Die ewige Frage nach der Mode

  • Designerin Inga Sempé beim Polstern eines Metallsessels (für Via).
    foto: hersteller

    Designerin Inga Sempé beim Polstern eines Metallsessels (für Via).

  • Inspiration sucht sie nicht im Museum, sondern auf der Straße.
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    Inspiration sucht sie nicht im Museum, sondern auf der Straße.

  • Ihr Sessel aus der Reihe "Moël" (für Ligne Roset).
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    Ihr Sessel aus der Reihe "Moël" (für Ligne Roset).

  • Leuchten wie Kochhauben ("Vapeur").
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    Leuchten wie Kochhauben ("Vapeur").

  • Regale wie Baströckchen (für Edra).
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    Regale wie Baströckchen (für Edra).

  • Blumentöpfe wie Badewannen ("Long pot): Inga Sempé liebt es, gängige Formensprachen ordentlich umzukrempeln.
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    Blumentöpfe wie Badewannen ("Long pot): Inga Sempé liebt es, gängige Formensprachen ordentlich umzukrempeln.

Gelernt hat die Designerin Inga Sempé bei Marc Newson und Andrée Putman - Mittlerweile gehört die Französin zu den gefragtesten Gestalterinnen der internationalen Szene

Zehntes Arrondissement und Winter: Der Pariser Himmel legt soeben ein paar späte Lichtfleckenköder aus, wirft die Schattennetze der Platanen hinterher. Auch die paar Zimmerpflanzen im Haus mit der Nummer 46 auf dem Boulevard de Magenta fühlen die Jahreszeit, lassen ihre dünnen, grünen Chlorophyll-Ärmel ein wenig kraftlos Richtung Topferde baumeln. Das Sofa neben ihnen hat ebenfalls den Kragen aufgestellt. Es ist ein bekanntes Sofa: Moël von Ligne Roset. Und die Dame, die es entworfen hat, befindet sich gleich nebenan: Inga Sempé, die Pariser Designerin turnt über ihren Bürostuhl, umzingelt von Stoffmustern, Zeichnungen und ein paar jungen Mitarbeitern, die dem straßenseitigen Atelier mit der nackten Glühbirne am Stuckplafond einen Hauch von Start-up-Salon verleihen.

Crème Chantilly

Und rechts, mehr in Richtung Innenhof, verschwindet Inga Sempé, Jahrgang 1968, in die private Gefilde ihrer Beletage. Das Kragensofa-Zimmer dazwischen vermittelt da auch zwischen öffentlich und privat.Was es im Moment auch ein wenig darf. Denn Inga Sempé, Typ Sturm-auf-die-Bastille, bläst soeben durch die schmalen Nasenlöcher, gibt sich stacheliger als die Pflänzchen nebenan. Es ist immer dasselbe: Die ewige Frage nach der Mode. Nach den Nahtstellen zwischen ihrem Design und den Röcken der Couturiers. Die öde Frage, mit der ihr jeder kommt, seit sie als Missing-Link zwischen Mode- und Designwelt abgefeiert wird. Bloß weil sie elegante Kragensofas entwarf, später für Cappellini Stehleuchten, die wie Pilze in Plissee herumstehen.

Und natürlich Chantilly - das Sofa im Satinkleid, das wie frisch zum Maturaball herausgeputzt wirkt. Obwohl es vielmehr um die softe Seite des Auftragens ging. Schon der Name wäre Indiz genug: Crème Chantilly heißt Schlagobers, lässt Diven wie Cocktailkirschen in den Falten eines lockeren Überwurfs einsinken, der mit Volumen und Repräsentation spielt, und mit Modevorbildern aus dem 19. Jahrhundert, die Sempé in eine feminine Sitzwolke verwandelt hat.

Schwärmen für Schirme

Die Inga Sempé des Kragensofasalons sinkt aber nicht ein. Lieber reibt sie mit einer kleinen Schraubzwinge auf, bestimmt und freundlich zugleich. Es geht um eine aktuelle Recherche zum Thema Schraubfuß und um die indifferente Faszination von Mechanik im Allgemeinen, eine Vorliebe, die sie für Schirme schwärmen lässt, und für den Charme simpler, im Idealfall mittelalterlicher Technik, und die ganz gut mit jenen Dingen zusammengeht, die sie gerne entwerfen möchte: einen Holzofen. Schreibgeräte. Dinge, die den Zugang der gelernten Industriedesignerin verraten, die an der Pariser Design-Hochschule Ensci-les Ateliers studierte, später bei Marc Newson und Andrée Putman einschlägige Berufserfahrung sammeln durfte.

Mit den Mannequin-Möbeln ist es genauso. Sempé will keine Möbel einkleiden, so wie Modedesigner das tun, die dann doch nur Strukturen der Couture über ihr Home-Collection-Ergüsse legen, konstruktiven Tiefgang ignorieren. Inga Sempé interessiert vielmehr die mit Textilien verbundene Technik - konstruktive Feinheiten, die dem Laien in der Regel entgehen - der Designerin aber nicht mal am Himmel zwischen Mailand und Paris: Falttechniken, die bei Flugzeug-Vorhängen Business- und Normalo-Class separieren, können Sempé dann inspirieren - und später eine neue Anwendung erfahren.

Der Kragen von Moël ist flauschig geworden. Inga erzählt von ihren Eltern, und die leise Ironie, die viele ihrer Sätze mit kühlem Luftzug herüberwehen lässt, ist plötzlich verstummt. Vom berühmten Vater Jean-Jacques ist dann die Rede, dem Cartoonisten und Schöpfer des "kleinen Nick". Und von Mutter Mette Ivers, der Illustratorin von Lindgrens Ronja Räubertochter, mit der sie als Kind die sonntäglichen Streifzüge durch die Welt der Puces absolvierte, der zahlreichen Flohmärkte im Norden und Osten der Stadt. 

Facetten der Sensibilisierung

Der Flohmarkt Clignancourt als der Räubertochter Mattiswald: Reiches Rohmaterial vergangener Geschichten förderten Mutter und Tochter auf diesen Wegen zutage, studierten den Reiz der Fragmente und die mitunter porös gewordenen Beziehungen zwischen Tun und Ding, die wie selbstverständlich in den Alltag der familiären Betrachtungen mit einflossen: ein Leuchtenständer, der am Abend darauf durch Träume spazieren konnte. Ein zerfetzter Schirm, der sich vielleicht mehr aufgeplustert hatte, als es ihm zustehen würde und dem man es trotzdem gerne nachsah. Die Ästhetik und Beredtheit der Dinge, die richtige Art des eigenen Sprechens, der Geruch der Bücher - all diese Facetten der Sensibilisierung schimmern bis heute durch. Und zwar keineswegs bloß als jene Antipathie, die Frau Sempé gegen Museen und also dem ehrfürchtigem Erstarren auf Knopfdruck hegt und der sie lieber das offene "Museum der Straße" entgegensetzt.

Denn ganz möchte man es der Inga Sempé dann doch nicht glauben, wenn sie noch ein wenig vom Zweck der konkreten Falte erzählt - und die intimen Gesten ihrer Produkte, die kleinen Koketterien der Kommoden verschweigt. Immerhin hat sie kleine Badewannen für Zimmerpflanzen entworfen, weil auch Wurzeln ein Recht auf Fußbäder haben. Ferner Tische, deren Gestelle Mieder-Hüften haben, und Lebe-Lampions wie die aus Tyvek gefaltete Leuchte "Vapeur", die wie eine Dampfwolke aus dem Kabel strömt - und mit zunehmender Lichtstärke wächst.Mit Abgrenzung hat das nicht viel zu tun, eher mit der Grauzone zwischen privatem und öffentlichem Bereich.

Der Streifen-Spiegel "trame", der bloß verschwommene Bilder bietet und also auch Schutz vor selbstkritischen Blicken auf eigene Falten, tut nichts anderes. Während der unerhört intime Griff unter die Fransen-Schürze, die beim Edra-Regal "Brosse" einzelne Fächer verdeckt, fast schon unerlaubt wirkt. Doch keine Angst: alles menschlich. Alles Boulevard, wo einen die rabiaten Schirme und Passanten mit den hochgestellten Krägen ein Stück weit begleiten. (Der Standard/rondo/24/02/2012)

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