Der dreifache russische Meister

9. April 2004, 16:24
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Wenn Hans Dichand einmal an jemandem einen Narren gefressen hat, dann kann sich der alles erlauben ...

... die Gunst der "Krone" bleibt ihm erhalten. So wird er, der schon seit Jahren aus Barbara Tuchmans Buch "Die Torheit der Regierenden" zitierend mit seiner Belesenheit prunkt, Erwin Pröll die Prahlerei, er habe immerhin den "Schatz im Silbersee" durchgearbeitet, niemals übel nehmen.

Die steirische Eiche lässt er in seinem Blatt überhaupt zur kalifornischen Sequoia stilisieren, schließlich hat man Wurzeln in derselben Erde. Da könnte Gouverneur Schwarzenegger terminatormäßig Todesurteile am laufenden Band unterschreiben - er braucht Hans Janitschek, dem verdienten Amerika-Korrespondenten der "Krone", nur mitzuteilen "Ja, die Zeit ist gekommen für Leute wie mich, Präsident zu werden!" - und schon steht in der Zeitung: Schwarzenegger will US-Präsident werden, sowie: Schwarzenegger drängt ins Weiße Haus. Nicht zu Unrecht geht das Blatt dabei von der Annahme aus, Leute wie Arnie könne es nur als Unikum geben.

Sollte Schwarzeneggers Drängerei je im Oval Office enden, muss er sich unbedingt ein Beispiel an einem anderen Präsidenten nehmen, soll allerhöchster Segen auf seinem Wirken ruhen. Wladimir Putin hat praktisch ausgesorgt, seit er sich einmal im Kreml mit einer "Kronen Zeitung" in der Hand ablichten ließ und keinen Einspruch gegen die Publizierung dieses Capriccios auf deren Cover erhob. Seither erfreut sich der Herr der Reußen und Welpen der durch nichts zu erschütternden Gunst des Russenfressers und Hundestreichlers, wie neulich wieder in der bunten "Krone" nachzulesen war.

Zur gleichen Zeit, da Bundespräsident Klestil in der Datscha Wladimir Putins einen Staatsbesuch machte, wurde in Russland über ein Buch geredet, das die 30-jährige Journalistin Elena Tregubova über den Mann geschrieben hat, der heute als unbestrittener "Meister des Kremls" residiert. Das lässt hoffen, dass Cato in der nächsten Zeit einmal nicht Barbara Tuchman zitiert. Die Autorin des Buches musste natürlich durch die Zensur laufen, was nach dem Kreml-Astrologen der "Krone" nicht übermäßig anstrengend gewesen sein kann: Dass es dennoch erscheinen konnte, deutet auf eine intensivere Verbindung zwischen den beiden hin, die jedoch kaum durchschaubar ist.

Keine Mühe hat die "Krone" hingegen, wenn es gilt, das Wesen des Kreml-Meisters zu durchschauen. Während er nach außen hin unnahbar wirkt, ist er doch ein Meister der Kommunikation. Dies zeigte sich auch jetzt beim Besuch des Ehepaars Klestil, der nicht nur mit allen Ehren, sondern auch in sehr freundlicher persönlicher Atmosphäre stattfand. Das durchzustehen muss man schon ein Meister der Kommunikation sein: Die hohen Gäste aus Österreich bekamen sogar zwei Hunde als Geschenk aus dem Wurf von elf sehr herzigen Tieren.

Das war nicht ganz neu, aber auch noch nicht alles. Elena Trebugova (sic! diesmal b vor g) beschreibt den starken Mann Russlands, wie ihn bisher noch niemand gekannt hat, nämlich als Meister des Flirts, was man diesem einstigen kalten Funktionär des Geheimdienstes nicht zugetraut hätte. Rätselhaft am dreifachen russischen Meister - Meister des Kremls, Meister der Kommunikation, Meister des Flirts - ist nur, wie man ein Meister des Flirts wird, den als solchen noch niemand gekannt hat. Irgendwo muss er diese Meisterschaft erprobt haben, heißt es doch dass die russischen Frauen in Putin mit seinem trainierten Judo-Körper einen Mann sehen, der ihnen gefällt; im Gegensatz zu den alten versoffenen Politikern im Kreml schneidet er wirklich gut ab.

Und bei der "Krone" sowieso, auch wenn er Autoren natürlich durch die Zensur laufen lässt. Fällt die Beurteilung des Charmeurs dann höchst kritisch aus - "Ich sehe ihn als einen Mann mit Fehlern und Qualitäten" - so überwiegen die Qualitäten eindeutig. Wie könnte es bei einem Günstling des Kleinformats auch anders sein. Putin, so sagt man, sei intelligent, kompetent, arbeitsam und angenehm im Umgang. Sein Blick zeigt allerdings nie Emotionen, höchstens beim Flirten.

Wie man sieht: Im Buch der Journalistin kommen eher Anekdoten über das fehlende Charisma des Kreml-Chefs vor, aber keine Sorge, er gleicht es durch ruhiges Verhalten und die Macht, die man spürt, einigermaßen wieder aus. Putin weiß aber auch, dass er mit der kommunistischen Vergangenheit lieber nicht ganz brechen darf, sondern besser flirten soll. Es ist doch noch etwas von Lenin und Stalin übergeblieben. Daran stößt sich die "Krone" nicht. Im Sommer fährt er ans Meer, im Winter zum Skifahren, auch nach Österreich. So repräsentiert er eine Mittelklasse, die es in Russland noch nicht genügend gibt. In Österreich wäre er sicher "Krone"-Leser.
(DER STANDARD, Printausgabe, 27.2.2004)

Von Günter Traxler
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