Der Bart der Mode

12. Jänner 2012, 17:00
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Bald wird in Mailand die neue Männermode gezeigt - Mit dabei auch Umit Benan, der für Trussardi entwirft - Sein Stil: eine ausbalancierte Schlampigkeit

Christina war eine treue Leserin der New York Times und entsetzt. "Ist das jetzt die Mode von heute?", schrieb sie in einem Kommentar auf der Website, als die Zeitung 2009 ein Bild von Umit Benan abdruckte. Darauf zu sehen: Wie der türkische Modeschöpfer auf der Florenzer Modemesse Pitti khakifarbene Baggyhosen, ein dunkelblaues kariertes Maßjackett und einen dichten Pennerbart trug. "Der sieht aus, als wüsste er nicht, wie er sich kleiden soll. Ich hoffe, das ist ein Witz!"

Umit Bennan (30) kennt solche Reaktionen zur Genüge. Meist beziehen sie sich nicht so sehr auf die Kleidung, sondern vor allem auf den Bart zur Kleidung. Ja, man kann getrost sagen: Umit Benan ist der bekannteste und am kontroversesten diskutierte Bart der Modebranche. Seit er ihn trägt, bekommt er Aufmerksamkeit: "In New York bin ich auf der Straße angesprochen worden, ob ich ein Hollywood-Schauspieler sei", erzählt der Designer, der 2004 für zwei Jahre nach New York ging - unter anderem, um im Team von Marc Jacobs zu arbeiten.

Kreative Kraft

Mittlerweile lebt er in Mailand und zeigt hier seine Männerkollektion vor zunehmender Journalisten- und Anhängerschar. Im Juni des vergangenen Jahres erhielt er das Angebot, das traditionsreiche, aber nach Anschluss dürstende Modehaus Trussardi auf Vordermann zu bringen und sowohl für Herren wie für Damen zu entwerfen. Die einflussreiche Modekritikerin Suzy Menkes schrieb in der New York Times entzückt: "Diese kreative Kraft wird nun bei Trussardi genährt."

Trotz des Lobes: Umit Benan ist ein Außenseiter. Kein Apologet des Glitzertraums, den die Italiener so schätzen - und kein Verfechter des strikten Minimalismus, wie sie in Japan und Belgien an Modeschulen heranwachsen. Er ist wahrlich ein wild wucherndes Gewächs, der sich an der strengen Eleganz eines Nino Cerruti genauso erfreut wie an der lässigen Formlosigkeit einer Pyjamahose. "Ein Mann, der in seiner Schlafanzughose an den Schreibtisch setzt, das ist doch ein sehr starkes Bild." Für ihn natürlich ein Grund, in seinen Kollektionen ebensolche Schnitte zu favorisieren.

Obsession für Smoking-Jacken

Umit Benan kultiviert den Status des Zwischen-den-Stühlen-Sitzens, er lebt ihn. Geboren wurde er als Sohn einer türkischen Geschäftsfamilie 1980 in Stuttgart, im Alter von zwei Jahren zog er mitsamt den Eltern nach Istanbul, der Vater besaß am Bosporus eine Textilproduktionsfirma. "Damenbekleidung. Mein Bruder und ich mussten als Kinder aushelfen, uns um die Nähmaschinen kümmern, die Stoffe mit meinem Vater prüfen", erinnert sich Benan.

Heimisch werden konnte er nie so richtig in Istanbul. Als er 15 war, siedelte er in die Schweiz um und besuchte ein Internat in Lugano. Einen eigentümlichen Stil pflegte er bereits damals. "Ich entwickelte eine Obsession für Smoking-Jacken", erzählt er. "Ganz besonders für welche in Navyblau. Ich trug sie zusammen mit Jeans, ich finde, so ein Outfit sieht zwar schick aus, aber versprüht trotzdem etwas Alltägliches. Weil es die Jacken aber nirgends gab, nähte ich mir die damals selbst." Nach dem Studium in Boston, Mailand, London und einem Kurs an der renommierten Parson's New School of Design in New York nahm er eine Stelle im Damen-Design-Team von Jacobs an. Hier bekam er ein Gefühl für sehr locker fallende Stoffe, für einen ausbalancierten Schlampigkeits-Look - und es wuchs der Bart in ungeahnter Dichte. "Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, ich selbst zu sein."

Vorbild Nino Cerruti Kollektion gewidmet

Zurück nach Mailand kam er, weil er eine Assistentenstelle beim Frauenbekleider Pollini erhielt. Die Sehnsucht, Männerfantasien zu entwerfen, die blieb. 2009 lancierte er seine eigene Linie, auf der Pitti Uomo in Florenz erhielt er einen Newcomer-Preis - und diese Nachricht samt Foto löste Befremden bei eingangs erwähnten Lesern der Stilseiten aus.

Mittlerweile hat Benan eine weltweite Fanbasis, in London und Paris hängen seine Ideen in Boutiquen: nachtblaue Smokings, überlange Hemden mit kurzer Knopfleiste und locker geschnittene Hosen. Die Herbstkollektion hat er "Third Generation Italians" genannt und seinem Vorbild Nino Cerruti gewidmet. Auf einem Bild posiert der 80-jährige Grandseigneur sogar für den Frischling. "Mein Mentor", sagt Umit Benan. "Ich schätze an ihm, dass er Humor besitzt. Er kann sehr elegant wirken, aber dir nach 20 Minuten einen vulgären Witz erzählen. Wissen Sie, er ist ein Macho, der dann zu Nino wird, das fünfjährige Kind, das immer noch in ihm schlummert."

Nino mag ihn, Suzy findet ihn toll, Trussardi will ihn. Umit Benan ist angekommen in der großen Modewelt. Und der Bart schon längst. (Ulf Lippitz/Der Standard/rondo/13/01/2012)

  • Sein Idol ist der italienische Designer Nino Cerruti (Mitte). Rechts Umit Benan, der sämtliche Mode auf diesem Bild entworfen hat.
    foto: hersteller

    Sein Idol ist der italienische Designer Nino Cerruti (Mitte). Rechts Umit Benan, der sämtliche Mode auf diesem Bild entworfen hat.

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