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Fremdleser sind Leute, die sich über unsere Schulter beugen, ihren Atem in unseren Nacken blasen und gierig über die Zeilen fliegen, obwohl sie ihre eigene Zeitung vom Kaffeehaustisch nebenan nehmen könnten.
+++Pro
Von Karin Tzschentke
"Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig." Na bitte, gibt es eine bessere Begründung für das Mitlesen in anderer Leute Zeitung? Zwar habe ich es noch nirgendwo gelesen, aber ich bin mir sicher: Albert Einstein (von dem obiges Zitat stammt) gehörte auch zu der Spezies. Wie sonst hätte er so gescheit und wissend sein können?
Besonders öffentliche Verkehrsmittel eignen sich für Fortbildungszwecke. Dank Mitmenschen, die ungefragt ihre groß- und kleinformatige Lektüre unter meine bebrillten Stielaugen halten, bin ich noch vor Arbeitsbeginn informiert, was den österreichischen Geist an diesem Tag beschäftigt.
Wenig anerkennend wird bedacht, welche sportliche Herausforderung sich beim Fremdlesen stellt: Wie positioniere ich mich strategisch so, dass ich ohne den Hals allzu sehr zu verrenken, den besten Einblickwinkel in den Lesestoff meines Zeitungswirts erhalte?
Drum, nicht nur weil es weihnachtet: allen unfreiwilligen Bildungshelfern ein herzliches Danke.
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Kontra---
Von Adelheid Wölfl
"Darf ich mal mitlesen?" Das sind die gleichen Typen, die "Darf ich mal kosten?" fragen und selbst vor einem vollen Teller sitzen. Fremdleser sind Leute, die sich über unsere Schulter beugen, ihren Atem in unseren Nacken blasen und gierig über die Zeilen fliegen, obwohl sie ihre eigene Zeitung vom Kaffeehaustisch nebenan nehmen könnten.
Sie wollen signalisieren, dass sie Anspruch auf etwas erheben, was ihnen gar nicht gehört, sie sind respektlos. Wenn sie könnten, würden sie mit ihren Augen unsere Buchstaben aufsaugen, damit uns weniger bleibt. Und sie wissen, dass wir schwer "Nein" sagen können. "Nein, ich teile keine Zeilen." Das klingt so geizig.
Das nächste Mal sollten wird den Fremdlesern sagen: "Nein, Mitlesen geht nicht. Aber kannst du mir vorlesen?" Wir leiden ja so darunter, dass unsere tiefste Sehnsucht ungestillt bleibt, dass uns niemand vorliest, mit ruhiger und dunkler Stimme, ein ganzes Buch, jeden Abend. Uns fehlt auch, dass wir selbst nicht vorlesen, nie sehen, wie in den Augen des anderen die Gedanken vorbeihuschen. Das wäre so schön. (Der Standard/rondo/02/12/2011)
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