Expertenklimax

18. Oktober 2011, 16:26
  • Gartenfreunde wollen ihr Expertenwissen gerne teilen. Deswegen gründen sie Vereine wie die Royal Horticultural Society.
    foto: apa/philipp guelland

    Gartenfreunde wollen ihr Expertenwissen gerne teilen. Deswegen gründen sie Vereine wie die Royal Horticultural Society.

Nicht nur in Großbritannien wird die Vereinsmeierei um den Garten zu edler Blüte gebracht, berichtet Gregor Fauma

Die Scholle wölbt sich. Er rumort im Boden. Langsam bricht die Krume auf, einige Kiesel und lehmige Erdklumpen rollen zur Seite, und man erkennt bereits ganz deutlich den Hut von Sir Richard Attenborough. Langsam schiebt er, Richard, sich ans Licht, dreht sich aus dem Erdreich, klopft sich ab und berichtet, was er so unter der Erde alles entdeckt hat. Ein Biologe halt, ein verquerer Spinner, der die Menschheit mit seinem Faible für das Belebte unterhalten möchte. Und es gelingt ihm.

Menschen unterhalten sich gerne. Über das Wetter, den Stuhlgang und den Posten vom Nachbarn. Und genau da unterscheiden sich die Gartlerinnen und Gartler von den Restmenschen. Ihnen sind Wetter, Stuhlgang und Posten vom Nachbarn aber so was sternrußtauig, dass sie darüber kein Wort verlieren. Das kostet nämlich nur Zeit, und diese braucht der Gartenfreund für Gespräche über den Garten. Und wenn sich Menschen erst einmal monothematisch aufheizen, ja geradezu aufgeilen, dann klimaxt dies meist in einer Vereinsgründung. Und ganz ehrlich: Wo, wenn nicht auf der dauerlauen Regeninsel Großbritannien sollte dies das erste Mal geschehen sein? Eben, und schon ist die Royal Horticultural Society konstituiert. Diese Gesellschaft nennt ihr Treiben "gardening charity" und möchte die Gartenbaukunst voranbringen und gutes Garteln vermitteln. 

Gartenthemenklassiker

Sie möchte Menschen helfen, ihre Leidenschaft für Pflanzen weiterzugeben, sie zu Exzellenz beim Garteln ermuntern und natürlich auch die erstmals nur Interessierten inspirieren. Sie bitten um pekuniäre Unterstützung und Volontariate und, quasi gleich jeder anderen Kirche, setzen sie einen Schwerpunkt bei den Kindern, damit diese nur ja rechtzeitig indoktriniert werden. Wer jetzt nicht die Bundesstelle für Sektenfragen kontaktiert, ist bereits einer von ihnen und sollte sich rasch einem Exorzismus unterziehen lassen. Die Betonierer erledigen dies gerne.

Deutlich weniger heftig und ungleich sympathischer kommen die Gartenfreunde von Acanthus rüber, einem privaten Club in Wien für gärtnerisch tätige Menschen, die nach Gleichgesinnten suchen. Einmal pro Monat kommen die Mitglieder zusammen und tauschen sich beim Wirten über Gartenthemenklassiker aus. Aber auch Ausflüge werden organisiert, vom Eintäger in Niederösterreich bis hin zu vier Tagen Gartenreise nach Nordrhein-Westfalen und Holland.

Mindestens so wichtig (und das kommt nicht von Wicht) ist der Gartenpolylog, ein Verein, der sich zum Ziel macht, interkulturelle Gemeinschaftsgärten zu initiieren, beziehungsweise bestehende Gemeinschaftsgärten zu vernetzen. Aber die Mutter aller Vereinigungen ist gerade erst im Entstehen und feiert am 3. November die Kick-off-Veranstaltung im Biozentrum in der Althanstraße.

Gesamte Welt der Wissenschaft

Drei Generationen Biologie-AbsolventInnen treffen einander da erstmals, hören den bekanntesten, aber auch den erfolgreichsten Biologen im Rahmen ihrer Reden und Diskussionen zu und tauschen sich im Anschluss aus - worüber ist wohl klar: Ganz egal, welche Fachrichtung studiert wurde, im Garten findet sich die gesamte Welt der Wissenschaft wieder. Ich zum Beispiel werde Bürgermeister Häupl fragen, ob man Eidechsen gegen die Dickmaulrüssler einsetzen kann; werde Intercell-Mitbegründer Alexander von Gabain drängen, doch endlich eine Sternrußtau-Impfung für Rosen voranzutreiben, und werde natürlich den weltberühmten Botaniker Professore Friedrich Ehrendorfer bitten, mir bei Gelegenheit ein paar Ableger seines nach ihm benannten Erdrauchgewächses Ehrendorfia mitzugeben. Tja, Richard und Royals, Bio-Alumnus und Alumna müsste man sein ... (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/14/10/2011)

Share if you care
5 Postings
Richard

ist der Schauspieler und ältere Bruder vom Natur"forscher" David.

"FauMa und Flora"? Absicht?

Ja.
Schauen Sie doch nochmal, wie der Autor des Artikels heißt. ;-)

acanthus.at führt nach Nowhereland!

Dort gibt es Billigflieger, Beziehungen, Musik-Downloads, Lotto, Stellenmarkt, Shoppen, aber kein, - ich betone, - nicht das kleinste Bisschen Garten.
Sehr enttäuschend.

Und nichts gegen die vorbildliche RHS, aber warum läßt der Faum ausgerechnet einen der ältesten Vereine dieses Landes aus, die 1827 als K.K. Gartenbaugesellschaft gegründete, überaus löbliche Österreichische Gartenbaugesellschaft?
Sie wissen schon, - der Verein, nach dem das Gartenbaukino benannt ist?

Die haben nicht nur eine wirklich beeindruckende Gartenbibliothek, die in Österreich ziemlich einzigartig ist, sondern bieten ständig Fachseminare von Kompstwirtschaft über Orchideen und Ikebana, bis bis zum Obstbrennen an.

www.lustgaertner.at

an Stelle von acanthus.at.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.