Der Dichterfürst schob sich mit den Kindern noch bei Tageslicht durch Menschenmassen, die offenbar betrunken waren, weil sie zu viel Zimt inhaliert hatten
Vor einer Woche wusste der Dichterfürst noch gar nicht, dass es so etwas wie Duftkerzen gibt. Seit dem Besuch eines Christkindlmarkts verzaubert der Odem der Vanille allerdings schon drei Tage lang den glücklichsten Haushalt der Welt: Komm, süßer Tod.
Er kann sich an olfaktorisches Erlebniswohnen zwar noch aus jener fernen Zeit erinnern, in der sich die Weltjugend nicht ganz sicher war, ob sie sich in schwarze Anzüge, giftgrüne Karottenjeans oder Patschuli-Zelte kleiden sollte. Der heutige Nachwuchs hält aber Nena nicht nur für eine nett singende Oma und findet Falco ebenso gut wie die Original Piestingtaler Duttnbussler. Der Nachwuchs hört auch gern ungeniert zeitgenössischen Popperdreck wie Rihanna parallel zur Einnebelung der Bude mit Vanillekerzen.
Duftkerzen zu Hause sind allerdings nicht das eigentliche Problem. Man kann ja dagegen mit Marlboro anrauchen und sich vorwerfen lassen, dass man sterben wird, noch bevor man den Kindern zwei Reitpferde kaufen konnte. Ärgerlicher als dieses Besinnlichkeitsgestinke war der Besuch des "Adventzaubers" selbst.
Nachdem sich der Dichterfürst mit den Kindern noch bei Tageslicht durch Menschenmassen schob, die offenbar betrunken waren, weil sie zu viel Zimt inhaliert hatten, lernte er zwar, dass die Indianer gar nicht vom weißen Mann ausgerottet wurden. Sie verkaufen heute alle Silberschmuck auf Weihnachtsmärkten. Wieder zu Hause erbat er sich von der Frau aber einen Gefallen. Sollte er je wieder freiwillig in diese Punschhüttenhölle wollen, möchte sie ihn doch bitte zwangseinweisen lassen.
(Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 02.12.2011)