"Nacktschnecken": Vom einfachen Vergnügen

26. März 2005, 23:00
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Eine "angenehm leichtgewichtige" Komödie made in Austria: Michael Glawoggers "Nacktschnecken"

Eine "angenehm leichtgewichtige" Komödie made in Austria: Michael Glawoggers "Nacktschnecken" kommt in die heimischen Kinos und zielt nicht auf die schnelle Wuchtel, sondern entwickelt vielmehr eine eigenwillige Alternative zum heimischen Komödienmainstream.

Wien/Graz – Wie macht man ein einfaches Vergnügen kompliziert? Zum Beispiel, indem man sich – nach dem Reglement eines beliebten Gesellschaftsspiels – erst eine Mütze und eine Skibrille aufsetzt, dicke Handschuhe anzieht und dann noch zu Messer und Gabel greift, wenn man Schokolade essen will.

Was gleich zu Beginn von Nacktschnecken fürs Schokoladeessen gilt, lässt sich auch auf andere Genüsse übertragen: Und so ergreifen zwei in finanzieller wie sexueller Hinsicht unbefriedigte Grazer Studenten, deren Ideen für grenzgeniale Werbespots ebenso wenig zünden wie die Aufrissversuche in der Disco, eine vordergründige Gelegenheit, das Angenehme mit dem Einträglichen zu verbinden und im Auftrag eines "Andritzer Strizzis" einen Pornofilm zu drehen. "Einschalten, draufhalten" heißt das Motto; auch die Rahmenhandlung ist schnell gefunden: Man nehme ein paar Intellektuelle, die "treffen sich, reden g'scheit und pudern". Genau. Es darf gelacht werden.

Richtig daneben

Nacktschnecken, der neue Film von Michael Glawogger (Megacities, Frankreich, wir kommen, Zur Lage), der soeben in den heimischen Kinos gestartet ist und am Samstag auch im Rahmen der Diagonale gezeigt wird, ist also eine Ausnahmeerscheinung im gegenwärtigen heimischen (Spiel-)Filmschaffen: Eine "angenehm leichtgewichtige" Komödie, die ihre Vorbilder, so der Regisseur im Gespräch mit dem STANDARD, eher im US-amerikanischen Independent-Kino sieht und ihren eigenwilligen Humor aus der Handlung, aus einem spezifischen – im heimischen Kino weit gehend nicht vorhandenen – Milieu und Lebensgefühl heraus entwickelt.

Eine Mischung aus "Quasselfilm" (Glawogger) und Slapstick: "Lachen als Befreiung funktioniert meist über haptischen Humor: etwas angreifen, etwas fallen lassen, wo drüberstolpern. Deshalb haben wir uns zunehmend getraut, auch albern zu sein und auch einmal jemanden gegen eine Glastür rennen zu lassen." Voll daneben also, und damit gerade richtig in Sachen beherzter Dilettantismus, schönste Peinlichkeit und mit viel Sinn für komische Größe in der herrlichsten Armseligkeit.

Drehbuch von Michael Ostrowski und TiB

Zurück geht das alles auf das Drehbuch des nunmehrigen Hauptdarstellers Michael Ostrowski. Welches in weiterer Folge gemeinschaftlich mit dem Ensemble aus dem Umfeld des Grazer Theaters im Bahnhof (der im übrigen auch ein Pornokino beherbergt) umgesetzt und ausgebaut wurde. So verkörpert nun – neben Raimund Wallisch, Pia Hierzegger oder Detlev Buck – etwa Georg Friedrich einen großartig enervierten Johnny-Winter-Lookalike mit schwerer libidinöser Bindung an seine gelbe Corvette.

Wobei der offenkundige (und ansteckende) Spaß aller Beteiligten an der Sache mitunter auch einen gewissen Hang zum Exkurs nach sich zieht und sogar der Regisseur zugibt, dass man sich von manchen Dingen einfach nicht mehr habe trennen können – umgekehrt jedoch auch die Konzentration auf das leer stehende Elternhaus, in dem die Pornoamateure schließlich ihre gruppendynamischen und filmischen Experimente verfolgen, nicht im Sinne der Erfinder gewesen wäre.

Aufräumen mit der "Playboy"-Ästhetik

Vor allem die Herren exponieren sich ebendort ohne Rücksicht auf Verluste, um endlich mit der überkommenen "Playboy"-Ästhetik aufzuräumen, nach der "eine nackte Frau einfach schöner ist als ein Mann". Schließlich wohnt dem Unernst auch ein wenig ernste Weltsicht inne: "Die Spaßkultur behauptet immer noch, es gibt was umsonst. Das ist alles eine große, bunte Lüge. Im Endeffekt wird doch auch bei Starmania bloß das Scheitern vermarktet. Es geht nicht um jemanden, der wirklich Popstar wird, sondern darum, was aus all den Losern nicht geworden ist."

Was mögliche, wünschenswerte Folgeerscheinungen von Nacktschnecken betrifft, so sieht Glawogger den bisherigen Mangel an vergleichbaren Filmen eher pragmatisch: "Wenn es gewisse Filme in Österreich nicht gibt, dann ist das nicht von oben verhindert, sondern es ist das kreative Bedürfnis noch nicht da. Wenn man das unbedingt will, dann geht das bei uns, behaupte ich. Bei einer Komödie ist es sicherlich so, dass die sich auch mit einem entsprechenden Publikum etablieren muss. Dieses Experiment wird auch daran gemessen werden, ob es wo auftrifft. Mit dem viel geschmähten Kabarettfilm ist es immerhin so, dass man sehr genau weiß, wo der hingeht, wie der funktioniert. Das ist nicht aus dem Ärmel geschüttelt, der hat sich das erarbeitet." (DER STANDARD, Printausgabe vom 6./7..3.2004)
Jetzt im Kino

Von
Isabella Reicher
  • Michael Ostrowski bemüht in dem Film "Nacktschnecken" auch die Segnungen der über­bordenden Lustmittel­industrie: Der Vergleich macht ihn sicher.
    foto: diagonale

    Michael Ostrowski bemüht in dem Film "Nacktschnecken" auch die Segnungen der über­bordenden Lustmittel­industrie: Der Vergleich macht ihn sicher.

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