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Mundgeblasene Artemide-Leuchte aus der Familie "Logico" von Michele de Luchi und Gerhard Reichert.
Klar möchte man am Flughafen von Venedig schnurstracks ins nächste Vaporetto Richtung San Marco. Statt eines 15- Euro-Cappuccinos im Café Florian, Campanile-Gebimmels und Taubengurrens gibt's an diesem windigen Herbsttag, der den Wellen kleine Schaumhäubchen aufsetzt, allerdings einen 20-minütigen Bus-trip in eine Gegend, die mit Venedig so viel gemeinsam hat wie Inzersdorf. Casale sul Sile heißt das Örtchen, wo der Leuchtenhersteller Artemide in der eigenen Glasbläserei namens Vetrofond Leuchten entstehen lässt, die von hier in circa 60 hoch glänzende Showrooms zwischen Mailand und New York geliefert werden. Die Formen gaben ihnen Gestalter wie Norman Foster, Ross Lovegrove, Richard Sapper, Michele de Lucchi, Karim Rashid oder Vico Magistretti.
Wer glaubt, auch hier einen gestriegelten Lichttempel vorzufinden, irrt. Der Bus kommt vor einer Halle mit Wellblechdach zu stehen. Es ruht etwas windschief auf rostigen Trägern. An den Öffnungen der gerippeartigen Wände wandern kleine glühende Lichtknäuel vorbei. Kein auch noch so vergammeltes Schild würde den in der Designwelt so klingenden Namen verraten, der auf die Göttin Artemis zurückgeht. Hier gibt es keinen Showroom, noch nicht mal eine Rezeption. Hier ist das Reich von zehn Öfen, Pressen, Diamantschneidern, alles bedeckt von einer Patina aus Ruß und Staub, dazwischen 45 Männer und eine Frau. Basta.
Klein ist sie - und zierlich, diese Laura Pafotto, die hier den Laden schmeißt und dahinter her ist, dass ihre Meister und Gesellen täglich 1000 Lampenschirme aus kleinen glühenden Knödeln zaubern, die sie am Ende zwei Meter langer Stahlrohre scheinbar planlos, auf jeden Fall aber wortlos durch die Halle jonglieren. Doch der Schein trügt. Angst und bang wird einem davor, dass dieses mikadoartige Durcheinander jeden Moment in einem schmerzhaften Zusammenstoß enden könnte, doch hier herrscht eine Eingespieltheit, als wären die Männer Synchronschwimmerinnen, auch wenn ihre Ähnlichkeit mit solchen geringer nicht sein könnte.
Wangen wie Tennisbälle
Eine Ausbildung für den gefragten Glasbläser gibt es in Italien bis heute nicht. Pafotto sagt, diese Männer hätten ihre Kunst von ihren Vätern und diese von ihren Großvätern erlernt. "Das Geheimnis dieser Kunst ist die Erfahrung", setzt sie nach, auch wenn man sie kaum versteht zwischen dem Zischen und Knacken, das heiße Glasreste verursachen, die in einer Kiste unter der Hitze ächzen und springen.
Wenn die Meister blasen, blähen sich ihre Wangen, als hätten sie Tennisbälle darin versteckt. Einem jeden noch so grünen Laubfrosch würde dieser Anblick die Schamesröte ins Gesicht treiben. Besonders am Morgen, weiß Laura Pafotto, denn dann ist das Lungenvolumen am größten.
Zuvor, in der Nacht, köchelt das 1500 Grad heiße Glas, das hier in drei oder mehr Schichten zu den bekannten Leuchten geformt wird. Nach anfänglichem Drehen in einer Holzform bläst der Maestro, ehe er den Glühbatzen in einer Form versenkt. Auch dort bläst er hinein und presst mittels eines Pedals das heiße Glas in die Form einer Logico-Leuchte, die an Alvar Aaltos berühmte Savoy-Vase erinnert. 50 Prozent der Leuchtenkollektionen von Artemide werden mundgeblasen, sagt der Artemide-Geschäftsführer von Deutschland, Österreich und der Schweiz, Steffen Salinger, der in seinem Businessanzug hierherpasst wie der Arbeiter neben ihm in eine Aufsichtsratssitzung. "Sieht man von den gasbetriebenen Öfen und der mechanischen Schleiferei ab, wird hier Glas gemacht wie vor 1000 Jahren", erzählt Salinger.
Nach der Formgebung wandern die gläsernen Teile für sechs Stunden in einen Ofen von der Größe einer Autowaschstraße, in dem sie auf 100 Grad heruntergekühlt werden. Am Ende des Ofens kommen sie langsam wie frische Semmerln über ein Fließband zum Vorschein. Eine Diamantsäge schneidet sodann die Kanten des Glases. Sie klingt wie ein Zahnarztbohrer für Dinosaurierzähne. Schließlich wird poliert, geschliffen und kontrolliert, ehe die Lampenschirme in großen Nestern auf Noppenfolien gebettet werden.
Murano war einmal
Warum man sich nicht auf Murano einen feschen, werbewirksamen Tempel hinstellt, ist leicht erklärt. Steffen Salinger: "Auch Vetrofond produzierte bis vor 30 Jahren in Murano, aber es macht heute allein schon aus Transportgründen keinen Sinn mehr für eine Glasbläserei dieser Größenordnung, in Murano zu produzieren." Apropos Größe: Das Unternehmen, das 1960 in Mailand von Ernesto Gismondi gegründet wurde, der heute 78-jährig noch die Fäden der Artemide-Gruppe in der Hand hält, wird heuer mit weltweit 700 Mitarbeitern einen Umsatz von 145 Millionen Euro erzielen. "Das macht Artemide zum Marktführer in Sachen Design-Leuchten für den Wohnbereich made in Italy." Zu den Mitbewerbern zählen so leuchtende Namen wie Flos, Foscarini oder Luceplan. Pikantes Detail: Auch die Konkurrenz lässt zum Teil hier bei Vetrofond blasen.
Der Widerspruch zur Hochglanzwelt wird auch beim Mittagessen konsequent fortgeführt. Das findet nicht etwa in einer geschniegelten Kantine statt. Seinen Teller Nudeln bekommt man im angrenzenden Tennisklub, wo zwischen vergilbten Zeitungsausschnitten und verstaubten Pokalen, Espressotassen und Torta-de-la nona-Resten, sozusagen als Tischdeko, kleine erkaltete Klumpen Glas liegen, die ein paar Meter von hier mittels Puste zu kleinen Kunstwerken werden, die sämtliche Designpreise abstaubten. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/11/11/2011)
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