Unterwegs zur Junk-Gesellschaft

21. April 2004, 16:20
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Kostenlose Telefonate und Flüge zum Preis einer Taxifahrt bleiben nicht ohne Folgen - Kommentar von Michael Moravec

Stundenlange Wartezeiten vor Handyshops, überlastete Hotlines, Zigtausende neue Kunden binnen weniger Tage: Der Preiskampf der heimischen Handynetzbetreiber hat mit fast unbegrenzten Gratistelefonaten vorerst einmal seinen Höhepunkt erreicht.

Doch trotz aller Aufregung ist der "Handykrieg" zunächst nichts anderes als ein - ziemlich harter - Verdrängungswettbewerb, bei dem die Schwächsten möglicherweise auf der Strecke bleiben werden. Doch dann müssten die Preise wieder steigen. Wenn der Chef der Telekom-Regulierungsbehörde RTR, Georg Serentschy, als Folge des Preiskampfes weniger Kundenservice und einen Mitarbeiterabbau bei den Betreibern befürchtet und den Konzernlenkern "wirtschaftliche Unvernunft" vorwirft, zeigt er ein seltsames Verständnis von wirtschaftlichen Vorgängen und mischt sich in Dinge ein, die ihn und den Staat nun wirklich nichts angehen.

Dass ein Weltkonzern wie Hutchison Whampoa auf einem gesättigten Markt wie ^Österreich als Neueinsteiger ("3") nur mit einer aggressiven Preispolitik Kunden abwerben kann, liegt ebenso auf der Hand wie die Reaktion der "alteingesessenen" Konkurrenten: Sie müssen mitziehen.

Statt gegen den Wettbewerb zu wettern, hätte Serentschy besser starken Druck auf

die Netzbetreiber ausgeübt, die Rufnummernmitnahme schnellstens einzuführen und damit den Wettbewerb zu erleichtern. Der mit dem Betreiberwechsel verbundene Verlust der Rufnummer ist nach wie vor ein (EU-widriges) Wettbewerbshindernis, das die Platzhirsche bevorzugt und die jüngeren Unternehmen stark benachteiligt. Dass der Republik Österreich hier einerseits eine Kontrollbehörde untersteht, die neutral sein muss, und andererseits Österreich Hauptaktionär des zur Privatisierung anstehenden Marktführers Mobilkom (A1) ist, macht überdies keine besonders gute Optik.

In einem anderen Punkt hat der Regulator aber Recht: Die Gratisgespräche seien ein falsches Signal. Denn viel deutet darauf hin, dass sich die Preise in Österreich nicht wieder wie erhofft dem EU-Niveau von zumindest zehn bis zwanzig Cent pro Minute angleichen, sondern Österreich unfreiwillig Vorreiter ist: Die Billigfluglinien Ryan-Air und Easy-Jet haben bereits Billig-Handynetz-Unternehmen gegründet, die bald in ganz Europa tätig sein sollen. Dazu kommen Billighotelketten, Billigautovermieter und Billigrestaurants, die Hamburger um 30 Cent anbieten. Mahlzeit.

Das hat dann aber grundsätzlich nichts mehr mit Wettbewerb wie derzeit am heimischen Handymarkt zu tun. Hier setzten sich "neue Geschäftsmodelle" mit teilweise verheerenden Folgen durch. Die Modelle basieren auf dramatischer Kostenreduktion vor allem im Personalbereich. Ein verrückter Kreislauf: Immer mehr Mitarbeiter in immer mehr Branchen bekommen nur noch Hungerlöhne - und der Wirtschaft kommen damit die Konsumenten abhanden.

Eine ganze Generation ist bereits im Bewusstsein aufgewachsen, dass alles, was aus dem Internet kommt, prinzipiell gratis sein muss: Musik, Filme, Zeitungen, Bücher. Dazu Flüge nach New York, billiger als eine Taxifahrt durch Wien. Handys zum Nulltarif, und nun auch Gratisgespräche rund um die Uhr.

Doch kaum jemand wird gerne um 700 bis 800 Euro brutto als Flugbegleiter oder um 1200 Euro als Pilot bei einer Billigairline arbeiten wollen oder zu einem Stundenlohn von 1,20 Pfund in einem britischen Spar-Hamburgerladen. Aber dennoch gehen US- Studien davon aus, dass im Jahr 2010 bereits 25 bis 30 ^Prozent der weniger qualifizierten Arbeitnehmer einen "McJob" ausüben werden.

Die Gratisschiene ist leicht zu vermitteln, der Rückweg schwieriger: Wer gewohnt ist, um 99 Euro von Frankfurt nach Los Angeles zu fliegen, will kaum verstehen, was diese 99 Euro auch bedeuten: dass diese Fluglinie nicht wirbt, keine Essen bestellt, weniger Autos und Büros hat, weniger Geld ausgibt. Und dass das die ganze Wirtschaft trifft - und die Gehälter aller. (DER STANDARD Printausgabe, 25.2.2004)

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