Imbiss an und für sich

11. November 2011, 10:39
5 Postings

Eine Gruppe von Künstlern tut sich mit absoluten Spitzenköchen und Produzenten zusammen, um dem Imbiss als Inbegriff demokratischen Genusses wieder zu seinem Recht zu verhelfen

"Leberkäs, Schnitzelsemmel oder Burenheidl - viel mehr darf man sich in Wien nicht mehr erwarten, um den schnellen Hunger zu stillen", klagt Philipp Furtenbach vom Künstlerkollektiv AO&, "dabei ist der Imbiss eine Form der Verköstigung, die auch einiges über den Zustand einer Gesellschaft aussagt - und zwar durchaus auch in demokratischer Hinsicht." Gutes, variantenreiches Essen, für das man nicht viel Zeit und erst recht nicht viel Geld brauche, sei nämlich ein kaum zu unterschätzender Faktor zur Demokratisierung des guten Geschmacks - und davon können wir in Österreich wohl unbestritten mehr brauchen.

"Wie kann es sein, dass ich in einer Stadt mit kulinarischem Renommee wie Wien keine ordentliche Tellersulz mehr bekomme, von einem Gabelfrühstück gar nicht zu reden", sagt Roland Velich, Winzer von Weltgeltung (Moric) und gemeinsam mit Furtenbach Mitbegründer des "Club of Plenty". Die lose Vereinigung aus Künstlern, Produzenten, Köchen und sonstigen "Zugewandten" hat sich zum Ziel gesetzt, die Kultur und Qualität unseres Essens und Trinkens zu fördern. Das kann über kluge Diskussionen funktionieren, wie der Club sie auch veranstaltet - aber eben auch über ganz konkrete Aktionen, bei denen es in der Hauptsache darum geht, nicht nur gscheit daherzureden, sondern schlicht zu machen.

Spezieller Heuriger

Und im Fall der Qualität des Imbissangebots in einer selbsternannten Weltstadt wie Wien passiert das ab kommendem Montag. Der Immobilientycoon Martin Lenikus, der unlängst auch einen sehr speziellen Heurigen in Grinzing eröffnet hat, ist nämlich ein solcher "Zugewandter": Er stellte dem Club für die gesamte Vorweihnachtszeit, bis inklusive 23. Dezember, ein aufgelassenes Geschäftslokal in denkbar prominenter Innenstadtlage zur Verfügung. In der Freisingergasse, in unmittelbarer Nähe zu Peterskirche und Bauernmarkt, wird in den kommenden Wochen das "Wiener Forum zur Imbisskultur" mit einer Intervention im öffentlichen Raum für erwartungsvolles Magenknurren und das Lindern ebendieses sorgen.

Täglich außer Sonntag, von zehn Uhr Vormittag durchgehend bis 22 Uhr, wird es in der ehemaligen Damenmodeboutique Petra ein ständig wechselndes Imbissprogramm geben. Das Grundgerüst wird dabei von Furtenbach, Wisser und Riccadona gewährleistet, die ihre ebenso zartfühlende wie handfeste Herangehensweise an das Thema Essen in bewährt hochklassiger Manier dem Imbiss angedeihen lassen wollen.

Parallel dazu aber haben einige der allerbesten Köche des Landes zugesagt, sich für jeweils einen Tag hinter die Budel und/oder den Herd zu klemmen. Jörg Wörther etwa oder Konstantin Filippou (Ex-Novelli). Aber auch Claudio Andreatta, einst in seinem Zweihauber "Svevo" in Berlin-Kreuzberg der küchentechnische Lehrmeister Philipp Furtenbachs, wird kommen; die Kabarettisten Florian Scheuba und Thomas Maurer wollen gemeinsam antreten, um ihre Kritik am austriakischen Imbiss in Form eines Gegenentwurfs zu konkretisieren. Simon Hong Xie vom Restaurant ON wird für die eine oder andere ostasiatische Spielart des schnellen Happens sorgen; Roland Velich hat vor, sein Talent einmal nicht dem Blaufränkischen oder Grünen Veltliner angedeihen zu lassen, sondern sich an erwähnter Tellersulz wie auch an diversen Pasteten zu versuchen. Dominik Flammer aus Zürich wird den Imbiss als Käse vorstellen, der Autor des Artikels wurde vergattert, sich an einer indonesischen Form des schnellen Essens zu vergehen.

Gute, selbstproduzierte Lebensmittel

Vonseiten engagierter Produzenten ist das Echo auf die Initiative jedenfalls begeistert: Josef Weghaupt etwa stellt sein grandioses "Joseph"-Brotsortiment kostenlos zur Verfügung, Stephan Gruber von Kaes.at wird seine einzigartigen Käslaibe anrollen, Winzer Heinz Velich steuert zwei ganze Turopolje-Schweine aus eigener Zucht bei, die möglichst vor Ort zerlegt werden sollen. Die Fleischhauer Leopold und Christoph Hödl werden vor Ort (und nach Rezepturen von "AO&") wursten, Erich Stekovics dazu das notwendige Sauergemüse bereitstellen. Und so fort.

Wer gute, selbstproduzierte Lebensmittel hat, ist aber ebenso aufgerufen, sich mit den Veranstaltern kurzzuschließen, wie Interessenten, die selbst einen gültigen Beitrag zur Verbesserung der Imbisskultur leisten wollen: "Das Schönste wäre doch", so Furtenbach, "wenn daraus Bleibendes entstehen könnte, wenn es danach tatsächlich mehr und besseres schnelles Essen in der Stadt gäbe."

Auch deshalb soll es beim Kochen allein nicht bleiben. Diverse Diskussionsrunden wurden angesetzt, bei denen Produzenten, Vermittler und Kunden etwa über die gar nicht so eindeutige Definition dessen nachdenken, was nun ein gutes Lebensmittel ist. Oder, zum Thema Wein, überlegen, wie sich unkomplizierte "Stehachterl"-Weine (wie sie zum Imbiss durchaus erwünscht sind) dennoch mit Qualitätsanspruch und individuellen Herangehensweisen verbinden lassen. Man sieht: Das Thema bietet reichlich Futter, an dem in den kommenden Wochen hoffentlich ebenso produktiv wie genüsslich herumgekiefelt wird. (Severin Corti/Der Standard/rondo/11/11/2011)

Wiener Forum zur Imbisskultur, Bauernmarkt 1 - Eingang Freisingergasse, 1010 Wien, 14. 11. - 23. 12. 2011, Mo-Sa 10-22 Uhr, www.clubofplenty.org

  • Thomas A. Wisser, Philipp Furtenbach und Philipp Riccabona von der Künstlertruppe AO& machen für den "Club of Plenty" ein "Forum zur Imbisskultur" - pünktlich zur Vorweihnachtszeit, im Herzen der Wiener Innenstadt und mit hochkarätigen Gastköchen wie Jörg Wörther oder Konstantin Filippou.
    foto: heribert corn

    Thomas A. Wisser, Philipp Furtenbach und Philipp Riccabona von der Künstlertruppe AO& machen für den "Club of Plenty" ein "Forum zur Imbisskultur" - pünktlich zur Vorweihnachtszeit, im Herzen der Wiener Innenstadt und mit hochkarätigen Gastköchen wie Jörg Wörther oder Konstantin Filippou.

Share if you care.