Ein schwerer Löffel mit Eigenheiten

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  • "Der Silberlöffel", 1464 S., Edel Books 2011, € 41,10
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    "Der Silberlöffel", 1464 S., Edel Books 2011, € 41,10

Den Kochbuchklassiker "Cucchiaio d'argento" gibt es in neuer, übersetzter Auflage - Christoph Winder nähert sich dem italienischen Wesen über dessen Rezepte - und ein paar Vorurteile

Bücher sprechen Bände, Kochbücher sprechen besonders laut. Sie liefern nicht nur Rezepte, sie erzählen von Sitten, Gebräuchen, Vorlieben, Abneigungen, kurz: vom Geist ganzer Nationen. Was zum Beispiel lernen wir über Italien, wenn wir den Cucchiaio d'argento zur Hand nehmen, den Silberlöffel, der auf Deutsch soeben neu herausgekommen ist? Das mit mehr als einer Million verkaufter Exemplare populärste Kochbuch in Berlusconistan? Welche Italienklischees finden sich durch diesen seit 1950 weiträumig im ganzen Land zirkulierenden Ziegel bestätigt, welche widerlegt? Angeblich bekommt fast jedes italienische Paar den Silberlöffel bei der Hochzeit von Mamma, Papa, Zio oder Tio auf den Gabentisch gelegt - er gehört zu einer Heirat in Rom oder Rimini wie der Bauchspeck zu Spaghetti Carbonara. Da ist der Verlag natürlich schnell mit dem Wort "Bibel" bei der Hand.

Eines legt der Silberlöffel auf Anhieb nahe: Die Italiener haben es mit dem Essen. 2000 Rezepte auf 1500 Seiten, das muss man als Nation erst einmal auftischen können. Resultat des ausladenden Silberlöffel-Charakters ist seine nicht alltägliche Gewichtigkeit: Das Gastro-Monster mit dem karminroten Einband bringt mehr als drei Kilo auf die Waage, wäre also schwer genug, um im Notfall einen Mafioso zu erschlagen, wenn man denn am Herd von einem attackiert würde. Das kommt aber zum Glück nur selten vor.

Appetitanregende Sprache

Nächstes Klischee (auch wenn mich die Franzosen jetzt dafür hassen): Die Italiener haben die appetitanregendste Sprache der Welt. Wird vom Silberlöffel bravourös bewiesen: "Costolette di Camosio ai Funghi e Frutta Secca"! "Lenticchie con salsiccia"! Großartige Bezeichnungen voll der köstlichsten Vokalharmonie, bei deren Aussprache allein einem das Wasser im Munde zusammenläuft (bei russischem Konsonantenfraß wie Borschtsch verstaucht man sich dagegen die Zunge).

Der Italiener, heißt es weiters, hört sich gern reden. Das mag auf der Piazza zutreffen, für sein liebstes Kochbuch gilt, erstaunlich, das Gegenteil. In paradoxer Weise kombiniert der Silberlöffel seinen enzyklopädisch-ausschweifenden Anspruch mit einer an Maulfaulheit grenzenden Lapidarität bei den Rezeptformulierungen: eine karge Aufzählung der Zutaten (oft nur vier oder fünf) plus eine knappe Aufzählung dessen, was mit ihnen zu tun sei. Das wars dann auch.

Pizza und Pasta

These des Kollegen Corti: Die Knappheit hat mit dem Kirchturmgeist der Italiener zu tun, die in letzter Instanz eigentlich nur das essbar finden, was die Mama gekocht hat. Wenn man sich schon etwas von einem Kochbuchschreiber aus der Ferne vorschreiben lässt, dann will man nicht durch allzu präzise Anweisungen gegängelt werden, sondern viel Raum für die subjektive regionale oder familiäre Ausgestaltung einer Speise haben. Diese Erklärung hat etwas für sich.

Letztes Klischee: Der Italiener nährt sich ausschließlich von Pizza und Pasta. Tut er natürlich nicht, und geschätzte 90 Prozent des Silberlöffels sind völlig pizza- und pastafrei. Inauguriert habe ich ihn mit einem recht unitalienisch anmutenden, herbstlichen Rezept für Linsen mit Würstchen (die erwähnten "Lenticchie con salsiccia"), das in seiner Simplizität typisch für den Silberlöffel ist: Linsen mit der bekannten Trias Karotte, Stangensellerie und Zwiebel weichkochen, mit dem Bratfett der Würstchen sowie mit Olivenöl, in dem Salbei und Knoblauch angeschmurgelt wurde, würzen. Mundete ausgezeichnet, und der Grappa, den wir nachher brauchten, war zu hundert Prozent aus Italien. (Christoph Winder/Der Standard/rondo/04/11/2011)

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