Wein pur?

12. Februar 2012, 18:05
  • Gemeint sind mit "natural wines" Weine, denen keine oder minimalst Hilfsstoffe wie Schwefel zugesetzt wurden oder die in Amphoren und dergleichen vergoren respektive gereift wurden.
    foto: pixelio.de / peter von bechen

    Gemeint sind mit "natural wines" Weine, denen keine oder minimalst Hilfsstoffe wie Schwefel zugesetzt wurden oder die in Amphoren und dergleichen vergoren respektive gereift wurden.

Luzia Schrampf zur Debatte über die "natural wines"

Natural wines* sind im Moment in aller Munde. Die Nachfrage ist enorm, und in einschlägigen Foren wird heftig diskutiert. Befeuert wird die Debatte durch ein Statement von Michel Chapoutier in der aktuellen Ausgabe des englischen Weinmagazins Decanter. Chapoutier ist als Chef eines der wichtigsten Häuser an der Rhône und überzeugter Verfechter der Biodynamie nicht irgendjemand: Keinen Schwefel zu verwenden sei eine Dummheit, meint er und fragt sich, wie man es als Weinmacher nur zulassen könne, dass sich schädliche Hefen entwickelten, die den Wein verderben. Die Polemik der Befürworter findet er unerträglich. Er habe es satt, sich dem Diktat "dieser Hippies aus einer völlig anderen Welt" zu unterwerfen.

Ob jetzt alle "natural wines" fehlerhaft sind, ist zu bezweifeln, ebenso wie nicht alle nach der Schul-Önologie hergestellten Weine einwandfrei sind. Fakt ist, dass es bis dato kaum Studien über die tatsächlichen Inhaltsstoffe im Vergleich zu Normalo-Weinen gibt. Vieles ist also den Mutmaßungen, Befindlichkeiten und Geschmacksknospen von Befürwortern wie Gegnern überlassen. Fakt ist auch, dass es eine große Diskrepanz zwischen der Akzeptanz von natürlichen Lebensmitteln und "naturbelassenem" Wein gibt.

Geschmackserlebnis

In der derzeit gepriesenen Hochküche setzt man auf Natur pur und durchstreift Wiesen und Wälder auf der Suche nach Flechten und Wildkräutern. Isabelle Legeron MW, überzeugte Pro-Natural-Wines-Aktivistin, argumentiert, dass wir stinkigen Epoisses aus Rohmilch wegen seiner Einzigartigkeit schätzen und Apfelsaft nur noch akzeptieren, wenn er mindestens naturtrüb ist, bei Wein aber auf Sterilität bestehen.

Manche, die den einen oder anderen "natural wine" probiert haben, können vielleicht - wie auch die Autorin - von aufregend guten Geschmackserlebnissen erzählen. Dennoch ist es so: Zwischen den Extremen, die beiderseits ins Religiöse kippen können, gibt es unendlich viele Weine, bei deren Herstellung Dogmatismus, auch in der Art, wie er von Michel Chapoutier verkündet wird, nichts verloren hat. Sie werden vielleicht nur mit der Einstellung gemacht, dass weniger technische Eingriffe und weniger Beigaben von welchen Mitteln auch immer grundsätzlich sympathisch sind. (Der Standard/rondo/10/02/2012)

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16 Postings
auweh - "minimalst" Hilfsstoffe...

bei so was schmeckt mir ja sogar der optimalst ausgebaute wein in keinster weise mehr...

und auch der naturtrübe apfelsaft ist natürlich pasteurisiert und steril abgefüllt, mal ganz zu schweigen, daß er nicht "naturtrüb" ist - denn die natürliche trübe würde sich absetzen

aber ehrlich gesagt, gaube ich nicht, daß man an offen in amphoren vergorenem und in derselben ausgebauten und gelagertem wein wirklich und länger freude hat. denn wo jetzt schon im keller "natürlich" (also unsauber bzw. eben nicht steril bzw. unerwünchte keine hemmend) gearbeitet wird, ist das ergebnis vorhersagbar und entspricht zumindest nicht meinem geschmack

In den Amphoren ist kein Wein. Darin rühren die Biodynamiker Brennesseljauche mit zerriebenem Glimmer (oder etwas ähnlichem) damit die Pflanzen dann irgendwie nach Hause zu den Sternen telefonieren können...

Jeder Rotwein

vergärt an der Luft.
Mögen Sie keine Rotweine?

ich mag rotwein

und ich kenne auch die unterschiedlichen arten der maischegärung, inkl. dem treten in offenen lagares

"an der luft" it aber insofern schon etwas irreführend, als natürlich auch z.b. bei der gärung im großen holzfaß mit eintauchen des maischehuts die gärungskohlensäure (schwerer als luft) eine art inertgasschicht bildet

spätestens beiausbau/lagerung aber hätte ich meinen rotwein nicht gern im offenen bottich...

der apfelsaft meiner kindheit war natürtrüb.

und blieb es auch bei längerer lagerung. nur die ganz grossen schwebstoffe haben sich abgesetzt.

natürlich klärt sich unbehandelter apfelsaft nicht

bis zum blanken saft (das tut hoffentlich der most bei der gärung, ist aber unbehandelt auch nicht garantiert). aber was heute als "naturtrüb" verkauft wird, ist in aller regel extra behandelt, sodaß sich die extra zugesetzten trübstoffe nicht absetzen

eigentlich hätte mich interessiert, wie so ein wein schmeckt...

In einer aufgekärten

Gesellschaft sollte es solche Debatten gar nicht geben.
Trinkt, was euch schmeckt, aber lasst die anderen in Ruhe!

wenn der Wein wirklich gut ist schmeckt das zweite Glas besser als das erste

natürlich sollte jeder trinken, was ihm schmeckt. um aber aus den unzähligen weinen, die ich noch nicht getrunken habe, diejenigen herauszufinden, die mir schmecken könnten, bediene ich mich unter anderem der empfehlungen anderer weintrinker.

Mit dem Wein

ist es wie mit der Musik. Was man oft genung hört bzw trinkt, das gefällt am besten.
Glauben Sie mir. Nur schwache Menschen lassen sich oft viel Unsinn aufschwatzen.

die meisten menschen können ja gar nicht beurteilen, was ihnen schmeckt und was nicht. genuss ist eine kulturtechnik, die genauso erlernt werden muss wie lesen und schreiben. beherrscht wird sie aber von den wenigsten, leider!

Ich denke,

alle Menschen wissen, was ihnen schmeckt. Das Schmecken ist Teil ihrer Kultur.
Lebertran schmeckt nicht allen, wird aber im hohen Norden sehr geliebt.
Manchen Weintrinkern schmeckt auch nicht penetranter Holzgeschmack.
Einige "Weinpäpste" haben das vielen aber schmackhaft gemacht und sie lieben jetzt das "Hölzerl".
Mich stört das nicht. Wenn ich wissen will, wie Eiche oder Akazie schmeckt, dann nehme ich ein Ästchen und beiße hinein. Ich kann Eiche von Akazie unterscheiden und auch viele reintönige Weine.
Sie auch?

wenn mir z.b. jemand erklärt, das ganze "herumgetue" beim weinverkosten wäre eh sinnlos, denn das wichtigste sei ja, ob er schmeckt oder nicht, dann würde das ja bedeuten, dass sensorikschulung bzw. jegliches olfaktorisches training überflüssig wäre und das glaube ich eben nicht.

In der Weinherstellung

gibt es eine sehr lange Tradition und viele Möglichkeiten und Moden.
Die Weine der Römer in unserer Gegend, die Weine der Retzer und Ruster des Mittelalters bzw Weine aus modernen Kellereien schmecken anders. Ich weiß, dass die Weine besser wurden, weiß aber auch, dass es Leute gibt, denen alte, schwere und ranzige Weine auch gut schmecken.
Das muss man akzeptieren. Lächerlich ist es nur, wenn es einem eingeredet wurde.

Biodynamie?

"Verfechter" von so einem esoterischen Schmonzes sind keine Experten für irgendwas, sondern schlicht Deppen. Dass andere Deppen den Unsinn aus dem 19. Jh. auch glauben, ändert nichts daran...

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