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Saint-Laurent du Maroni
Der Herr des Feuers lächelt. Glänzende "Bischofshüte" hat er schon entdeckt. Daneben "matoto", Früchte klein wie Erbsen und frische "Kirschen", zwar auch dunkelrot, aber mit pfeffrigem Aroma. Ganz besonders gefallen ihm die prallen "Hintern von Mama Jack". In Grün, Gelb und Rot sind sie bei den Marktfrauen zu haben. Jean-Yves Jardinot kauft die ganze Ernte.
Der Herr des Feuers, wie ihn eine alte Händlerin scherzhaft nennt und dabei auf die brennende Wirkung seiner Kreationen anspielt, braucht Nachschub für seine Hexenküche. Dort entsteht aus den Chili-Früchten, die in der kreolischen Sprache höchst eigenwillige Namen tragen, eine außergewöhnliche Paste. Pur genossen rinnt sie wie brodelnde Lava die Speiseröhre hinunter und verliert trotz literweise Löschwasser nichts von ihrer zerstörerischen Kraft.
Schärfe als Elixier des Lebens ...
... Das bestimmt Cayenne, Hauptstadt des skurrilen französischen Départements Guayana und Namensgeberin für den berühmten Pfeffer, den man - zumindest in einer kleinen Prise - überall im Land schmecken kann.
Ein schwarzer Goldsucher schürft im khakifarbenen Fluss nach seinem persönlichen Eldorado - und hat bei den Wahlen vor zwei Jahren für Präsident Chirac gestimmt. Lischelona, der Kalina-Indianer mit dem schulterlangen, feinen Haar, pflegt bei den Festen seines Dorfes die Traditionen der Vorfahren - und zahlt für das Essen nach dem Tanz selbstverständlich mit Euro und Cent. Eine Enklave gallischer Lebensart im südamerikanischen Dschungel, der immer noch 90 Prozent der Fläche Französisch-Guayanas bedeckt. Wo einst der Sklaverei entkommene Schwarze, die sich selbst Buschneger nennen, am breiten Maroni-Fluss Pirogen über Stromschnellen steuern, auf dessen kleinen Inselchen im Niemandsland zwischen Französisch-Guayana und Surinam Hanf anbauen und sich an die Regeln des Voodoo halten.
Weltraumbahnhof Kourou
Wo sich Faultiere auf den Bäumen ausruhen und wenige Kilometer weiter Monat für Monat ein 100 Millionen Dollar teurer Feuerball den Nachthimmel erhellt: Von Kourou, einem High-Tech-Implantat voller hermetisch abgeriegelter Reinräume neben dem dampfenden Regenwald, startet mit den Ariane-Raketen Europas Weltraumtraum.
Zehntausende Zuschauer fiebern aus sicherer Entfernung mit. So verlief auch am vergangenen Dienstag der Countdown: Die europäische Raumfahrtbehörde Esa schoss die Sonde Rosetta ins All. Bei ihrer fünf Milliarden Kilometer langen Reise soll sie zehn Jahre lang den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko jagen und dann im November 2014 auf dessen Eispanzer einen Roboter absetzen. Eine Pionierleistung, von der sich die Weltraumforscher viele neue Informationen versprechen. Es ist der erste Versuch in der Geschichte der Raumfahrt, eine Sonde auf einem Kometen landen zu lassen.
"Das einzige Land auf Erden, in das noch nie ein Mensch zu seinem Vergnügen gekommen ist", heißt es noch in den 1920er-Jahren. Doch heute ist Guayana nicht mehr die Strafkolonie der Grande Nation, in die der französische Staat seine Kleinkriminellen und Verbrecher entsorgte.. Mitte des vergangenen Jahrhunderts schlossen die Behörden die Gefängnisse. Heute hat sich die Natur die meisten Hütten der Zwangsarbeiter wieder zurückgeholt - auf dem paradiesisch-schönen "Archipel der Verdammten" kann man aber noch in die schaurige Vergangenheit blicken. Die drei kleinen Inseln mit ihrer hübschen Sandstrand-Kulisse liegen in Sichtweite vom Startplatz der Ariane-Raketen vor der Küste von Kourou.
Ehemalige französische Strafkolonie
Hier schmorte einst viele Jahre lang der politische Gefangene Alfred Dreyfus, bis er rehabilitiert wurde. Hier saß der Häftling in Einzelhaft, dessen Geschichte später per Roman und Film weltberühmt wurde: "Papillon" entkam mit einem selbst gebauten Floß aus Kokosschalen. In den beängstigend engen Zellen machen sich heute Bäume breit, sprengen mit ihren Wurzeln die Wände der muffigen Verliese. Die Stille hier hat etwas sehr Unangenehmes.
Statt mit der unrühmlichen Geschichte (der Großvater von Frankreichs derzeitigem Tourismus-Staatssekretär kam als Gefangener nach Südamerika) wirbt man in Französisch-Guayana lieber mit dem Artenreichtum Amazoniens. Naturfreunde zieht es in die Savanne von Kaw, um nachts nach den glänzenden Augen der seltenen schwarzen Kaimane Ausschau zu halten. Ökotouristen, die vom Jaguar und dem legendären blauen Morpho-Schmetterling schwärmen, sprechen von einem Geheimtipp.
Für die Sicherheit ist ebenfalls gesorgt: Weil die meisten Führer bei den Exkursionen in den Regenwald auch ein Satellitentelefon mitnehmen, bringt einen im Notfall ein Hubschrauber ins nächste (nach französischem Standard ausgestattete) Krankenhaus. Und die Natur wird man auch in Zukunft genießen können: Dank der finanziellen Unterstützung aus Paris trotzt hier, anders als in den Nachbarländern, kaum jemand per Brandrodung dem Dschungel Land ab.
Keine Autobahn, keine geteerten Straßen - umsteigen auf Flugzeug oder Boot
Von staatlichen Beihilfen lebt man in Französisch-Guayana ganz passabel; böse Zungen nennen die mit der Anzahl der Kinder steigende Unterstützung deswegen schlicht "argent braguette" - Hosenschlitzgeld. Keine Autobahn, keine geteerten Straßen: Abseits der 350 Kilometer langen Küste kommt man auf vielen Pisten nur mit dem Geländewagen weiter - zumindest einige Kilometer.
Dann steigen die Reisenden auf Boot oder Flugzeug um. Das alles in einem französischen Département, in dem der Bäcker morgens selbstverständlich Baguette ausliefert - mit im Durchschnitt zwei Menschen pro Quadratkilometer, die als Käufer in Frage kommen. Acht Stunden dauert der Inlandsflug von Paris, und selbst das Mineralwasser kommt 7000 Kilometer weit über den Atlantik. Welten prallen scharf aufeinander, doch alles ist Europa. Passend dazu der Slogan der Tourist-Information: "Bei ihrer Rückkehr wird Ihnen niemand glauben."
Scharfe Gegensätze, wohin das Auge blickt.
Eine spannende, eine unbekannte Region, in Europa oft verwechselt mit dem afrikanischen Guinea oder Papua-Neuguinea bei Australien (und das, obwohl eine kleine Karte des Landes sogar auf jedem Euro-Schein zu finden ist, auf der Rückseite gleich neben den griechischen Buchstaben). Deutlich werden die Kontraste vor allem in Cayenne, der größten Stadt Französisch-Guayanas. Die kreolischen Holzhäuser mit ihren rostenden Wellblechdächern und den schmiedeeisernen Balkonen verströmen einen morbiden Charme. Quicklebendig dagegen drei Mal in der Woche der Markt, wo sich allerlei Ureinwohner und Einwanderer aus Surinam treffen. Hier kauft der "Herr des Feuers", an die 300 Kilogramm Chili sind es an diesem Tag. "Scharf sind sie eigentlich alle", erklärt er, "also immer nur wenig probieren und darauf achten, dass nie etwas in die Augen kommt." (Der Standard/rondo/5/3/2004)
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