Weihnachten in echt

22. Dezember 2011, 17:19
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Urlaub wie "Josef und Maria", das ist nur ein Symptom für unsere neue Sehnsucht nach dem Authentischen - Was uns die Krise sonst noch lehrt

Und da standen sie dann, zu Beginn der Adventszeit, im Morgengrauen auf dem Karmelitermarkt. Zwei wohlbestallte Juristen im Dienst eines österreichischen Großunternehmens, heute ausnahmsweise nicht in grauem Zwirn, sondern in Winteranoraks, und schlichteten mit klammen, rotgefrorenen Fingern die Äpfel auf die Waage. Ein Euro fünfzig das Kilo, 7,50 für einen Zehn-Liter-Karton Saft aus eigener Produktion. Vielleicht noch ein Glas Honig dazu, selbstgemachte Dörrzwetschken, oder ein paar Mispeln?

Nein, zum branchenüblichen Stundensatz wurde hier nicht abgerechnet, beim Verkauf so wenig wie zuvor bei der Herstellung. Aber es war wohl irgendein Mehrwert im Spiel. Den Produkten konnte man die vielen Stunden händischer Arbeit ansehen. Anders als sonst hatte diese diesmal ein Ergebnis, das man angreifen, abwiegen, schmecken kann. "Früchte der Arbeit"? Ja, genau. Äpfel.

Genährt und befeuert

Weihnachten in der Krise: Das ist ein Moment, in dem bei vielen Menschen offenbar das Bedürfnis wächst, auf den Boden zurückzukommen. Das Abstraktionsniveau im Alltag zurückzufahren. Und irgendetwas in die Hand zu nehmen, das man "echt" oder "wirklich" nennen kann.

Genährt und befeuert wird dieses Bedürfnis von den ökonomischen Turbulenzen. Finanzspekulationen und Schuldenkrisen, schlingernde Aktienkurse und Zukunftsängste, Krisengipfel und eine "unwiderruflich letzte Chance" nach der anderen: Nein, auf der Meta-Ebene kann einem schwindlig werden in diesen Wochen. Dort bläst uns der Wind um die Ohren, so unangenehm, dass man die Orientierung verliert.

Stricken, Flicken, Schnitzen, Einkochen

Wie gut, dass es unter der Meta-Ebene noch ein verstecktes, lang nicht benütztes Erdgeschoß gibt, in das wir uns flüchten können. Wo der Boden nicht schwankt. Wo schwere, fest verankerte Möbel stehen, an denen man sich festhalten kann. Wo die Vorräte liegen, auf die wir schon länger nicht mehr zurückgegriffen haben, weil wir dachten, wir seien auf sie nicht mehr angewiesen: Lageräpfel, Kartoffeln aus dem Vorjahr, Marmeladegläser. Fertigkeiten wie Stricken, Flicken, Schnitzen, Einkochen. O ja, das ist alles noch da. Das geht alles noch. Und da schau her: Es funktioniert sogar!

Eine schnelle Fernreise, zwei Wochen Strand und Palmen, alles inklusive: Was in den Weihnachtsferien vor wenigen Jahren noch eine realistische Option oder zumindest eine ganz normaler Wunschtraum war, erscheint in diesem Krisenwinter deplatzierter denn je. Nicht nur wegen des desaströsen ökologischen Fußabdrucks, der CO2- Emissionen und unserem schlechten Gewissen. Nicht nur, weil wir Angst um den Job haben und unsere Ersparnisse lieber zusammenhalten.

Sondern auch, weil sich "weit weg" plötzlich nicht mehr wie eine Sehnsucht anfühlt, sondern wie eine Drohung. "Ganz nah", da wollen wir lieber hin. Passend dazu bieten Reiseveransalter in diesen Tagen "Urlaub wie Josef und Maria" an. Bei Berlin kann man die Stallunterkunft mit Pferden buchen, in der Nähe von Brighton stehen, noch stilechter, Esel im Stall. In Frankreich schläft man auf echtem Stroh; in Bethlehem ist man gar in einer Höhle untergebracht, mit WLAN allerdings. Wer ein Baby hat, wird es in der Futterkrippe probeliegen lassen.

Zurück in die Höhle

Zurück in die Höhle, zurück ins Stroh? So seltsam solche Angebote sind - Thomas Hoof, der Gründer des Nobel-Versandhauses Manufactum, versteht, was dahintersteckt. Ein durchschnittlicher Stadtbewohner sei "von logistisch überaus verwickelten Versorgungsapparaturen und -schläuchen so vollständig abhängig wie ein Patient auf der Intensivstation", sagt er in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins brand eins. Und wann, wenn nicht jetzt, in der Krise, sollte das verwegene Bedürfnis aufblitzen, die Schläuche einfach einmal abzuklemmen und auszuprobieren, ob die eigene Atmung und Verdauung, die Reflexe und der Selbsterhaltungstrieb noch funktionieren?

Brand eins hat der "Sehnsucht nach dem Echten" seine Coverstory gewidmet. Bei Manufactum kann man Weck-Gläser bestellen und Taschenmesser, die schwer in der Hand liegen; schwere Vorhänge aus Streichgarnloden und Filzschuhe, Schneebesen aus Kokosfasern und hölzerne Rodeln. Ja, selbstverständlich ist auch bei den Weihnachtsgeschenken das "Echte" heuer der Renner. Es werden wieder Strohsterne gebastelt und Äpfel statt Lametta an den Baum gehängt.

Nicht an eine Douglas-Tanne, sondern an eine heimische Fichte mit FSC-Siegel, ohne weiten Transportweg. Statt Glitzerpapier stecken die Geschenke in wiederverwendbaren Baumwollsäcken. Die Gans kommt vom Biobauern, und sogar die Schokolade vom Diskonter wird mittlerweile nachhaltig produziert.

Genauer betrachet

Die Krise scheint etwas fertigzubringen, woran Öko-Prediger und konsumkritische Mahner jahrelang scheiterten: dass wir uns die Dinge, die wir kaufen, essen, konsumieren und verschenken, genauer anschauen, bevor wir sie kaufen, essen, konsumieren und verschenken. Dass wir wissen wollen, was sie eigentlich sind.

Diese Frage ist ziemlich neu. Denn wir sind es gewohnt, Geschenke eher in ihrer abstrakten Dimension zu sehen. Das Moped, die X-Box, die neue Yogamatte sind nicht einfach Moped, X-Box oder Yogamatte. Sie erfüllen einen Wunsch, transportieren ein Image, sind ein Zeichen von Zuneigung oder eiskalter Berechnung oder fordern zu einer Verhaltensänderung auf. Ein Geschenk verpflichtet zu einer Gegenleistung oder zumindest zu Dank. Sein Wert ist nicht objektivierbar, sondern schwankt, je nach individuellen Vorlieben. Mit einem Schlag, wenn es in die falschen Hände gerät, kann es auch völlig wertlos werden. Ein Geschenk ist ein Optionsschein, ein Versprechen, eine Wette - mit sehr ungewissem Ausgang.

Was wiegt es, was hat es?

So wie bei all den Finanzmarktprodukten, die uns in letzter Zeit um die Ohren geflohen sind, gibt es auch bei den Geschenken nur einen Weg, der sofortige Erleichterung verspricht: sie von ihrer Abstraktionsebene herunterholen und sie auf ihren nackten materiellen Gehalt abklopfen. Was wiegt es, was hat es? Unter welchen Umständen wurde es hergestellt, und von wem? Was ist drin, und was davon bleibt, wenn der immaterielle Glanz morgen davon abgefallen ist?

Die einen bunkern Gold oder kaufen Äcker, weil sie dem Geld und den Banken misstrauen. Die anderen kaufen Äcker und bauen darauf Dinge an, die man abwiegen, essen, verschenken und verkaufen kann, um einen Euro fünfzig das Kilo. Alle Übrigen drehen und wenden die Geschenke in ihren klammen, manchmal rotgefrorenen Fingern, kratzen an ihrer Oberfläche, begutachten das Material und die Qualität der Verarbeitung, wägen ab, ob sie sich reparieren, verwerten oder zu besser Nutzbarem umgestalten lassen. Weil Flicken und Basteln und Schnitzen und Wiederverarbeiten, das geht mitterweile ja schon recht gut. (Sibylle Hamann, Der Standard/rondo/23/12/2011)

  • Statt Glitzerpapier stecken die Geschenke in wiederverwertbaren Baumwollsäcken. Die Gans kommt vom Biobauern, und sogar die Schokolade vom Diskonter wird mittlerweile nachhaltig produziert.
    foto: hersteller

    Statt Glitzerpapier stecken die Geschenke in wiederverwertbaren Baumwollsäcken. Die Gans kommt vom Biobauern, und sogar die Schokolade vom Diskonter wird mittlerweile nachhaltig produziert.

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