Gerührt – nicht geschüttelt

1. Dezember 2004, 17:30
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Jeder Fan von James Bond weiß, dass Agent 007 seine Martinis geschüttelt, aber nicht gerührt bevorzugt. Wenn es jedoch um modernste Skitechnik geht, ist genau das Gegenteil der Fall...

... Eine sanfte Fahrweise ist angesagt, in der Gewissheit, dass unsere Helden dabei eher weich im Stil wirken und am Siegespodest ruhig gerührt sein dürfen, aber definitiv während der Fahrt nicht geschüttelt werden.

Gezogen – nicht gesetzt

Der typisch "spritzige" Slalomstil, reifere Leser mögen sich vielleicht seiner Wedelwurzeln erinnern, ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Der Umgang mit den äußeren Kräften hat sich verändert – er ist im Riesenslalom schon längst und im Slalom vor kurzem zu einem Spiel mit dem Körperschwerpunkt entlang des Kurvenradius geworden. Wer schnell sein kann, setzt den Ski nicht in den Schnee, sondern zieht mit ihm um die Kurve.

Skilaufen – nicht Skifahren

Gleichzeitiges paralleles Umkanten beider Skis als "ultimative Carvingtechnik" in manchen Fachkreisen sehr hoch angesehen, scheint also zumindest wenn es ums Tempo im Rennlauf geht, nicht unbedingt in jeder Situation der Skifahrerweisheit letzter Schluss. Beim genaueren Hinsehen kann man feststellen, dass sich der Skisport vom Skifahren zum Skilaufen entwickelt. Um seine Skis laufen zu lassen und nicht gegen sie zu arbeiten ist sprichwörtlich ein nächster Schritt angesagt. Der „Wechselschritt“ ist bei manchen Topläufern auch im Slalom eine sehr effektive Technik um den Druck auf dem Ski zu lassen, während Topfahrer in der selben Situation ihre Ski so parallel einsetzen, dass sie mit Volldampf voraus verlieren.

Timing – nicht Zeitnot

Neben der Technik und einem Stil, der einen durchgängigen Bewegungsfluss von Kopf bis Schnee ermöglicht, ist auch Linienwahl und Aufkanttiming entscheidend. Wird gegen Schwungende der Aufkantwinkel sehr groß und die Kurve sehr eng, dann bleiben nur zwei Möglichkeiten – entweder der Läufer reduziert den Druck auf die Ski und lässt Energie nach oben "verpuffen" oder ein "Highsider" ist kaum vermeidbar.

Auf extremen Steilhängen, wie zuletzt am Worldcuphang in Kranjska Gora, können nur wenige Männer zeigen wie Linienwahl und radiale Kräfte zu einer weichen Komposition verschmelzen. Rennläufer mit geringerer aggressiver Bewegungskoordination tun sich dabei sichtlich leichter, sie sind es gewohnt ihre Kraft viel feiner zu dosieren; deutlich sichtbar wird dies im Frauenworldcup. Dort scheinen sich auch die Kurssetzer bereits konsequenter für moderne Linienwahl entschieden zu haben. Die schönsten auf der Kante gezogenen Kurven kann man übrigens immer auf relativ flachen Hängen beobachten und dort werden sie auch von Rennläufern akribisch geübt – solange bis es dann auch in Kranjska Gora oder Schladming klappt.

Also Hobbyskiläufer, Ihr seid in bester Gesellschaft, wenn Ihr Euch trotz gelöstem Megapistenskiticket Zeit nehmt die Erfahrung der neuen Dynamik zuerst am sonst verschmähten Idiotenhügel auf Euren Stil wirken zu lassen! (Nicola Werdenigg)

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