Kinder, Krieg, Kino

7. November 2011, 11:46
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Wenn es einmal von der Leinwand her nicht krachte, böllerte, zischte oder kreischte, hörte man sogar manch unterdrücktes Schluchzen

Ungefähr nach einer halben Stunde bekam der Dichterfürst ein schlechtes Gewissen. Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn die Kinder im Kino ihre Hände tief in den Oberschenkel eines Erziehungsberechtigten graben. Glücklicherweise waren auch andere Eltern im Saal bedrückt. Wenn es einmal von der Leinwand her nicht krachte, böllerte, zischte oder kreischte, hörte man sogar manch unterdrücktes Schluchzen. Mein Gott, sie hatten in Hollywood aus Tim und Struppi eine Mischung aus Indiana Jones und Der Soldat James Ryan am Omaha Beach 1944 gemacht. Und sie hatten den Film ab sechs Jahre freigegeben.

Nachdem also ein Mann von Kugeln durchlöchert in die Haustür des schon in den Comic-Heften reichlich unsympathischen Titelhelden Tim gefallen war und ein Kind fragte, warum in einem Kinderfilm Menschen ermordet werden, fragte der Dichterfürst behutsam, ob man sich vielleicht einem gerade weinend aus dem Saal laufenden und von seiner Mutter verfolgten Mädchen anschließen wolle. Man könne ja stattdessen zum Trost Kuchen essen gehen, damit man in späteren Jahren das für den Nachwuchs angesparte Geld für die Uni nicht wegen traumatischer Kindheitserlebnisse beim Psychodoktor ablegen müsse. Ein Kind aber hörte das nicht, weil es den Kopf während einer Piratenschlacht gerade im Popcorn stecken hatte. Das andere sagte, das sei schon okay, sie würden bleiben und schauen, wie der Film ausgeht. Nachdem Luke Skywalker in Star Wars eine Hand abgeschlagen worden sei, habe man ja nach einigen Tagen auch wieder normal durchgeschlafen. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 04.11.2011)

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    Mein Gott, sie hatten in Hollywood aus Tim und Struppi eine Mischung aus Indiana Jones und Der Soldat James Ryan am Omaha Beach 1944 gemacht. Und sie hatten den Film ab sechs Jahre freigegeben.

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