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"Mich interessiert die Kombination aus klassischer und sportlicher Mode", sagt Gildo Zegna. Mode aus der Hauptlinie Ermenegildo Zegna.


Aus der jüngeren Zweitlinie Z Zegna.

Gildo Zegna (geb. 1955) ist CEO des in Familienhand befindlichen Herrenausstatters Zegna. 2011 setzte der italienische Konzern erstmals in seiner Geschichte über eine Milliarde Euro um.
DER STANDARD: Die klassische Herrengarderobe, vor allem der Anzug, erlebt derzeit ein Hoch. Das dürfte Zegna zugute kommen, oder?
Gildo Zegna: Ich weiß nicht, ob diese Einschätzung stimmt. Ich habe den Eindruck, dass der Anzug zu einem Accessoire wird. Es gibt einen Trend hin zu legererer Mode, auch beim Anzug.
DER STANDARD: Ein Anzug wird zum Accessoire?
Zegna: Schauen Sie mich an. Ist das ein Anzug, den ich heute trage? Für Sie vielleicht ja, für mich ist das Sportmode. Man muss vorsichtig sein mit Definitionen. Es kommt darauf an, wie man etwas trägt und kombiniert. Was früher einmal Anzug genannt wurde, das ist heute nicht mehr einfach nur ein Anzug. Das ist ein hochtechnisches Kleidungsstück.
DER STANDARD: Aber Zegna steht doch für Anzüge, oder?
Zegna: Na ja, in Märkten, wo viele Geschäfte gemacht werden, etwa in Amerika, geht es immer noch um Anzüge - in China dagegen kaum. Mich interessiert die Kombination aus klassischer und sportlicher Mode! Es geht darum, wie ein Anzug das eigene Aussehen verändern kann, je nachdem, wie er getragen wird. Ein Anzug aus Seide, mit starken Mustern, und darunter gar nichts: Ist das wirklich noch ein Anzug? Ich würde sagen, nein!
DER STANDARD: Sie definieren die klassische Garderobe um.
Zegna: In schwierigen Zeiten müssen Firmen kreativer werden, sie müssen mit neuen Materialien experimentieren, mit Silhouetten, mit Schnitttechniken. Ja, es gibt eine ökonomische Abwärtsbewegung, aber das bedeutet nicht, dass die Angebote weniger werden - im Gegenteil.
DER STANDARD: Sind Sie wirklich so optimistisch?
Zegna: Es kommt darauf an, auf wie vielen Märkten man präsent ist. Wenn man nur dort verkauft, wo gerade eine Krise herrscht, dann ist man tot. Eine Firma wie die unsere kann die Auf- und Abschwünge verschiedener Märkte gut ausbalancieren. Wir sind breit aufgestellt, auch bei den Produkten. Anzüge machen gerade einmal 40 Prozent unserer Umsätze aus. Wir sind gar kein richtiges Anzug-Unternehmen mehr! Wir sind ein Luxusunternehmen!
DER STANDARD: Die meisten Firmen gehen derzeit auf Nummer sicher. Woher nehmen Sie den Mut zu experimentieren?
Zegna: Weil ich der Meinung bin: Wer jetzt nicht experimentiert, der wird langweilig. Auch in schwierigen Zeiten muss der Mensch essen. Man muss dem Menschen das Essen schmackhaft machen.
DER STANDARD: Die allgemeinen Umsatzzahlen der Modebranche sind zurückgegangen. Warum sind Sie so sicher, dass gerade Ihre Kunden einen weiteren Anzug brauchen?
Zegna: Ich glaube, das ist in erster Linie eine Frage des Brandings. Wenn man eine Marke ist, die über Jahre Vertrauen ausgestrahlt hat, dann ist das ein bleibender Wert. Wenn man die schönsten Produkte der Welt herstellt, aber keine vertrauenswürdige Marke ist, dann hat man ein Problem.
DER STANDARD: Das Marketing vieler Luxusfirmen setzt derzeit stark auf Werte wie Tradition, Erbe oder Handwerk. Wie glaubwürdig ist das?
Zegna: Man kann die Kunden nicht hinters Licht führen. Wenn ein Unternehmen eine 100-jährige Geschichte hat, dann kann man diese auch kommunizieren. Jemand den es erst seit ein paar Jahren gibt, der wird ganz anders auftreten müssen. Der wird die Innovationen ganz anders darstellen müssen.
DER STANDARD: Unter dem Label Luxus ließ sich lange auch schlechte Qualität verkaufen.
Zegna: Das geht heute nicht mehr. Die Substanz muss stimmen. Bei Zegna stellen wir ein Produkt von A bis Z her. Wir kaufen das Rohmaterial, wir produzieren die Stoffe, wir stellen die Kleidung her, wir verkaufen sie in unseren eigenen Geschäften. Das stärkt das Vertrauen in unsere Marke. Bei Herstellern wie Prada oder Ferragamo ist das nicht viel anders.
DER STANDARD: All diese Firmen sitzen in Italien, das gerade wieder einmal heruntergestuft wurde. Wie kämpfen Sie gegen diesen Vertrauensverlust an?
Zegna: Vergessen sie die Ratingagenturen. Man kann sich doch nicht an Indizes halten, die sind doch nur eine grobe Richtlinie! In Italien genauso wie in Österreich gibt es eine Reihe guter, starker Firmen. Wenn die Medien Ratingagenturen plötzlich so wichtig nehmen, dann schädigen sie die eigenen Unternehmen. Es wird der Eindruck erzeugt, als ob es allen italienischen Unternehmen schlechtginge, als ob Italiener kein Geld mehr hätten. So ein Blödsinn! Man sollte die Vernunft nicht ganz über Bord werfen. Ich hoffe, Europa steht zusammen und geht gegen die Ratingagenturen vor.
DER STANDARD: Fühlen Sie sich als italienischer Unternehmer derzeit ungerecht behandelt?
Zegna: Ich will für mein Produkt beurteilt werden, für meine Marke. Ich selbst sehe keine Krise.
DER STANDARD: Sie sehen keine Krise?
Zegna: Wir sind im Jahre 2010 um 21 und 2011 um 14 Prozent gewachsen, und auch heuer werden wir das im hohen einstelligen Bereich tun. Ich lese die Nachrichten, und sie beunruhigen mich, aber in meinem Umfeld sehe ich keine Krise. Wir sehen uns in Nischen um, etwa in Afrika. Wir eröffnen dort heuer vier Geschäfte, zwei haben wir gerade in der Mongolei eröffnet.
DER STANDARD: Befürchten sie nicht, dass das Label "Made in Italy" durch die derzeitige Lage Italiens in Mitleidenschaft gezogen wird?
Zegna: Nein, absolut nicht. Wir bauen gerade eine neue Fabrik in Italien, das würden wir nicht machen, wenn wir diese Befürchtung hätten. Das Label "Made in Italy" ist ein Teil unserer Stärke. Das sagt auch Suzy Menkes, die wichtigste Modekritikerin der Welt ...
DER STANDARD: ... sie hat von einem Kampf in der Mode zwischen Italien und Frankreich geschrieben.
Zegna: Ja, und dass das Know-how immer noch in den Händen der Italiener liegt. Dieses Wissen verschwindet nicht von einem Tag auf den anderen. Amerikanische, britische, französische Designermarken lassen immer noch in Italien produzieren. Warum? Weil sie dem Label vertrauen.
DER STANDARD: Warum ist der Blick von außen auf Italien so verschieden von jenem, den Sie haben?
Zegna: Ich kenne viele Österreicher, die lieben Italien. Das Problem ist, dass Medien nur die schlechten Seiten dieses Landes aufgreifen. Aber wer mit einer Firma wie der unseren arbeitet, der sieht all die guten Seiten. Erinnern Sie sich, als die Swiss pleiteging? Damals hat man auch nicht sofort über die ganze Schweiz geurteilt.
DER STANDARD: Was muss Italien machen, um das Vertrauen zu stärken?
Zegna: Die Steuern müssen gesenkt werden, es müssen Liberalisierungen vorgenommen werden, Staatsbeteiligungen verkauft werden, man muss uns dabei unterstützen, unsere Produkte im Ausland zu bewerben. Es gibt vieles, was getan werden muss, die Hauptsache ist aber, dass es gemacht wird.
DER STANDARD: Vertrauen Sie der Regierung Monti?
Zegna: Ich kenne Monti, und ich setze große Hoffnungen in ihn. Aber es geht darum, dass das Parlament ihn auch unterstützt und ihn die ganze Legislaturperiode arbeiten lässt.
DER STANDARD: Wie kann die Modeindustrie ihn unterstützen?
Zegna: Die Industrie tut bereits genug. Mode ist eine Blume am Revers eines Anzugs. Wenn sie blüht, dann verschönert sie den ganzen Menschen.
(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/17/02/2012)
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