"Nerven wie Drahtseile"

Interview
22. November 2011, 13:13
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  • Eva Leube bei der Arbeit an ihrer Uhr namens Ari. Vier Jahre benötigte sie für das Stück, das es in die Vorauswahl des Grand Prix de l'Horlogerie de Genève schaffte und das derzeit um die halbe Welt tourt.
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    Eva Leube bei der Arbeit an ihrer Uhr namens Ari. Vier Jahre benötigte sie für das Stück, das es in die Vorauswahl des Grand Prix de l'Horlogerie de Genève schaffte und das derzeit um die halbe Welt tourt.

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  • Technische Details: "Ari" misst in der Länge 52 mm und ist 21,6 mm 
schmal. Das Gehäuse ist in 18 Karat Gold oder 950er-Platin erhältlich, 
Zifferblätter in 18 Karat Gold, drei entspiegelte Saphir-Gläser, 
freischwingende Unruh mit Regulierschrauben, Unruhfrequenz 18.000 vph / 
2,5 Hz, 40 h Gangreserve, 18 Rubinlager, 209 Einteile
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    Technische Details: "Ari" misst in der Länge 52 mm und ist 21,6 mm schmal. Das Gehäuse ist in 18 Karat Gold oder 950er-Platin erhältlich, Zifferblätter in 18 Karat Gold, drei entspiegelte Saphir-Gläser, freischwingende Unruh mit Regulierschrauben, Unruhfrequenz 18.000 vph / 2,5 Hz, 40 h Gangreserve, 18 Rubinlager, 209 Einteile

Die Uhrmacherin Eva Leube gilt als Pionierin in Sachen Uhrenbau - Mit ihrer Uhr "Ari" sorgte die in Australien ansässige Deutsche auf der Messe Baselworld für Aufsehen

DER STANDARD: Sie leben bei Sydney. Das ist nicht gerade ein Zentrum der Uhrenindustrie. Wie sind Sie dort gelandet?

Eva Leube: Ich hatte schon eine Zeit lang für Rolex in Sydney gearbeitet und hab hier auch meinen Mann kennengelernt. Mit ihm bin ich dann in die Schweiz, wo ich unter anderem bei Ulysse Nardin engagiert war. Ja, und dann kam unser Sohn auf die Welt, und mein Mann wollte wieder zurück nach Hause. Und so hab ich mich halt hier selbstständig gemacht.

DER STANDARD: Bei Ihnen ist es zehn Stunden später als in Österreich. Hat eine Uhrmacherin einen anderen Bezug zu Zeitzonen?

Leube: Ich habe mir einmal überlegt, eine Uhr mit verschiedenen Zeitzonenanzeigen zu bauen. Der größte Teil meiner Arbeit passiert hier im stillen Kämmerlein. Das ist sowieso eine Zeitzone für sich.

DER STANDARD: Ticken die Uhren in Australien anders?

Leube: Eigentlich nicht. Die Menschen in Australien sind im Vergleich zu Europa noch nicht wirklich zur mechanischen Uhr zurückgekehrt. Es gibt schon Sammler und Fans, bei denen es tickt. Hier läuft viel über Elektronik. Australien ist ja ein junges Land. Hier gibt es keine Tradition von Mechanik.

DER STANDARD: Man kann davon ausgehen, dass es in der Schweiz leichter ist, eine Uhr zu bauen.

Leube: Ich hab mir die Dinge, die ich brauche, selbst gemacht. Ich fand hier auch eine Firma, die mir per Laser Zeiger-Rohlinge ausgeschnitten hat. Die sahen aus wie Bombensplitter und mussten stark nachbearbeitet werden. Ich wählte durch diese Voraussetzungen auch eher klassische Techniken für meine Uhr "Ari". Sie ist übrigens nach meinem Sohn benannt.

DER STANDARD: Der Job der Uhrmacherei ist eine Männerdomäne, zumindest wenn es darum geht, eine Uhr zu bauen. Sie gelten als Pionierin. Hat man es als Frau schwerer in diesem Metier?

Leube: Ich empfinde es nicht als Nachteil, als Frau in diesem Business zu bestehen. Schwierig wird es eher, wenn man auch noch den Job der Mutter zu meistern hat. Aber das ist wahrscheinlich das Problem aller selbständigen Mütter. Eine Uhr zu bauen erfordert freilich ganz besonders viel Konzentration. Da braucht es oft Nerven wie Drahtseile.

DER STANDARD: Das heißt, man läuft schon Gefahr, alles einmal an die Wand zu werfen?

Leube: Ich glaube, diese Hürde überwindet man bereits in der Lehre. Man lernt immer mehr, Fehler systematisch zu suchen und logisch vorzugehen. Aber es ist sicher nicht jedermanns Sache.

DER STANDARD: Ehrlich noch nie einen Wutausbruch bekommen?

Leube: Nein, dafür hat man in der Regel schon zu viel investiert. Wenn etwas nicht klappt, lege ich die Uhr halt für ein Weilchen zur Seite und atme kräftig durch.

DER STANDARD: Und gehen surfen?

Leube: Nein, ich gehe so gut wie jeden Tag joggen.

DER STANDARD: Ihre "Ari" sorgte auf der Messe Baselworld für Aufsehen. Was ist denn das für eine Uhr?

Leube: Von der Größe her ist es eine Herren-Armbanduhr. Es ist eine sehr technische Uhr mit wenig Schnickschnack. Ich wollte, dass man ihren Mechanismus gut sehen und beobachten kann, weil ich im Laufe meiner Karriere so viele schöne Werke gesehen habe, die aber im Gehäuse versteckt waren. Das fand ich immer schade. Ich hab auch verschiedene Teile des Uhrwerks umgedreht, zum Beispiel die Aufzugsteile, das Hemmungsrad. Die sieht man jetzt oben. Besonders an der Uhr ist die durchgängig gebogene Platine. Die Radachsen zeigen alle zum Zentrum eines imaginären Kreises, den die Platine beschreibt. Das Werk muss der Wölbung des Gehäuses folgen. Das war die eigentliche Schwierigkeit.

DER STANDARD: Wie viele Stück gibt's von "Ari"?

Leube: Bisher nur den Prototyp, an dem ich vier Jahre gearbeitet habe. Im Moment bin ich an der Nummer eins dran. Das wird wohl noch ein Jahr dauern.

DER STANDARD: Was kostet die Nummer eins?

Leube: Sie wird aus Platin gemacht. Der offizielle Verkaufspreis wäre 93.000 Euro, aber mein Kunde bekommt einen Spezialpreis.

DER STANDARD: Tragen Sie den "Ari"-Prototyp?

Leube: Nein, außerdem ist die Uhr im Moment sowieso unterwegs, weil sie in die Vorauswahl des Grand Prix de l'Horlogerie de Genève kam und auf einer Wanderausstellung in Zürich, Hongkong, Schanghai und Genf zu sehen ist.

DER STANDARD: Vermissen Sie sie?

Leube: Es ist, als würde man sein eigenes Kind allein losschicken. Der Papierkram für Versicherungen war auch extrem nerven- und zeitraubend. Also leicht war das nicht. Andererseits kann ich mich jetzt ganz der neuen "Ari" widmen.

DER STANDARD: Was tragen Sie für eine Uhr?

Leube: Immer wieder eine andere, hauptsächlich ältere Stücke. Eine der neueren ist eine Omega Genève.

DER STANDARD: Die Uhrenindustrie ist eine sehr traditionelle. Empfinden Sie das als einengend?

Leube: Nein, im Gegenteil. Ich interessiere mich besonders für historische Uhren, in denen man auch noch den Uhrmacher erkennen kann. Mich faszinieren Uhren, für die man noch selbst die Werkzeuge herstellen musste.

DER STANDARD: Die "Ari" ist also keine moderne Uhr.

Leube: Das ist schwer zu sagen. Sie ist noch sehr jung, aber hergestellt ist sie komplett auf dem klassischen Weg. Selbst alle Gravuren sind per Hand entstanden, das Wappen habe ich auch selbst entworfen. Das Motiv auf dem Schild zeigt das spiegelverkehrte Ankerrad, das in der Uhr zu finden ist. Es gibt keine modernen Materialien. "Ari" ist eine klassische Uhr.

DER STANDARD: Was wäre denn eine revolutionäre Neuerung im Uhrenbereich?

Leube: Wie gesagt, ich bin der traditionelle Typ, aber es treten schon manchmal Menschen mit Ideen an mich heran und fragen, ob ich die umsetzen kann. Ich blocke so etwas meistens gleich ab. Ich liebe das Handwerk und suche keine Revolution.

(Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/18/11/2011)

Eva Leube wurde 1972 in Berlin geboren. Mit 23 schloss sie ihre Uhrmacher-Ausbildung ab und arbeitete für Unternehmen in Deutschland, der Schweiz, Südafrika und Australien. Seit 2007 ist die Rolex-Spezialistin selbstständig und fertigt Uhren in Handarbeit in Manly bei Sydney.
www.evaleube.com

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Wahnsinnig schöne Uhr! Wunderbare Anordnung der Technikteile!

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