Die Glas-Guerilla

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  • Mit Guerillataktik in die ersten Häuser am Platz: Zalto-Macher Martin Hinterleitner und Josef Karner (re.).
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    Mit Guerillataktik in die ersten Häuser am Platz: Zalto-Macher Martin Hinterleitner und Josef Karner (re.).

Warum eine kleine Waldviertler Firma auf die Topstars der Weinwelt zählen kann, um ihre Gläser an den besten Adressen von New York bis Bordeaux zu positionieren

Man möchte meinen, dass Österreich mit einem weltbesten Hersteller feiner Weingläser gut aufgestellt ist - offenbar reicht das aber längst nicht. Seit einigen Jahren macht nämlich ausgerechnet ein winziger Hersteller aus dem Waldviertel dem Tiroler Großglasbläser Riedel unangenehme Konkurrenz. Nicht etwa bei den Stückzahlen - da laufen die außergewöhnlich leichten, filigranen, laut Steirer-eck-Doyen Heinz Reitbauer aber "ganz verblüffend bruchfesten" Gläser der Firma Zalto beinahe unterhalb der Wahrnehmungsgrenze. Aber die großen Winzer dieser Welt, in Österreich wie anderswo, bestehen immer öfter darauf, ihre Tropfen nicht in den lange als unverbesserlich gut geltenden Riedel-Gläsern verkosten zu lassen, sondern eben in Zalto.

Aber auch internationale Top-Restaurants wie das Sketch von Kochlegende Pierre Gagnaire in London oder der New Yorker Dreisterner Le Bernardin schenken mittlerweile ausschließlich in Zalto-Gläsern aus. Jancis Robinson, die Weinkolumnistin der Financial Times und vielleicht einflussreichste Publizistin auf diesem Gebiet, schwärmt regelmäßig von ihren "geliebten Zalto-Gläsern", die in ihrer hauchdünnen Machart "geradezu elastisch, ja biegsam" wirken und den Wein sein Potenzial auf "magische Weise" ausspielen lassen. Man kann sich vorstellen, dass derlei Publizität die Nachfrage anheizt.

Gläser für Verkostungen

Für Josef Karner und Martin Hinterleitner, die das Waldviertler Familienunternehmen 2006 kurz vor dem drohenden Konkurs übernahmen, ist diese Entwicklung zwar überraschend, irgendwie war sie aber schon auch einkalkuliert: "Wir haben uns von Anbeginn entschlossen, den Weg des feinen Weins zu gehen", sagt Josef Karner, der wie Hinterleitner bis zur Zalto-Übernahme im Management der Getränkefirma Schlumberger tätig war. Die beiden hatten die Gläser kurz vor dem Kauf erstmals erlebt und waren überzeugt, dass sich auch andere Weinkenner von der Überlegenheit der Gläser leiten lassen würden.

Zuallererst waren es österreichische Winzer wie Johannes Hirsch, Roland Velich oder Bernhard Ott, die sich die Gläser für Verkostungen bestellten. Von da zu den auch international höchstdotierten Häusern erwies sich der Weg aber viel schneller als erhofft. "Irgendwie scheinen alle, die eines unserer Glasln in die Hand bekommen, sich auf geheimnisvolle Weise in aktive Guerilleros für unsere Sache zu verwandeln", lacht Karner.

Das kann auch Roland Velich (Moric) bestätigen: "Meine Importeure in Amerika, in Dänemark, selbst in Indien sind zu Zalto-Vertragshändlern geworden, nachdem sie die Gläser bei Verkostungen erlebt haben." Für Velich ist ganz speziell das Burgunder-Glas von verblüffender Güte: "Zuerst wundert man sich, wie federleicht es in der Hand liegt. Auch der Schimmer des Glases ist ein ganz eigener. Vor allem aber leben die Weine in diesem Glas in einer Art auf, wie man das sonst kaum erlebt." Anderseits, so Velich, sei speziell das Burgunder-Glas aber auch "gnadenlos präzise im Aufdecken von Fehlern, im Entlarven flacher Weine".

Weinpfarrer

Auch Bernhard Ott hat den Guerillero-Effekt erlebt, als er mit Zalto-Gläsern im Gepäck zur Fachmesse Vin-Expo in Bordeaux reiste, um seine Weine möglichst gut zu präsentieren. Einer der Verkoster war Jean-Michel Cazes, seines Zeichens Besitzer des überaus prestigereichen Pauillac-Châteaus Lynch-Bages. Die Ott-Weine fand Cazes sehr interessant - nachhaltig fasziniert aber war er von den Zalto-Gläsern. "Zwar hat er nach der Bestellung herausgefunden, dass er unsere Gläser wegen eines Ver-trages mit Riedel nur in priva- tem Rahmen verwenden darf", lacht Hinterleitner, "aber er hat uns binnen kurzer Zeit einen noch viel einflussreicheren Fan vermittelt." Als nämlich allerhand Bestellungen feiner Restaurants aus Frankreich eintrudelten, konnten sich die beiden irgendwann die Frage nicht mehr verkneifen, wie die Kunden denn von den Gläsern aus Österreich erfahren hätten. "Ach, das wissen Sie gar nicht?", kam die Antwort, "von François Simon, dem Kritiker".

Nun ist François Simon nicht irgendein Gourmetschreiber, sondern der wohl einflussreichste, in Stil wie Urteil kompromisslos elegant sezierende Restauranttester des Figaro und Betreiber des in Französisch wie Englisch gleichermaßen erfolgreichen Blogs Simon-Says. Dass er - wiewohl es nirgendwo ein Foto von ihm geben soll - auch das explizite Vorbild des Kritikers Anton Ego aus dem Film Ratatouille sein soll, wurde nie dementiert.

Die Gläser, die noch unter Mithilfe des gern als "Weinpfarrer" titulierten Kenners Hans Denk entwickelt wurden, sind im Gegensatz zu Riedel-Gläsern nicht aus Bleikristall, was zur Folge hat, dass sie auch in der Spülmaschine gereinigt werden können, ohne einzutrüben - ein Effekt, der sich bei bleihaltigen Gläsern nicht vermeiden lässt. Auf ersten Blick mag paradox erscheinen, dass es just die extreme Dünnwandigkeit ist, die die Zalto-Gläser so vergleichsweise bruchfest macht: "Die Dünnwandigkeit sorgt für höhere Elastizität", erklärt Hinterleitner, "in Kombination mit einer betont langsamen Abkühlphase nach dem Glasblasen, wo wir das Glas über 24 Stunden schonend auf Raumtemperatur bringen".

Bruchfestigkeit

Diese Bruchfestigkeit ist ein ebenso wichtiges Argument für Restaurants wie die Spülertauglichkeit. Aldo Sohm, aus Österreich gebürtiger Sommelier in Eric Riperts New Yorker Drei-Sterne-Restaurant Le Bernardin, verwendet schon seit Jahren nur Zalto-Gläser - auch in seiner TV-Sendung. Der britische TV-Star und Weinexperte Olly Smith (The Secret Supper Club und Iron Chef UK, beides auf Channel 4) lässt es sich nicht nehmen, ein eigens für ihn angefertigtes Zalto-Modell exklusiv zu vertreiben.

Karner und Hinterleitner wissen, dass ihr Unternehmen im Vergleich zu den großen Playern noch verschwindend klein ist - und sie sind wild entschlossen, keine Kompromisse zugunsten höherer Absatzzahlen zu machen. Einstweilen freilich wachsen sie ohnehin in einem Tempo, dass den beiden schwindlig wird: "Es sieht so aus, als ob jedes verkaufte Weinglas drei weitere Bestellungen nach sich zieht", sagt Josef Karner.

Warum eine kleine Waldviertler Firma auf die Topstars der Weinwelt zählen kann, um ihre Gläser an den besten Adressen von New York bis Bordeaux zu positionieren. (Severin Corti/Der Standard/rondo/02/12/2011)

Zalto-Gläser in Wien etwa bei Haardt & Krüger, Cuisinarum oder online bei www.zaltoglas.at

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