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Die schwimmenden Gärten von Xochimilco versorgen Mexiko-Stadt mit Gemüse.


Nachfahren der Azteken bewirtschaften die künstlichen Inseln und bereiten für Besucher traditionelle Gerichte wie Tortillas,...

...Ziegenfrischkäse mit der saftigen Grünpflanze Portulak...

...und Eintopf zu.
Gegen Mittag lösen Sonnenstrahlen endlich den Regen ab, der bis dahin und seit Tagen auf die mexikanische Hauptstadt niedergegangen ist. "Zu spät, Kundschaft kommt heute keine mehr", sagt ein Bootsführer, der wie viele seiner Kollegen den schwachen Geschäftsgang genutzt hat, um seine Trajinera, ein hölzernes, buntes Ausflugsboot frisch zu streichen. Auf der anderen Seite der Anlegestelle warten Pedro Méndez und Don Dionisio Eslava in ihrem eigenen Boot. Die beiden sind Nachfahren der Azteken, die hier vor etlichen Jahrhunderten ein ganz außergewöhnliches landwirtschaftliches System entwickelt haben: die schwimmenden Gärten von Xochimilco.
"Die Ausflügler dürfen nur in die eine Richtung geschifft werden, auf die andere Seite des Sees, dorthin, wo unserer Felder liegen, kommen sie nicht", sagt Don Dionisio, während Pedro Méndez das Boot durch den Kanal hinaus aufs offene Wasser stakt. Bald ist kein Mensch mehr zu sehen. Überall wuchert üppiges Grün, schwer zu sagen, ob es sich um Festland, Inseln oder Wasserpflanzen handelt. Silberreiher und Blässhühner stelzen umher, am Himmel ziehen Wildenten, aus dem Dickicht der Bäume und Lianen dringt das Kreischen exotischer Vögel. Kaum zu glauben, dass es von hier nur dreißig Autominuten bis ins Zentrum der Millionenstadt sind.
Wasserhyazinthe von Carlota
Don Dionisio greift vom Boot hinab und zieht an einer Pflanze, die dicht und grün wie ein Teppich auf dem Wasser liegt, "eine Wasserhyazinthe. Carlota, die Frau Maximilians von Habsburg, brachte sie mit, als sie Kaiserin von Mexiko war. Anfänglich baute man sie als Zierpflanze an, heute verwuchert sie alles, sodass wir sie regelmäßig ausreißen müssen, um die Kanäle für die Schiffe frei zu halten", sagt er. Nach einer halben Stunde Fahrt sind die Felder erreicht. Pedro Méndez bindet das Boot fest. "Unsere Vorfahren haben die Inseln angelegt, als die Stadt Mexiko noch Tenochtitlan hieß und auf einer Insel inmitten eines riesigen Sees errichtet wurde", sagt Don Dionisio. "Um die für damalige Verhältnisse riesige Stadt mit Nahrung zu versorgen, wurden überall auf dem See sogenannte Chinampas angelegt und bewirtschaftet. Was Sie hier sehen, sind die letzten, die davon übrig sind." Wirklich außergewöhnlich fruchtbar seien die künstlichen Inseln, sagt der Bauer Méndez, der, wie Generationen seiner Familie vor ihm, den dunkelschwarzen Boden bewirtschaftet.
Steine oder gar Felsbrocken gibt es nicht, in der Hand fühlt sich die Erde dicht, schwer und feucht an. "Sie ist zwar fruchtbar, hat aber auch ihre Geheimnisse", sagt Méndez, "um ihren Säuregehalt zu regulieren, arbeiten wir mit althergebrachten Techniken, Chemikalien verwenden wir nicht, nur Viehmist." In drei Zonen ist die Chinampa eingeteilt, in der ersten werden Blumen und Zierpflanzen angebaut, in der zweiten hauptsächlich "Gourmetgemüse", wie sich Méndez ausdrückt, wenn er von Zucchini und Broccoli spricht. Die dritte, seine, ist auf traditionelle mexikanische Pflanzensorten spezialisiert. "Wir haben unseren eigenen Xochimilco-Mais, das sind über zwanzig Sorten, darunter auch solche mit roten, blauen und sogar mit schwarzen Körnern", sagt er. Aber auch Bohnen, Avocados, Kürbisse und "Chiles" also Paprika und Pfefferoni werden in den Chinampas gezüchtet. "Allesamt alte Sorten, die wir selbst selektieren, nichts hier wurde jemals verbessert oder gar manipuliert, alles hat seinen Ursprung in der Zeit vor der Conquista", so Méndez stolz.
Tiere für den Eigengebrauch
Rund um sein Haus haben sich Nachbarn versammelt, die Frauen bereiten das Mittagessen. Als Vorspeise reichen sie Ziegenfrischkäse mit Portulak, einer saftigen Grünpflanze. In den USA gilt sie als Unkraut, hierzulande wird sie außer mit Käse auch mit Salat vermischt oder zum Würzen von Eintöpfen verwendet. Tortillas aus Mais in verschiedenen Farben werden auf einer Platte über offenem Feuer gewärmt, in einem Topf schmort Kaninchen, in einem anderen Ente. "Fleisch erzeugen wir nur wenig, hauptsächlich halten wir die Tiere für den Eigengebrauch, außer Enten und Kaninchen auch Ziegen und Truthühner", betont Méndez. Obst und Gemüse hingegen werden am lokalen Wochenmarkt verkauft - und an die schicken Lokale im Zentrum von Mexiko-Stadt, wo man seit einiger Zeit die Vorzüge der traditionellen und biologischen Nahrungsmittel aus der nahen Umgebung erkannt hat.
"Langsam setzt sich die Chinampa als Qualitätsbezeichnung durch, manche Restaurateure kaufen nur mehr bei uns, viele Privatleute lassen sich wöchentlich eine Kiste mit Gemüse schicken", freut sich Don Dionisio über den offenbar auch in Mexiko-Stadt wachsenden Markt an bewussten Essern, die sich solches leisten können. Gefahr drohe dennoch, verkauften doch einige Bauern ihr Land lieber, als es weiterhin mühevoll zu bestellen. "Das ganze Gebiet steht zwar unter dem Schutz des Staates, und, als Weltkulturerbe, auch unter jenem der Unesco, dennoch gelingt es einigen immer wieder, sich ein Stück davon unter den Nagel zu reißen und darauf entweder ungeeignete oder gar keine Landwirtschaft zu betreiben", sagt Don Dionisio. Darum setzten die Bauern heute zusätzlich zur Landwirtschaft auch auf Ökotourismus, auf das Empfangen von Besuchern, die sich nicht nur von den bunten Trajineras herumschiffen ließen, sondern die auch zum Beobachten der Vögel und Pflanzen hierherkämen - und um die Einzigartigkeit dieser über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft inmitten einer der größten Städte der Welt zu erleben, hofft Don Dionisio. (Georg Desrues/Der Standard/rondo/16/12/2011)
Info
www.delachinampa.mx
Nach Anmeldung führt Pedro Méndez Besucher zu den Feldern.
Tel.: +52/564 100 80
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