Freiheit ohne Privileg

21. April 2004, 16:17
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Steuergesetze: Je komplizierter die Regeln, desto größer werden die Ungerechtigkeiten und die Risiken des Missbrauchs - Kommentar von Eric Frey

Freiberufler werden meist zu den Privilegierten des Landes gezählt. Anwälte, Steuerberater und niedergelassene Ärzte hätten ein so hohes Einkommen und so viele steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten, dass sie Vorteile wie das vom Fiskus begünstigte 13. und 14. Monatsgehalt, das allen Angestellten zusteht, nicht benötigten.

Was früher einmal gestimmt haben mag, ist dank des steigenden Wettbewerbs in diesen Berufsgruppen, der hohen Akademikerarbeitslosigkeit und der strikten Kostenkontrollen etwa im Gesundheitswesen oder am Bau Geschichte. Dennoch sind Freiberufler und andere Selbstständige, die schon lange unter der Werkvertragsregelung leiden, bei der Steuerreformleer ausgegangen: Ihr Grenzsteuersatz bleibt bei 50 Prozent, während viele Gewerbetreibende und Kapitalgesellschaften von der halbierten Besteuerung für nicht entnommene Gewinne und der Senkung der Körperschaftssteuer enorm profitieren.

Da im Steuerrecht die unterschiedliche Behandlung verschiedener Gruppen sachlich - und nicht nur politisch - begründet werden muss, haben die Freiberufler vor dem Verfassungsgerichtshof ganz gute Chancen. Moderne Arztpraxen haben schließlich einen mindestens so hohen Eigenkapitalbedarf wie Schuster oder Gemüsehändler und sollten daher steuerlich nicht schlechter gestellt werden.

Die Klage der Freiberufler zeigt aber auch die Gefahr des ständigen Herumtüftelns an den Steuergesetzen. Je komplizierter die Regeln, desto größer werden die Ungerechtigkeiten und die Risiken des Missbrauchs. Man muss kein Anhänger einer "Flat Tax" sein, aber breite Steuertarife mit wenigen Ausnahmen wären gerechter als der neue Grasser-Haider-Plan - und ließen sich vielleicht tatsächlich auf einem Bierdeckel berechnen. (DER STANDARD Printausgabe, 27.2.2004)

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