Luzia Schrampf hörte einen Vortrag über Alkoholismus
Kürzlich begab es sich, dass Michael Musalek, Leiter des Anton-Proksch-Institutes (im Volksmund schlicht "Kalksburg"), vor versammelter Winzerschaft für Österreich Weinmarketing/ÖWM einen Vortrag hielt: Thema "Alkohol - Vom Genuss zur Sucht". Er erklärte die Auswirkung von Alkohol - zuerst in einer kurzen Phase anregend, dann depressionsfördernd und bei chronischem Abusus multipel und nachhaltig schädigend. Er wies darauf hin, wie außergewöhnlich stark Alkoholkonsum in der österreichischen Gesellschaft verankert ist und wie sich das manifestiert. Alkoholkonsum werde nämlich hierzulande nur in zwei Extremen wahrgenommen: verherrlichend - "super, wos der vertragt!" - oder verteufelnd, sobald Probleme auftauchen: "Der sauft jo!"
Zwischen diesen beiden Polen ist ein schmales Band, auf dem Genießen und verantwortungsvolles Umgehen mit Alkohol angesiedelt wären. Leider, so Musalek zum Publikum, das seine Erzeugnisse nur zu gern mit dem Genuss-Argument vermarktet, erkennt das der Österreicher nur selten: ein Glas Wein genießen, gemäßigt trinken und aufhören, sobald die Wirkung einsetzt, ist seine Sache nicht.
Produktives Tätigsein
Was aber bedeutet "genießen können"? Genuss stelle sich jedenfalls nicht automatisch ein, bloß weil auf hohem Qualitätsniveau konsumiert werde, so Musalek. "Genießen ist eine Begleiterscheinung produktiven Tätigseins" und weniger als Gipfelsturm zu sehen denn als lange Wanderung über ein Plateau. Genießen ist hochkomplex zusammengesetzt und beginnt bei der Vorbereitung und Vorfreude auf etwas, Achtsamkeit und Wissen um eine Sache gehören ebenso dazu wie die Fähigkeiten, etwas zuzulassen, sich gehen zu lassen ...
Wie könnte das umgelegt auf ein Glas Wein aussehen? Freude haben, einen besonders wohlschmeckenden Wein zu ebenso wohlschmeckendem Preis entdeckt zu haben. Freude im Freundeskreis empfinden, wenn man deren Geschmack ebenso getroffen hat wie den eigenen, Freude darüber, dass man die Methoden, mit denen ein Winzer arbeitet, eins zu eins gutheißt, und dessen Wein mundet. Dass ein Tropfen mit dem Essen harmoniert. Genuss endet jedenfalls dort, wo die Wirkung in den Vordergrund tritt.
Dass wir als Gesellschaft genau das alles nicht können sollen, erschüttert, wo wir doch alle so fesch und gemütlich sind. Aber Genuss ist angeblich erlernbar, und zwar unabhängig von Geschlecht und Lebensalter. Die Hoffnung lebt! (Der Standard/rondo/27/01/2012)