"Tatsächlich ein historischer Moment"

11. Juli 2004, 19:58
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Wenn die Weltgemeinschaft wolle, könne sie die Seuche stoppen, sagt Christoph Benn, Direktor des Global Fund gegen Aids im STANDARD-Interview

STANDARD: Die Medikamentenkosten für die Behandlung von Aids in Afrika wurden nun drastisch gesenkt. Reicht das, um die Pandemie aufzuhalten?

Benn: Es ist noch nicht ausreichend, aber die notwendige Voraussetzung dafür, dass jetzt tatsächlich mit der Behandlung begonnen werden kann. Bei uns liegen die reinen Medikamentenkosten nach wie vor bei 10.000 Euro pro Patient und Jahr. Durch eine Initiative der Stiftung von US-Expräsident Bill Clinton, der mit mehreren Firmen in Indien und Südafrika besondere Verträge ausgehandelt hat, lassen sich jetzt die Medikamentenkosten auf unter 300 Euro pro Patient und Jahr senken. Natürlich sind für die meisten Patienten in Afrika auch 250 Euro noch zu viel. Aber wenn man nun über Hilfsorganisationen die Behandlung subventioniert, dann ist es durchaus möglich.

STANDARD:Aber nur, wenn eine entsprechende Infrastruktur in betroffenen Ländern vorhanden ist. Wie sieht es damit aus?

Benn: Die Infrastruktur ist weit besser, als man das oftmals von hier aus annimmt. Selbst ein Land wie Tansania hat ein funktionierendes Netzwerk von Krankenhäusern, die verglichen mit unserem Standard vielleicht sehr einfach, aber durchaus in der Lage sind, diese Behandlung durchzuführen. Und es passiert auch. Die Patienten kommen, haben neue Lebenshoffnung, nehmen die Tabletten ganz regelmäßig, und sie zahlen sogar einen Teil der Medikamentenkosten selbst. Das sind ganz neue Ansätze.

STANDARD: Kritiker behaupten, dass auch soziokulturelle Gegebenheiten einer effizienten Behandlung entgegenstehen. Was sagen Sie dazu?

Benn: Es stimmt schon, dass Aids sehr stark mit Stigma, mit Ausgrenzung verbunden ist, aber das ändert sich, wenn Behandlung ins Spiel kommt. Diskriminierung war ein Thema, als die Krankheit völlig unbehandelbar und mysteriös war, nicht verstanden wurde. Nun aber, nachdem man weiß, was diese Krankheit auslöst, dass man sie behandeln kann und auch Erfolge sichtbar sind – wenn die Leute nun sagen: "Mensch, diese Frau war schwer krank, jetzt bekommt sie Medikamente, und ich sehe sie wieder auf dem Feld arbeiten" –, dann ist auch das Stigma weg. Die Leute werden sogar ermuntert, sich testen zu lassen, weil es Hoffnung gibt.

STANDARD: Besteht also tatsächlich erstmals in der Geschichte eine wirkliche Chance, diese Pandemie einzudämmen?

Benn: Ja, und das ist tatsächlich ein historischer Moment, denn in den vergangenen gut 20 Jahren haben sich Millionen Menschen infiziert, wurde Aids zur größten medizinische Katastrophe der Gegenwart und größten Bedrohungen überhaupt, und dennoch waren wir ziemlich hilflos. Jetzt stehen wir zum ersten Mal davor, dass etwas getan werden kann, aber wir sind noch ganz am Anfang, das muss man dazusagen. Bisher sind es eben hier und da ziemlich viel versprechende Projekte, aber wir brauchen noch wesentlich mehr Finanzmittel, um diese Projekte wirklich durchführen zu können. Es reicht noch nicht aus, was die Weltgemeinschaft bisher dazu beigetragen hat.

STANDARD: Wie viel ist nötig?

Benn: Bei der UN-Vollversammlung zum Thema Aids wurde errechnet, dass wir etwa sieben bis zehn Milliarden Euro pro Jahr brauchen. Das mag relativ hoch klingen, aber wenn Sie bedenken, welchen wirtschaftlichen Schaden Aids anrichtet, dann ist das kein zu hoher Betrag. Leider sind wir noch weit davon entfernt. Heuer kommen wir auf etwa 1,5 Milliarden. (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2004)

Der deutsche Tropenmediziner Christoph Benn (43) ist Direktor für auswärtige Beziehungen des "Global Fund zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose" in Genf.
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