Den Eisernen Vorhang öffnen

10. September 2004, 14:59

Louise Beltzung Fabian Kissler

"Es ist viel in den Köpfen der Studenten zu ändern", meint Barbara Schmied, Mitarbeiterin der Wirtschaftskammer zu der EU-Erweiterung. Viele Studenten dieser Staaten würden bereits Deutsch und Englisch sprechen, "doch nur wenige heimische Studenten setzen sich mit Sprache und Kultur der Beitrittsländer auseinander", so Schmied weiter.

Oft werden Chancen, die sich für österreichische Studierende ergeben, übersehen. Beispiel Arbeitsmarkt: "Ein Anreiz ist der Bedarf an Managern, die diese Sprachen beherrschen", erklärt Ulrich Hörmann, Generalsekretär des österreichischen Austauschdienstes (ÖAD). Nun auch einfacher zu Praktika in diesen Staaten zu kommen sieht Schmied als weitere Chance.

"Bisher gingen viele in die eine Richtung, in die andere Richtung bestand ein Ungleichgewicht", kommentiert Hörmann die Mobilitätsstatistiken des ÖAD, die einen starken Strom aus Ungarn, Polen und der Slowakei aufzeigen. Mit dem Stipendienprogramm Ceepus kamen im Studienjahr 2002/2003 61 slowakische Studenten nach Österreich. Nur acht österreichische Studenten absolvierten hingegen ein Auslandssemester in diesem Beitrittsland. Zwei Studenten gingen mit Erasmus in die Slowakei, konträr dazu die 572 Austauschstudenten, die in Spanien studierten.

Herzliche Vorurteile

"Die ungleiche Situation wird sich ändern", vermutet Hörmann "doch wohl eher schrittweise" denn: "Der Fall des Eisernen Vorhangs liegt mehr als zehn Jahre zurück, doch im Herzen ist geblieben, dass die Hochschulqualität im Westen besser ist", schildert Hörmann die Einstellung. Er verweist auf die exzellenten Universitäten für Naturwissenschaften in Tschechien und Ungarn. Typisch für Osteuropa findet man in Ungarn viele Spezialuniversitäten, wie die Semmelweis-Uni für Medizin. Ebenso wenig den Klischeevorstellungen vieler Europäer entsprechend ist die universitäre Situation in Polen. Die Studieninhalte wurden entpolitisiert und das Studiensystem basiert auf starr vorgegebenen Stundenplänen mit Kursen in Schulklassengröße. Ähnlich verschult auch das ungarische Hochschulsystem, bei dem mehr Wert auf Wissensvermittlung als auf selbstständiges Arbeiten und Forschen gelegt wird.

Auch Tschechien weist ein ähnliches System auf. "Aufgrund des verschulten Systems waren die Vorlesungen qualitativ hochwertiger", berichtet Christian Herget (22), der ein Semester an der ältesten Universität Europas, der Karls-Universität in Prag studierte. "Die Bibliotheken waren gut ausgestattet und die Computerräume sogar besser als in Wien", erzählt er.

Die Beitrittsländer sind seit Beginn des Bologna-Prozesses in die europaweite Angleichung der Hochschulsysteme involviert. Auch an der Erweiterung von Erasmus zu "Erasmus Mundus" nehmen sie Teil, dessen Ziel ebenfalls eine höhere Qualität und Attraktivität der Hochschulen ist. 100 Masterstudiengänge werden zwischen europäischen Universitäten geschaffen, eine höhere Mobilität der Studierenden und Lehrenden wird erwartet.

Eine Änderung der Einstellung müsse folgen, ist Schmied überzeugt. Denn: "Die Neuen ein bisschen mehr zu würdigen als bisher, das ist unsere größte Chance."

Das kalte Klima, Klischees oder fehlendes Interesse? Österreichs Studenten zögern. Nur langsam wenden sie sich den "neuen" EU-Staaten zu und erkennen die Chancen der Erweiterung.
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