Meinung von Walter Wippersberg hat "das bisherige System gut funktioniert". Wenn dem so ist, woran kranken die Universitäten dann? Auch sieht er in der Implementierung des neuen Universitätsgesetzes eine "ideologische Reform", die er u.a. mit "weniger Demokratie wagen" beschreibt.

Schmidt-Dengler: Das System hat – vergleichsweise – gut funktioniert. Man hat miteinander geredet, vielleicht auch zu viel geredet. Was fehlte: Eine ständige und streng einzufordernde wissenschaftstheoretische Positionierung jedes Einzelnen, ein Überdenken unserer didaktischen Prämissen und unserer Wissenschaftspraxis. Eine genaue Funktionsbestimmung der einzelnen Universitäten (Massenuniversität oder nicht) und damit auch eine Beschreibung des Rahmens, innerhalb dessen die Forschung möglich ist. Man hat verkannt, dass die Forschung von den Universitäten in andere Institutionen abgewandert ist. Das alles gilt es zu reparieren. Nicht reparieren wird man die grundsätzlich neurotische Disposition jener können, die Wissenschaft treiben.

derStandard.at: Haben Sie gedacht, dass in Österreich eine derartige Uneinigkeit zum Begriff "autoritär" herrscht?

Schmidt-Dengler: Ich glaube, es herrscht gar keine Uneinigkeit. Nur Herr Khol hat ein etwas limitiertes Verständnis des Begriffes, wie seine Beiträge im Standard gezeigt haben.

derStandard.at: Ein kleines Gedankenspiel: In den internationalen Medien wird die Bühne der innenpolitischen Auseinandersetzung oft als "Posse" oder "Boulevardkomödie" beschrieben. Nehmen wir an, Österreichs Innenpolitik gleiche wirklich einer solchen theatralischen Inszenierung: Denken Sie, dass auch Ihnen eine kleine Rolle darin zuteil wurde als so manche Ihrer Aussagen vor dem Österreich-Konvent im Jänner dieses Jahres als "Polemik", "Komik" und "töricht" bezeichnet wurden. Und wenn ja, wie würden Sie Ihre "Figur" in Beziehung zu den der Hauptdarsteller charakterisieren?

Schmidt-Dengler: Natürlich, die ganze Welt ist Bühne. Meine Rolle will ich durch einen anmaßenden Vergleich charakterisieren. Wenn Thomas Bernhard als Übertreibungskünstler etwas sagte, dann haben alle zu reden angefangen und wurden dadurch kenntlich. Ich verfüge nicht über Thomas Bernhards Kunst der Übertreibung, sondern habe nur über meine Erfahrung gesprochen, und der zweite Mann im Staate hat sich zu erkennen gegeben. (8.2.2004)

von C. Hager

Teil 2 der derStandard.at-Interview-Reihe zur Unireform

Links

Universitätsgesetz

Universität Wien

Institut für Germanistik

Nachlese

... und dazu stehe ich, Gentlemen Unireform! Demokratie! Diskurs! – Andreas Khol antwortet in einem Kommentar der anderen erneut seinen Kritikern

"Autoritär sind Diktaturen!" Kommentar der anderen von Andreas Khol über Schmidt-Denglers "Streitrede" zur Unireform

Weniger Demokratie wagen? Lassen wir, liebe Lesergemeinde, die Aufregung um die "Tortung" eines Rektors einmal beiseite und betrachten wir ganz nüchtern die Auswirkungen der Unireform auf den universitären Alltag ... - Kommentar der anderen von Walter Wippersberg

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