Leben mit Blößen

14. November 2011, 18:31
  • "Veruschka. Mein Leben". Dumont-Verlag. 328 Seiten. € 24,-
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    "Veruschka. Mein Leben". Dumont-Verlag. 328 Seiten. € 24,-

Für den Fotografen Richard Avedon war sie die schönste Frau der Welt - In ihrer Autobiografie erzählt Vera Lehndorff von den Abgründen ihres Lebens

Es war Anfang der 1960er-Jahre, als Vera Gräfin von Lehndorff das zweite Mal nach New York kam. Das erste Mal hatte die legendäre Modelagentin Eileen Ford einige Testaufnahmen mit ihr gemacht, sie dann aber fallengelassen. Die 21-Jährige hatte nach Ansicht der Agentin fünf Kilo zu viel auf den Rippen. Das zweite Mal überließ die junge Deutsche nichts mehr dem Zufall: "Ich wollte auftreten wie keine andere, aussehen, wie keine aussah." Sie kleidete sich ganz in Schwarz, kaufte sich einen Filzhut und weiche Wildlederboots - und sie legte sich einen neuen Namen zu: Veruschka, was klein Vera auf Russisch heißt.

Unter diesem Namen sollte das Mädchen aus Ostpreußen zum berühmtesten und bestbezahlten Model ihrer Zeit aufsteigen. Als Freundin von Salvador Dalí, als Vertraute von Vogue-Chefin Diana Vreeland, als Lieblingsmodel von Fotograf Richard Avedon, als Affäre von Peter Fonda, war sie Teil des Jetsets. Dennoch sollte Veruschka in der Welt der Schönen und Berühmten immer eine Außenseiterin bleiben. Genau so steil wie ihre Karriere waren auch ihre vielen Abstürze.

Pionierin der Body-Art

Davon erzählt die mittlerweile 71-Jährige in ihren jüngst erschienenen Lebenserinnerungen, die der Dumont-Verlag in Form eines Interviewbandes (mit Jörn Jacob Rohwer) verlegt hat. Veruschka hat sie ihn genannt, nach jener Kunstfigur, die Lehndorff berühmt machte, die sie aber auch immer wieder (zum Teil in öffentlichen Aktionen) los werden wollte. Als ehemaliges Starmodel blieb Lehndorff nämlich lange eine Karriere als Künstlerin verwehrt - doch als solche wollte sie wahrgenommen werden. Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann, dem Künstler Holger Trülzsch, war sie eine Pionierin im Bereich der Body-Art. Ihren 1,83 Meter großen Körper, der sie auf unzählige Titelblätter brachte, wollte sie als Künstlerin verschwinden lassen.

Veruschka erzählt vom lebenslangen Ringen mit sich und dem eigenen Körper. Weder die oberflächliche Modeszene noch die künstlerischen Projekte - vom legendären Auftritt in Antonionis Blowup bis zu den Rollen, die Lehndorff unter der feministischen Filmemacherin Ulrike Ottinger spielte - sollten ihr jenen Halt geben, den sie so dringend benötigte. Immer wieder fiel sie in schwere Depressionen und wurde in geschlossene Anstalten eingeliefert. Je älter sie wurde, umso intensiver beschäftigte sie sich auch mit ihrer Herkunft.

Wanderschaft der Familie

Geboren 1939 auf Schloss Steinort in den Masuren, verlebte Vera Lehndorff nur einige unbeschwerte Jahre. Ihr Vater, Graf von Lehndorff-Steinort, war einer der Attentäter vom 20. Juli 1944. Nach seiner Hinrichtung begann für seine Familie eine schwierige Zeit: Die drei ältesten Kinder kamen in ein NS-Kinderheim, Frau Gottliebe entband ihr jüngstes im Gefängnis und wurde danach ins Arbeitslager geschickt. Die Wanderschaft der Familie sollte noch viele Jahre dauern.

Die Welt der Mode und der Models war vor diesem Hintergrund nichts weniger als ein Rückzugsort. Allerdings einer, in den sich Veruschka nie so wirklich einfügen sollte - auch wenn sie zu den Größten gehörte, die diese Welt je hervor gebracht hat. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/11/11/2011)

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1 Posting
ja die frau gräfin...

das waren noch zeiten...mit ihr auf den titelblättern

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