Die Blase um die YLine

21. April 2004, 16:20
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Über die Bedeutung der Pleite des Internetanbieters und die Rolle der FPÖ - Kolumne von Hans Rauscher

Österreichs Staatswirtschaft ist so groß, die Verpolitisierung staatlicher oder staatsnaher Wirtschaftsbereiche ist so stark, dass es nahezu zwangsläufig zu Skandalen kommen muss.

Davon sind vor allem die jahrzehntelangen "staatstragenden" Parteien wie ÖVP und besonders stark die SPÖ betroffen. Das war gestern.

Heute ist Privatisierung und "Entpolitisierung" angesagt. Und die FPÖ ist drin. In der Regierung und bei allerlei dubiosen Vorgängen - vor allem rund um die gescheiterte Internetfirma YLine.

Gegen deren Gründer Werner Böhm ermittelt der Staatsanwalt wegen Bilanzfälschung und Betrugs. Böhm hat mit YLine in kürzester Zeit ein Firmenkonglomerat aufgebaut, das zu Zeiten der "New Economy" und im Zuge eines Börsengangs hochgehypt wurde, wo aber nie recht klar war, ob der Glamour-Auftritt in irgendeiner Relation zum tatsächlichen Geschäftserfolg stand.

YLine ging denn auch im September 2001 Pleite. Dazu gibt es eine politische Connection, die aber nur in Umrissen sichtbar ist. Man muss auch klar sagen, dass vorläufig nur die Optik eigenartig ist und noch viele Vorgänge ihrer Klärung harren.

Zum Beispiel: Was bedeutet es, dass

a) die FPÖ nach ihrem Regierungseintritt im Jahr 2000 der YLine einen hoch dotierten Vertrag (1,8 Mio. Euro) für die Errichtung ihrer Parteihomepage gab;

b) Finanzminister Grasser, damals noch FPÖ, der YLine-Tochter FirstInEx nur wenige Monate später den Auftrag zur Erstellung der Ministeriumswebsite erteilte;

c) die FirstInEx schließlich im März 2001 den Auftrag für die teuerste Website aller Zeiten, nämlich Grassers persönlicher Homepage, erhält;

d) Grasser im November 1999 YLine-Aktien kaufte (und sie später öffentlich als gute Anlage pries) und im November 2000 sein Vater FirstInEx-Aktien;

dass sich schließlich e) hartnäckige Gerüchte halten, ein ganzer Freundeskreis aus der FPÖ habe sich, einem Geheimtipp folgendend, mit YLine-Aktien eingedeckt und diese rechtzeitig vor dem Platzen der Blase verkauft?

Grasser selbst hat seine Papiere im Dezember 2000 mit einem nicht weiter aufregenden Gewinn von 5000 Euro verkauft. Die Frage ist aber, ob das alles war und wer aller über den Klagenfurter Anwalt Medwed Anteile hielt bzw. wieder abstieß.

Es liegen inzwischen mehrere Anzeigen vor, wonach Aufsichtsratspräsident Ernst Hofmann, ein FP-naher steirischer Industrieller (bzw. dessen Privatstiftung) und andere ihre Papiere rechtzeitig (vor der Pleite) verkauft hätten. Die Anzeigen wurden immerhin von der staatlichen Wachhund-Behörde, der Finanzmarktaufsicht, eingebracht.

Groteskerweise will YLine-Gründer Böhm trotz der Justizerhebungen die Firma wieder reaktivieren und braucht dazu angeblich nur einen Zwangsausgleich, der ihm auch gelingen könnte, wenn Großgläubiger auf Forderungen verzichten.

Vor wenigen Tagen tauchten überdies Gutachten auf, die vom Masseverwalter der YLine in Auftrag gegeben worden waren, wonach die YLine-Führung bei Firmenzukäufen (u. a. der FirstInEx) zigfach überhöhte Preise bezahlt hätte (an wen?).

Wir haben hier das Bild einer typischen Blase: einerseits eine Spekulations-und Wertaufbauschungsblase der Firma selbst; und andererseits eine Blase aus dem Umfeld der FPÖ, wobei sich zwingend der Verdacht persönlicher wirtschaftliche Interessen und politischen Einflusses aufdrängt. Es gilt die Unschuldsvermutung, es besteht aber auch dringender Untersuchungsbedarf. (DER STANDARD Printausgabe, 24.02.2004)

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