Döbling, ein Hort des Verbrechens

20. April 2004, 20:57
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Kolumnisten können gnadenlos sein, wenn es darum geht, Eigentumsdelikte zu verfolgen, welcher Natur diese auch immer sein mögen; und die rasenden Reporter der "Kronen Zeitung" ...

... versorgen sie täglich mit Anlässen zu immer neuer Entrüstung. So war ein dreister Dieb in Wiener Neustadt (Niederösterreich), auf frischer Tat ertappt, dem Blatt dieser Tage eine rot unterlegte Meldung wert - schließlich gilt es, die Scheußlichkeit seiner Untat gebührend zu dokumentieren: Der fleißige Langfinger aus Rumänien hatte eine Käsereibe, edles Besteck und eine elektrische Zahnbürste in seinen Manteltaschen versteckt.

Dafür, dass der Mann Rumäne war, ist er in der "Krone" gut weggekommen, wurde doch immerhin sein Fleiß hervorgehoben und sein Wille zur Mundhygiene nicht verschwiegen. Auch die Andeutung, dass in Transsilvanien schon mit Messer und Gabel gegessen wird, ist als Zeichen redaktioneller Objektivität im Kampf der Kulturen zu werten.

Aber nicht jedes Verbrechen wird so verständnisvoll abgehandelt. Jeder Spaß hört sich auf, wenn Professor Reinald Hübl menschlich betrachtet, wie eine "Kronen Zeitung" gestohlen wurde. Dabei begann alles so idyllisch. Frau Regina O. geht mit ihrem Mann spazieren. In Wien-Döbling, Richtung Michaelerwald. Es ist Sonntag und die Luft tut gut. Leider liegt etwas Ruchloses in derselben.

Das Ehepaar passiert gerade die Ecke Michaelerweg und Peter Altenberg-Gasse, womit der Tatort eindeutig feststeht, als ein recht vornehmes und nicht billiges Auto daherkommt. Recht vornehm und auch noch nicht billig - nur zwielichtige Figuren bewegen sich also motorisiert durch Wien-Döbling. Man spürt, da herrscht nicht nur gute, sondern auch dicke Luft. Und so ist es. Der Wagen wird angehalten, eine Tür geht auf, ein Kind springt heraus, läuft zu den Selbstbedienungstaschen für Zeitungen, schnappt vor den Augen von Spaziergängern - Bonny und Clyde nichts dagegen - eine "Kronen Zeitung" und einen "Kurier", eilt zum Auto zurück, steigt schnell ein und es wird losgefahren. Münzen waren bei dem Vorgang nicht im Spiel. Es war Diebstahl.

Da Frau Regina O. und ihr Mann in Professor Hübls menschlicher Betrachtung nach ihrem Luftbad nicht mehr auftauchen, darf man annehmen, dass sie es waren, die der "Krone" diesen grausigen Anschlag auf die ökonomischen Grundfesten der Mediaprint gemeldet haben. Es gibt eben noch Menschen, die nicht tatenlos zusehen, wie das familiär organisierte Verbrechen auch schon auf Döbling übergreift. Zum Glück!

Denn wie viel Arbeitsleid steckt doch hinter dem Produkt, das da an jeder besseren Straßenecke schnöde entwendet wird. Wir hocken hinter Computern, wir rasen durch die Welt, wir faxen und mailen, wir fotografieren, wir gestalten unsere Zeitungsseiten, wir funken unsere Halbprodukte zur Druckerei, dort wird gedruckt, verpackt, verladen, Autos sausen los, und am Sonntag liegt die Zeitung an jeder besseren Straßenecke. Sogar fleißige Langfinger aus Rumänien würden da respektvoll ihre Finger an sich halten und in sich gehend der "Krone"-Schreiber gedenken, wie sie ihre Halbprodukte zur Druckerei funken.

Und sie tun noch mehr! Wir rechnen mit der Ehrlichkeit der Menschen und können auf sie bauen. Und dann kommt so eine Nobelkarosse, drinnen eine Mutter oder ein Vater, und ihr Kind wird zum Stehlen geschickt. Schade, dass Frau Regina O. nicht die Geistesgegenwart hatte, das rumänische Kennzeichen der Nobelkarosse zu notieren. Denn es ist kaum anzunehmen, dass der Professor noblen Döblinger Eltern je unterstellen würde, sie schickten ihre Kinder zum Stehlen. Die ihrem Kinde nicht "Mein und Dein" erklären, nicht Ehrlichkeit vorleben, um es zu einem anständigen Menschen zu machen.

Am Sonntag statt am Dienstag ins Blatt gerückt, hätte Hübls Halbprodukt mehr zur Ehrlichkeit in Döbling beitragen können. In der gestohlenen "Krone" hätten die Diebe seine Moralpredigt gelesen und ab sofort reuig ein weniger vornehmes Auto genommen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 5.3.2004)

Von Günter Traxler
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