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Der Frosch war leicht. Schnallenfüßchen, Reißverschlussmaul, Nietenaugen und fertig.

Hier muss man genauer hinsehen, um herauszufinden, worin etwa das komplexe Chamäleon, der bepackte Biber und das knuffige Gürteltier bestehen.




Billie Achilleos macht etwas aus allem, was herumliegt, zum Beispiel auf seltsame Art menschenähnliche Puppen.
"Mein Liebling ist der Frosch." Da zögert Billie Achilleos keinen Augenblick. Er war auch am leichtesten zu machen. Das Quietschgrün muss aus der ungeheuren Fülle der Louis-Vuitton-Produktpalette wie ein Warnsignal herausgeblinkt haben. Ein bisschen biegen, falten - fertig sind Kopf und Körper. Für die Zehen werden Gürtelschließen zu Dreierpartien zusammengefasst. Das Ergebnis ist eindeutig: fetter Frosch, dicker Frosch, netter Frosch. Je länger man hinsieht, desto weniger versteht man, warum man früher beim Besehen und Begreifen des froschgrünen Schlüsseltäschchens nie den Frosch sondern immer nur ein Schlüsseltäschchen sehen konnte.
Billie Achilleos kann das. Vor ihrem inneren Auge entstehen die Gestalten aus dem Wirrwarr der Materialien, die die Welt bietet. "Versatile Artist" und "Maker of Things" nennt sie sich und wundert sich, warum alle Welt außer ihr selbst sie als Künstlerin sehen will und sie als solche anspricht, während sie keinerlei Schubladisierungen bedarf. "Die Arbeit für Louis Vuitton sehe ich als Design. Viele wollen es als Kunst sehen. Dabei ist das Entscheidende, dass man den Zweck und die Struktur des Ausgangsobjekts erkennen kann." Das macht den Charme des Bestiariums der Billie Achilleos aus.
So verweilt der Blick bei der Cobra. Man schaut, denkt kurz nach und amüsiert sich über die Cobra, deren Leib offensichtlich aus einem Gürtel besteht und die statt eines Mauls das Miniportemonnaie aufreißt. Noch länger braucht man etwa beim Gürteltier, für dessen Schuppen einige Börsln dran glauben mussten, oder beim Biber, dessen Schlüsseltascherlpranken ihn perfekt für die schwere Waldarbeit ausstatten. Die Ledermontagen gewinnen beim Betrachten schnell an Persönlichkeit. Und das Karikaturhafte entsteht eben aus der Spannung zwischen der Skulptur und ihren Einzelteilen.
Aus dem Kinderzimmer
Das humorvolle Entwerfen von Figuren sieht sie als in die Wiege gelegt an und als ein Privileg ihrer Generation, deren Kinderzimmer mit Comics in allen Medien und mit einem bis dato nie dagewesenen Reichtum an grafischen Eindrücken ausgestattet war.
Die gelehrten Beobachter der Kunst- und Designwelt schürfen engagiert im semantischen Tagbau und wollen die humorvollen Assemblagen Billie Achilleos' in die Nähe etwa von Arcimboldo und dessen komplexen Porträts, zusammengesetzt aus allem, was Landwirtschaft und Fischerei zu bieten haben, rücken. "Das ist natürlich sehr schmeichelhaft, kenn ich aus der Schule, hat aber mit meiner Arbeit nichts zu tun." Die 26jährige Engländerin absolvierte das Wimbledon College mit einem Abschluss, der sich "Technical Arts and Special Effects" nennt, und mischt seither in den verschiedensten Projekten, Schaufenstergestaltungen, Fernseh- und Theaterproduktionen mit. Solistin ist sie nicht. "Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, eigene Werke im Rahmen einer Ausstellung einem Publikum zu präsentieren. Ich mag, wenn man mir eine Aufgabe stellt." Und Vuitton lag mit den "Little Critters", den Bewohnern aus dem Achilleos-Wald, ganz richtig. Dass sie gerne an Problemstellungen tüftelt, kommt ihr dabei entgegen. "Der Waschbär war schon ganz schön schwer, der Bär am schwersten." Und es wird noch schwerer. Achilleos' Tierleben umfasst derzeit ca. 30 Stück. Weitere sind in Arbeit. Was Größeres vielleicht zur Eröffnung des großen Vuitton-Stores in Australien? Darüber sagt sie nichts, lacht aber beim Wort Krokodil.
Nur die Echten
Fantasietiere wie der Wolpertinger, der sich in sämtlichen Erscheinungsformen bestens als Vorlage eignen würde, kamen zu keinem Zeitpunkt infrage, denn Billie Achilleos sieht ihre Rolle wie gesagt nicht als Selbstverwirklicherin, sondern als Löserin der Aufgabe: "Wie mache ich ich Tiere aus Kleinleder?" Die Ergebnisse wurden im Rahmen der naturhistorischen Sammlung des Pariser Museums Deyrolle (nebst ausgestopften Originalvorlagen) präsentiert. Nach und nach werden die Tiere in Vuitton-Geschäften weltweit zu sehen sein. Und warum? Weil Vuitton wieder Grund zum Feiern hat, nämlich dass man seit 100 Jahren nicht nur große, sondern auch kleine Behältnisse aus Leder herstellt. (Bettina Stimeder/Der Standard/rondo/21/10/2011)
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