Valentino: Die besseren Hälften

14. Oktober 2011, 11:01
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Das römische Modehaus steht nach dem Abgang von Valentino Garavani wieder gut da - dank Maria Grazia Chiuri und Pier Paolo Piccioli

Hoffentlich kommen diese beiden nie auf die Idee, ein Label unter eigenem Namen zu gründen. Maria Grazia Chiuri und Pier Paolo Piccioli sitzen in ihrem gemeinsamen Büro im Palazzo Mignanelli mit halbem Blick auf die Spanische Treppe in Rom und sprechen gerade davon, wer unordentlicher ist, wer den anderen wofür schätzt oder mitunter verflucht. Ihre Vornamen poltern so schwungvoll durch den Raum, als wollten sie damit Geschirr zerschlagen.

Seit drei Jahren führen die beiden jetzt das Haus Valentino, ihre eigene Handschrift macht sich in den Kollektionen längst bemerkbar, weshalb die Show letzten Dienstag wieder zu den Highlights der Pariser Modewoche gehörte. Überhaupt steht die Marke so gut da wie seit langem nicht, aber die Designer dahinter kennen trotzdem die wenigsten. Selbst wer sich auskennt, spricht nur von "diesem Design-Duo", was nicht zuletzt an den doppelt langen Namen liegen dürfte, die zwar toll klingen, für die meisten Nicht-Italiener jedoch wenig einprägsam sind.

Schluss nach 45 Jahren

Abkürzungen gibt es in diesem Haus nicht mehr seit Valentino Garavani, genannt "Valentino", das Unternehmen Anfang 2008 nach 45 Jahren verließ. Mit ihm verabschiedete sich einer der letzten großen Couturiers, mit untrüglichem Gespür für die große Geste, die sich nicht zuletzt im eigenen Auftritt manifestierte: Sein in dunklem Terracotta gemeißelter Teint zum hellen Anzug ist legendär. Nur zeitgemäß erschien das alles den Geschäftsführern von der Investmentgruppe Permira, zu der neben Valentino auch Hugo Boss gehört, schon lange nicht mehr.

Nach Valentino Garavani wurde deshalb Alessandra Facchinetti als Chefdesignerin installiert, die unter Tom Ford bei Gucci gearbeitet hatte und von den Kritikern überschwänglich für ihre erste Kollektion gelobt wurde. Noch immer gibt es Redakteurinnen, die von diesem blauen Kurzmantel über einem Kleid mit Harlekin-Kragen träumen. Nur die Valentino-Kundinnen interessierte dieser moderne, nüchternere Stil so gar nicht, weil all das zu wenig mit der überbordenden Sinnlichkeit und Fantasie des alten Valentino zu tun hatte. Nach nur zwei Saisons wurde Facchinetti also wieder abserviert und "dieses Design-Duo" installiert, zwei unbekannte Accessoire-Designer aus den eigenen Reihen, die damals bereits seit zehn Jahren für Valentino arbeiteten.

Eine Vernunftlösung, an die die Branche ohnehin keine großen Erwartungen knüpfte. Als dann die erste Couture-Präsentation vollgestopft mit lauter altbackenen roten Roben und Rosetten so aussah, als versuchten sie, mehr Valentino zu sein, als Valentino selbst es je war, schien das Thema bis auf weiteres erledigt. Manche Marken funktionieren eben nur mit dem Original, künstliche Wiederbelebung mit Fremdeinwirkung - zwecklos.

Bruchlandung gleich am Anfang

Rückblickend sind Maria Grazia Chiuri (47) und Pier Paolo Piccioli (44) sich einig, dass sie viel aus dieser ersten Bruchlandung gelernt haben. Vor allem die Präsentation, die Inszenierung auf dem Laufsteg, sei zu "gespielt Valentino" gewesen. Nicht nur Ideen zu haben, sondern die eine große Idee auch stark genug nach außen zu transportieren - das hatten sie in der zweiten Reihe nie gelernt. "Mode zu kommunizieren und eine Vision für die Marke zu entwickeln ist wie eine völlig neue Sprache zu lernen", sagt Chiuri. Jetzt beherrschten sie diese Sprache deutlich besser, "nicht fließend vielleicht, aber wir können uns ganz gut verständigen".

Spätestens mit der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2010 hatten die neuen Chefdesigner ihren eigenen Unterton gefunden. Die typischen Rüschen und Rosetten an den Kleidern verschwanden nicht, sondern wucherten nun wie befreit, wild und großflächig. Die Materialien wurden nicht moderner und minimalistischer, sondern, im Gegenteil, verspielter und zarter und wirkten gerade dadurch deutlich jünger. Saison um Saison haben die beiden No-Names nun ein neues Valentino-Bild etabliert, das das Couture-Erbe behutsam bewahrt und zitiert, aber eine "ambivalente Eleganz" in sich trägt, wie Piccioli es ausdrückt. Die neue Valentino-Frau ist so sinnlich wie eh und je, aber dabei jugendlicher, aufmüpfiger, unkomplizierter, und sie scheut sich nicht, die teure, in den ehrwürdigen Couture-Ateliers handgemachte Spitze mit Leder oder Nieten zu kombinieren.

Wer diese Frauen in der Realität sind, sieht, wer in den Designstudios einen Blick auf das "Couture-Board" erhascht, eine Pinnwand mit den Fotos der einzelnen Looks aus der Couture-Show, auf denen mit rotem Filzstift die Namen der Käuferinnen vermerkt werden. Abramowitsch-Freundin Dasha Zhukova hatte sich also gleich fünf Modelle aus der Frühjahrskollektion gesichert, Emma Watson eines mit der Option auf ein zweites, das allerdings auch schon für eine andere Kundin vorgesehen war.

Dass Couture-Kleider wirklich nur einmal verkauft werden, ist zwar in der Theorie nach wie vor richtig, doch wenn der Bedarf zu groß ist, wird der gleiche Entwurf in abgeänderter Form - einer anderen Länge oder anderen Farbe - durchaus noch ein zweites Mal verkauft. Und bei Valentino ist der Bedarf groß, beziehungsweise: Er ist es wieder. "Viele Leute glauben, die Couture sei tot, dabei ist doch durch all die "Fast Fashion" gerade das Individuelle in der Mode wieder im Kommen, vor allem bei jungen Leuten. Und am Ende gibt es doch nichts Individuelleres als Couture", sagt Piccioli.

Umsätze steigen weiter

Nach einigen Verlusten sind die Umsätze von Valentino im letzten halben Jahr wieder um über zwanzig Prozent gestiegen. Das liegt weniger an der Couture-Abteilung, die vor allem teurer Imagefaktor ist, sondern an der Ready-to-wear-Kollektion, der Zweitlinie "Valentino Red", und: an den Accessoires. Unter Valentino Garavani spielten Taschen und Schuhe kaum eine Rolle, mit den ehemaligen Accessoire-Designern an der Spitze sind die Kittenheels mit Nieten, die Python-Stiefel oder flachen Handtaschen aus Kuhfell plötzlich überall auf den "Must have"-Listen der Magazine.

Chiuri und Piccioli hatten bis Ende der 90er gemeinsam für Fendi gearbeitet, wo sie unter anderem die legendäre Baguette Bag erfanden. "Als wir diese längliche flache Tasche Silvia Fendi präsentierten, saß noch ein amerikanischer Marketingberater mit im Meeting, der sofort schrie: 'Eine Tasche mit so kurzem Henkel - das verkauft sich nie!'", erinnert sich Maria Grazia Chiuri. Doch schon damals hätten sie sich nicht beirren lassen und erst recht keinen langen Henkel entworfen. Heute gilt der Fendi-Bestseller Baguette als erste richtige It-Bag.

Bei Valentino gelang ihnen ein solcher Erfolg erst einmal nicht, wahrscheinlich nicht zuletzt, weil der große Couturier nicht im Geringsten daran interessiert war. Saison für Saison soll er die beiden gefragt haben, wie viel Umsatz die Accessoires denn diesmal gemacht hätten, um dann triumphierend eine natürlich viel höhere Zahl aus Prêt-à-porter- und Couture-Verkäufen dagegenzusetzen. Dass Taschen und Schuhe längst die Umsatzbringer der Neuzeit waren - für den alten Valentino ein Graus.

Jeans dürfen getragen werden

Nicht nur diese Rangordnung hat das neue Design-Duo aufgehoben, auch sonst ist das Haus Valentino sanft umgekrempelt worden. Die Türen im Palazzo stehen nun weit offen, es wird mehr diskutiert, sogar Jeans dürfen ungestraft getragen werden. Weder Chiuri noch Piccioli sind als Diven sonderlich begabt, was sicherlich auch an ihrer langen Tradition als Doppelpack liegt. Valentino sagte damals, er habe noch nie zwei Menschen getroffen, die so unterschiedlich sind und gemeinsam so gut funktionieren.

Eine starke, detailverliebte Frau auf der einen Seite, ein lässiger, etwas chaotischer männlicher Part auf der anderen, und doch bilden die beiden zusammen ein perfektes Duo. "Während Maria Grazia sich endlos mit einem winzigen Detail am Kragen beschäftigen kann, denke ich an das Gesamtbild, welche Frau den Look tragen könnte, in welcher Stimmung", sagt Piccioli, um sofort von seiner Partnerin unterbrochen zu werden. "... aber jeder Schuh, jede Tasche muss auch für sich allein bestehen können!"

Duos gibt es viele in der Mode: Dolce & Gabbana, Viktor & Rolf, die Rodarte-Schwestern, "aber seltsamerweise kaum ein 'gemischtes Doppel', wie wir es sind", sagt Chiuri. Lediglich Suzanne Clements and Inacio Ribeiro von Clements Ribeiro oder Justin Thornton und Thea Bregazzi von Preen fallen einem noch ein, die allerdings beide auch miteinander verheiratet sind. Und dass Chiuri und Piccioli nie auch privat ein Paar waren - darauf bestehen sie. Das sei auch eines ihrer Erfolgsgeheimnisse, beide haben ihre eigenen Familien, ihr eigenes Leben und andere Perspektiven, die sie in die Entwürfe einfließen lassen. Und beide machen auch mal Urlaub voneinander.

Kennenlernen am Bahnhof

Kennengelernt haben sie sich damals übrigens über einen gemeinsamen Freund, der ebenfalls Designer ist: Giambattista Valli. "Giambattista und ich lebten damals beide in Florenz. An einem Wochenende war er zu einer Party gefahren und hatte vergessen, dass ein Freund aus Rom zu Besuch kommen sollte. Also rief er mich an: 'Du musst mir helfen! Hol bitte meinen Freund am Bahnhof ab und kümmere dich um ihn'", erzählt Chiuri, und Piccioli ergänzt: "Also stand sie da mit einem riesigen Schild am Bahnsteig: 'Pier Paolo?' Ich erwartete Giambattista und bekam - Maria Grazia."

Ob sie denn jemals darüber nachgedacht hätten, es einmal allein irgendwo als Designer zu versuchen? Maria Grazia Chiuri lacht auf. "Natürlich! Aber ich sage immer, die Mode ist wie ein großes Fest. Und es wäre doch ziemlich langweilig, die ganze Zeit allein Party zu machen. Finden Sie nicht?" (Silke Wichert/Der Standard/rondo/14/10/2011)

  • Ihre Namen sind gewöhnungsbedürftig, einfacher ist es, sich an ihre Mode zu erinnern: Maria Grazia Chiuri und Pier Paolo Piccioli designen für Valentino.
    foto: michael jansson

    Ihre Namen sind gewöhnungsbedürftig, einfacher ist es, sich an ihre Mode zu erinnern: Maria Grazia Chiuri und Pier Paolo Piccioli designen für Valentino.

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    Die typischen Rüschen und Rosetten an den Kleidern von Valentino gibt es noch immer - auch das legendäre Valentino-Rot. Nur sehen die Entwürfe jetzt jünger aus.

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