Machen Kleider wirklich Leute?

29. April 2004, 18:00
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Ist Mode gruppenspezifisches Identifikationsmerkmal oder Repräsentation des persönlichen Geschmacks?

Die Mode, ein symbolisches Teilsystem von Identifikationsmerkmalen einer Gruppe, das bestimmte Werte und Normen transportiert und durchsetzen will, wirbt mit für deren Ideologie. Vor diesem Hintergrund kann man auch den Spruch "Kleider machen Leute" verstehen. Doch greift er heute noch im selben Maße?

Userin Petra Garai stellt in Zweifel: "Machen Kleider wirklich Leute?" fragt sie.

Repräsentative Funktion?

Wen assoziieren Sie mit Sweatshirt und Jeans? Einen Samstag-Nachmittag-0815 beim Wohnungsputz? Falsch geraten. Es handelt sich um den Leiter eines Dotcom-Unternehmens, Generation "Casual Look." Und die Amani-look-alike grau-in-graue Eminenz? Nein, da läuft nicht Herr Treichl, sondern der abgefahrene Regisseur einer kleinen, experimentellen Theater-Gruppe, welche die Cents Ihrer Subventionen zählt.

Gruppenidentität oder Individualismus?

Die Mode - welche Funktion hat sie im postindustriellen Zeitalter noch inne? Die Gesellschaft hat sich in viele Teilgruppierungen zersplittert, dabei nicht mehr so sehr stratifikatorisch, sondern unter dem Banner einer demokratischen Multikulturalität. Was in den 70ern und 80ern noch als Subkultur wahrgenommen wurde, versteht sich heute als gesellschaftliche Ausformung unter vielen anderen. Der Gedanke der Toleranz greift bei Jung und Alt immer mehr.

Welche positiven (oder auch negativen) Implikationen hat es, wenn die Repräsentation der Gruppenzugehörigkeit einer reinen Repräsentation des individuellen Geschmacks weicht?
Ignoranz biederer Symbole birgt das Risiko, falsch eingeordnet zu werden. Vielleicht würde manche Frau öfter lila tragen, wenn nicht sofort der Eindruck "Emanze" oder "Lesbe" auf dem Plan stünde. Manch eineR würde sein Kind rosa kleiden, wenn nur die Leute nicht meinen würde, das Kind wäre ein Mädchen.

Gusenbauers Frisurenwechsel, welchen Einfluss hatte er wirklich? Politisch wichtiger der Wechsel an sich oder das Zur-Schau-Tragen gegenüber einer jungen, toleranten Generation; reine, kalkulierte Zielgruppenwerbung; ein Gegenbeispiel zum Kaiser, der mit den Kleidern seine repräsentative Macht verloren hat? (red)

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