Arbeitslos für Fortgeschrittene

29. Juli 2004, 10:57
15 Postings

Die Journalistin Dörthe Kaiser hat nach ihrem Jobverlust zwölf Monate lang Tagebuch geführt - bis sie die Schnauze endlich voll hatte und selbstständig wurde

Arbeitsämter, Personalvermittlungsagenturen und Zeitarbeitsfirmen legen zwar täglich einen zappelnden Aktionismus an den Tag, doch wenig bis gar nichts passiert. Sichtbar wird ein perfektes Arrangement zwischen Täter und Opfer.

Auch Dörthe Kaiser, Autorin des Buchs "Arbeitslos für Fortgeschrittene", gestaltet ihre Ausweglosigkeit aktiv mit. Bis sie die Schnauze endlich voll hat und die einzige richtige Ausfahrt wählt: Sie wird selbstständig.

Nicht mehr zumutbar

Die Journalistin wurde im Frühjahr 2001 arbeitslos. Besser gesagt, sie kündigte ihr Arbeitsverhältnis wegen nicht mehr zumutbarer Arbeitsumgebung. Das tägliche Mobbing hatte sie ausgezehrt.

Was folgt? Die typische Karriere einer arbeitslosen Akademikerin im Umgang mit Arbeitsämtern. Die 41-Jährige hat diese Erfahrungen ein Jahr lang in einem Tagebuch zusammengetragen. Sie beschreibt den bizarren Umgang zwischen Behörden und der Jobsucherin in diesem Zeitraum. "Verblüffend schnell wurde ich zu einer (Arbeitslosen-)Nummer, die einfach verwaltet wird", so die Autorin.

Monotoner Berichtsstil

Im monotonen Berichtsstil lernt der Leser fortan die Karriere einer Arbeitslosen kennen. Die Aufnahme als "stellensuchende Arbeitskraft im Arbeitgeber-Informations-Service AIS im Internet", die erste Stellenanzeige in der Arbeitsamtszeitung, die ersten schriftlichen Bewerbungen bei Personalvermittlungs-und Zeitarbeitsfirmen.

Immer tiefer schlittert Kaiser in diesen Dschungel, in dem sich scheinbar professionelle Helfer in ihrer Wirkungslosigkeit täglich zu überbieten versuchen. Hauptsache Schema F! - tatkräftig unterstützt von der Autorin. Denn die hat verständlicherweise wenig Lust, sich unter ihrer Qualifikation vermitteln zu lassen. Was an Angeboten hereintrudelt, übersteigt nie das Niveau des Zehnfingersystems mächtiger "deutscher Schreibkräfte".

Widerstand

Um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, verschickt Kaiser ihre Bewerbungen in billigen Pappmappen, legt Schreckschrauben-Bilder von sich bei und kommt zu Bewerbungsgesprächen gerne einmal in Badeklamotten.

Der Alltag plätschert leise dahin. Unterbrochen von Krankschreibungen, in denen der Bewerbungszugriff durch Behörden und Agenturen ausgesetzt ist. Dann macht die Kaiser Urlaub am Meer oder in den Bergen.

Mit der Zeit hat der Leser den Eindruck, dass sich Opfer und Täter bestens arrangieren. Nach einem halben Jahr nimmt der Reigen an Vorstellungsgesprächen sowie an schriftlichem oder telefonischem Bewerbungsschreiben-Management sowieso ab. Allen Beteiligten scheint klar zu sein: Diese Frau ist nicht vermittelbar.

Aktionismus

Etwas mehr Aktionismus legen immerhin die Personalvermittlungsagenturen an den Tag. Sie laden wenigstens zu Kennenlerngesprächen und tun so, als ob sie sich bemühen würden. Aber auch sie können keine adäquaten Jobs aus dem Hut zaubern. Denn höher qualifizierte Jobs sind rar.

Mit der Zeit nervt das Gejammer der Autorin. Denn ihre ausgeklügelten Ausweichmanöver, nur nicht wieder eingefangen zu werden, lähmen dieses marode System ebenso stark wie von oben her. Wer nämlich nur damit beschäftigt ist, Angebote ins Leere laufen zu lassen oder sie ungesehen abzulehnen, Krankheiten vorzutäuschen, um bequem in Urlaub zu fahren, oder schlecht gekleidet und muffig zu Bewerbungsgesprächen zu erscheinen, wird zum Mittäter und Mitgestalter der eigenen Ausweglosigkeit.

Fazit: nichts passiert

Fazit: Seit Jahren wird täglich in Politik und Medien ein Ballyhoo um neue Arbeitsvermittlungsstrukturen gemacht, werden Agenturen und Behörden angeblich auf Vordermann gebracht. Und was passiert? Nichts.

In den Arbeitsämtern wird dauergeschnarcht, Politiker putzen sich die Hände ab, wenn sie irgendein Jobvermittlungsgesetz auf die Spur gebracht haben, und Journalisten schreiben bar jeden Wissens die PR-Broschüren des Arbeitsamts ab. Nur wenige fragen nach, warum es für viele keine guten Jobs mehr gibt, und warum die Arbeitslosenquote partout nicht sinken will. Und noch weniger fragen nach, wie die Zukunft der Arbeit aussehen wird, und warum wir dafür neue Unternehmen und Organisationen benötigen. Bücher wie die von Kaiser beschreiben nur karge Verfallsbeschreibungen, bieten aber keine Perspektiven und Zukunftslinien an.

Wenigstens hat die Autorin die richtige Konsequenz aus ihrem verschenkten Jahr gezogen. Sie ist jetzt selbstständig. (Peter Felixberger, DER STANDARD Printausgabe, 28./29.2.2004)

Peter Felixberger ist Geschäftsführer und Chefredakteur des Onlinemagazins "changeX". Link

changeX.de

Buchtipp

Dörthe Kaiser:
Arbeitslos für Fortgeschrittene.
Erfahrungsbericht einer Jobsuchenden,
Rowohlt Verlag,
2004, 12 €,
ISBN 3-499-61654-8
  • Bild nicht mehr verfügbar

    In der Arbeitslosenverwaltung nach Schema F arrangieren sich Opfer und Täter - die Folge: Nichts passiert

Share if you care.