"Ich bin ein Patsch"

  • Gerhard Polt wartet in dem kurzen Film "Der Gedanke" ungeduldig und mit einer Flasche Bardolino auf einen neuen Gedanken. Das Möbelobjekt "Ausschnapsn" von Martin Walde wird dabei als Ko-Darsteller ausgewiesen.
    foto: michael turkiewicz, design&art

    Gerhard Polt wartet in dem kurzen Film "Der Gedanke" ungeduldig und mit einer Flasche Bardolino auf einen neuen Gedanken. Das Möbelobjekt "Ausschnapsn" von Martin Walde wird dabei als Ko-Darsteller ausgewiesen.

Der bayrische Kabarettist Gerhard Polt im Interview über die Seele von Dingen, das ideale Schulmöbel und die nichtvorhandenen Keller in Skandinavien

DER STANDARD: Haben Dinge eine Seele?

Gerhard Polt: Das kommt darauf an, was man unter einem Ding versteht. Man kann natürlich sagen, wenn ein Stuhl es schafft, dass man auf ihn reagiert, dann strahlt er auch etwas aus. Es gibt ja auch Viecher, die sich vor bestimmten Formen oder einem Stein scheuen. Da weiß man ja auch nicht genau, warum. Aber es ist so. Außerdem weiß man auch, dass bestimmte Bäume miteinander in Kontakt stehen. Das ist erwiesen. Also, was ist ein Baum? Da ist viel Holz drin.

DER STANDARD: Gibt es Dinge, die Ihnen Freude machen?

Polt: Ja sicher.

DER STANDARD: Welche denn?

Polt: Unendlich viele. Dinge, die schön sind, die mir gefallen. Ich mein das nicht in dem Sinne, dass alle Leute sagen müssen: "Ui wie schön". Das ist wie beim hässlichen kleinen Entlein. Das ist zwar schiach, aber man kann es gernhaben. Man hat einen Bezug dazu. So kann es auch bei einem Möbel sein. Also es gibt schon Dinge, die auch für mich emotional aufgeladen sind. Mein Bub hat einen Stoffhasen gehabt. Den hat's mit der Zeit ziemlich zerrupft. Ich hab ihm den Hasen aufgehoben. Jetzt hab ich ihn. Ob er ihn noch einmal kriegt, weiß ich nicht.

DER STANDARD: Es ist nicht einfach, Schönheit zu definieren.

Polt: Das wissen wir doch alle. Über Schönheit kann man genau so viel erzählen oder nicht erzählen wie über die Liebe. Das ist ein Endlosthema.

DER STANDARD: Versuchen wir es trotzdem. Was ist für Sie persönlich ein wirklich schöner Gegenstand?

Polt: Ja meinen Sie jetzt einen ganz bestimmten?

DER STANDARD: Ja.

Polt: Was ist für mich schön? Das kann eine Hauswand sein. Oder der Griff von einer Schublade. Ein altes handgeschnitztes Schachspiel und vieles mehr.

DER STANDARD: Sie sprachen von der emotionalen Aufladung eines Dinges? Fluchen Sie manchmal über einen Gegenstand?

Polt: Nein. Ich fluche eigentlich nicht.

DER STANDARD: Echt?

Polt: Ich höre gern Flüche, wenn einer gut flucht. Das gefällt mir. Aber die wenigsten Leute fluchen heute noch richtig, weil ihnen das Vokabular fehlt. Früher, als Bub, hab ich Leute gehört, die haben fluchend ganze Geschichten erzählt und andere verwünscht. Heut sagen sie nur mehr "blöder Hund" oder "Sau". Das ist mager.

DER STANDARD: Es fehlt also an Fluch-Design.

Polt: Es fehlt an der Zeit. Wenn man gescheit fluchen will, dann ist das zeitaufwändig. Oder?

DER STANDARD: Dabei wäre es vielleicht gut für die Psychohygiene.

Polt: Es kann sein, dass es vielen Menschen helfen würde, wenn sie am Fluchen einen Spaß hätten. Aber wie gesagt, die meisten Leute sind überwältigt von irgendeiner Situation und dann tropft ihnen nur irgendeine Verbalinjurie heraus.

DER STANDARD: Wie spricht der Bayer das Wort Design aus?

Polt: Es gibt andere Wörter, die eher vielfältig sind. Orange zum Beispiel. Da sagt man "oronsch", "arasch" oder "orasch".

DER STANDARD: Gibt's ein prototypisches bayrisches Ding?

Polt: Ja. Die Weißwurst. Ich hab einen Spezi, der ist Kunstmaler und war an der Kunstakademie in München. Der hat eine schwebende Weißwurst gemalt, auf einem ganz eigenartigen Himmel. Das schaut ganz ätherisch aus. Manchmal denkst du, das ist ein Zeppelin, ein anderes Mal, es ist ein Alien. Die gefällt mir gut, die Weißwurst.

DER STANDARD: Wie oft essen Sie Weißwürste?

Polt: Selten.

DER STANDARD: Design ist im Vergleich zu Kunst oder Architektur ein eigenartiges Wörtchen, oder?

Polt: Das ist wahrscheinlich wie bei vielen Begriffen, die gewissermaßen keinen Hintergrund haben und von irgendwo herkommen wie ein Katarrh. Man redet halt dann durch die Nase. Der Katarrh ist da. Vielleicht geht er wieder weg. Es kann ja sein, dass sich das Wort Design irgendwann einmal in ein anderes Wort mutiert.

DER STANDARD: Mögen Sie das Wort?

Polt: Es ist neutral für mich. Es lädt mich an und für sich nicht besonders auf. Das Wort ist modern, aber wenn ich durch Pompeji gehe oder durch das Nationalmuseum von Neapel, dann sehe ich auch viel Design. Das ist Design, was die gemacht haben. Nur weil der Begriff modisch ist, müssen ja nicht die Sachen modisch oder avantgardistisch sein. Ich seh dort antikes Design. Wunderbar.

DER STANDARD: Und der Designer, was ist der für ein Menschenschlag?

Polt: Das ist ein Formschöpfer, jemand der mithilfe seiner Fantasie Formen und Räume gestaltet. Kreieren mag ich nicht sagen. Er ist ein Fantast. Er muss Fantasien haben, und die muss er manifestieren. Also macht er aus Glas, Stein, Holz oder sonst etwas eine Form. Wenn diese ein Wurf ist, kann das eine Form sein, die etwas Unendliches trifft. Es gibt Formen, die in sich perfekt und nicht überbietbar sind. Ich will kein Schlaumeier sein, aber schauen Sie sich das berühmte Porsche-Design an. Das Grundprinzip dieses Autos bleibt. Das kann man nicht überholen. Das ist so.

DER STANDARD: Fällt Ihnen noch ein Beispiel ein?

Polt: Nehmen wir den Flaschendesigner von Absolut- Wodka her. Die Schweden sind keine guten Wodka-Produzenten. Noch nie gewesen, weil die Schweden, sag ich einmal vorsichtig, nicht so viel vom Wodka verstehen wie die Russen, die Polen oder die Ukrainer. Aber die ganze Welt kauft diese Flasche. Nicht wegen dem Wodka. Sie ist ein Wurf. Offensichtlich.

DER STANDARD: Mit welchen Gestaltern haben Sie zu tun?

Polt: Das sind meistens Bühnen- oder Kostümbilder. Beleuchter sind auch Designer. Mit Licht kann man sogar wunderbar Design machen. Das ist hochspannend, was diese Beleuchter wissen. Diese Illuministen - die halten sogar Kongresse ab. Fantastisch. Ich selber bin ungeschickt. Ein Patsch.

DER STANDARD: Wir sitzen hier in einem Gebäude von Jean Nouvel (Stilwerk Wien). Gefällt es Ihnen?

Polt: Ja, das gefällt mir. Es ist schpaziös. Das heißt, es ist geräumig, luftig, voluminös. Ich muss den Kopf nicht einziehen. Das ist schön.

DER STANDARD: Und Ihr Zuhause. Ist das auch schpaziös?

Polt: Nicht so wie da. Es ist ein schwedisches Haus, neben lauter bayrischen Häusern. Ich war ja eine Zeit in Schweden. Ich mag Holz gern. Es ist leicht. Skandinavische Häuser vermitteln mir, dass sie nicht für die Ewigkeit gebaut sind. Also wenn einer aus der dritten Generation kommt, dann kann er es einfach wegreißen und etwas Neues machen. Ich brauch nichts, das etwas hermacht. Und das Schönste am Beton ist halt doch, wenn irgendwo eine Brennnessel rausschaut. Das ist wunderbar. In Schweden haben die Häuser auch keinen Keller. Die Franzosen haben auch keinen. Bei uns haben die meisten Häuser einen Keller. Das ist interessant. Warum das so ist, hab ich mich auch schon einmal gefragt. Die Skandinavier haben auch keine Hobbykeller, wo die Leute wie die Murmeltiere runterkrabbeln.

DER STANDARD: Wie sind Sie eingerichtet?

Polt: Ich hab ein Mitspracherecht. Das macht meine Frau, aber ich darf auch sagen, ob es mir gefällt.

DER STANDARD: In Ihrem kurzen Film "Der Gedanke" geht es auch darum, wie Film Design bzw. Design Film inspiriert. Welche Rolle spielen Objekte auf Ihrer Bühne?

Polt: Ein Möbel im Vorder- oder Hintergrund kann so wie ein anderer Gegenstand einen Menschen aus irgendeinem Grund lächerlich machen. Es kann das, was er sagt, auch unterstreichen und einiges mehr. Eine Bühne ist nicht dasselbe, wenn sich auch nur der kleinste Gegenstand auf ihr befindet. Das kann eine Kiwi sein, ein Kleiderständer. Ich brauch immer einen Gegenstand. Das finde ich interessant. Das ist wie bei Karikaturen. Wenn sich ein dicker Mensch mit einem Arsch wie ein Elefant auf einen sehr kleinen Stuhl setzt, dann ist das wunderbar. Man fragt sich: "Hält er, oder hält er nicht?". Es geht immer um das Objekt und den Menschen, bzw. das was er aussagt. Und das Schöne daran ist, dass alles zu interpretieren ist. Wir sind ja alle Interpreten von dem, was wir sehen. Und das übersetzen wir ins Gemüt, in den Verstand etc.

DER STANDARD: Wie ging es Ihnen mit dem Möbelobjekt "Ausschnapsn" vom Künstler Martin Walde, der in "Der Gedanke" die zweite Hauptrolle spielt.

Polt: Das Möbel hat irgendwie etwas Sinnloses, was die Benutzbarkeit betrifft. Es ist irgendwie absurd. So wie meine Geschichte, die ich in dem Stück erzähle. Es geht um einen personifizierten Gedanken, der sagt: "Ich komm, oder ich komm nicht". So ist es mit dem Möbel auch. Es könnte von sich behaupten: "Ich bin nützlich." Und dann lautet die Frage: "Glaubt ihm das einer"? Also insofern glaub ich schon, dass Design Film inspiriert und umgekehrt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es Komponisten gibt, die es schaffen, Möbel in Klangform herzustellen. Man kann ja auch Gefühle in Klangform bringen.

DER STANDARD: Apropos irgendwie absurd: Der Designer Philippe Starck hat mir - übrigens in München - gesagt: "Eines Tages werden wir vielleicht ein Aroma, eine Farbe oder eine mathematische Formel sein." Was fällt Ihnen dazu ein?

Polt: Ein Aroma ist der Mensch schon lang. Da braucht man nur einen Menschenfresser fragen, was er dazu meint. Aber eine Farbe oder mathematische Formel? Lassen wir den Spruch halt einmal stehen, und warten wir es ab.

DER STANDARD: In München lebt einer der international bekanntesten Designer der jüngeren Generation, Konstantin Grcic. Er entwickelte gerade Möbel für die Schule. Was wäre denn Ihrer Meinung nach das beste Schulmöbel?

Polt: Eine Hängematte.

(Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/11/11/2011)

Zu Person und Projekt
Der bayrische Kabarettist, Schauspieler und Autor Gerhard Polt wurde 1942 in München geboren. Berühmt wurde er durch zahlreiche eigene Filme und Programme, aber auch durch seine Auftritte mit der Biermösl Blosn. Polt ist mit unzähligen Preisen ausgezeichnet worden.

Der Kurzfilm Der Gedanke von und mit Gerhard Polt bildet den Auftakt des von Regisseur Frederick Baker, Klaus Engelhorn und Michael Turkiewicz initiierten Projekts "film follows form", bei dem zeitgenössisches Design bzw. zeitgenössische Kunst die Hauptrolle einnimmt. Im Falle von Der Gedanke handelt es sich um das Objekt Ausschnapsn des österreichischen Künstlers Martin Walde, das im Rahmen der Initiative "ak7 - Contemporary Design by contemporary artists" entstand. Künstler wie Erwin Wurm, Lois Weinberger oder Ulrike Lienbacher haben dafür Designobjekte entworfen (RONDO berichtete). Der Film und das Objekt sind noch bis Ende November in der stilwerk limited edition design gallery by Engelhorn & Turkiewicz im Wiener Stilwerk am Donaukanal zu sehen (Praterstraße 1, 1020 Wien).

www.biermoesl-blosn.de/polt
www.designandart.at
www.achtungkunst.com/ak7

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 50
1 2

Der Herr Tschabobo http://www.youtube.com/watch?v=kTrqX2QeV5A

Der Schuldenkäufer http://www.youtube.com/watch?v=1U74HLtZOkw

lachen, weinen, schämen?

und dea soi lustig sei?

http://www.youtube.com/watch?v=UZe4LzAG1lA

Aus dem Theaterstück "Tschurangrati". Polt at his best.

dazu passend auch ein klassiker:

http://www.youtube.com/watch?v=kTrqX2QeV5A

Klassiker!

Hier Polt mit seinem Vollschäfer, einem echten Urenkel vom Onkel vom Hund von Adolf Hitler... :-) http://www.youtube.com/watch?v=hZjmHr4aL9E

Wunderprächtig!

Auch in den Interviews ist da, wie in den Sketches, immer dieses Dada-Element... :o)

Polt regelt! ;o)

jo, der adi

du kennst dochn adi. so issa hoit amoi, do kost nix mocha

http://www.youtube.com/watch?v=YVG4lYVly1I

ein Traum

Ich war bereits in Marseille.

I wor in Marsei, setzts Euch nieder, I zal alles, alles.

Ein Spitzenwein

http://www.youtube.com/watch?v=qekUrMOGxK8

....den hab ich raus ausm Supermarkt. Für zwei Mark zwounddreissig. Ein echter "Südtiroler Bauernfeind".......

ein "Rudi Lölein" ist mir doch hier schon untergekommen...

wo sind Sie? wir warten auf Sie! ;)

DER bayrische poet!

Sehr sehenswert ist auch seine Serie „Fast wie im richtigen Leben”

http://www.youtube.com/results?s... st+wie+im+

http://www.youtube.com/watch?v=F... 5C88A90780 ;)

der hundebesitzer

ist aber gar nicht lustig, weil das ist keine persiflage, das ist echt. eine doku ist das.

das original :)

Polt: Ich hab ein Mitspracherecht. Das macht meine Frau, aber ich darf auch sagen, ob es mir gefällt.

er ist doch ein ganz normaler mann!!!

Hoch lebe Gerhard Polt!!

Das mit der "Garaaaasche" ist ja auch super!

Ein Garagist, eine Garagier ... grandios!!

polt bringt es mit seinen...

...auf den ersten blick oft verqueren philosophien meistens genau auf den punkt! grandioser typ, der seine banale umwelt zum vorbild seiner authentischen bühnenfiguren macht. "fast wie im richtigen leben" - falsch. wie das leben selbst!

Polt rules

...und die Bayern sowieso....sagt ein Salzburger !

du brunzkachl du augsoachte

du hämorittnpritschn,
sowos wia du keat jo mit da scheiszbiaschtn nauskaut!

und da odi hot dem zwetschgnmandi s' moß bier 'leicht aufgsetzt....

herrlich.

Posting 1 bis 25 von 50
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.