Conrad Seidl über den Erntedank der Brauer - und deren Sorge um Rohstoffe
Dieser Tage feiern die Bierbrauer den Jahreswechsel: Zu Zeiten, als der Jahreslauf noch mehr von den Festtagen der Heiligen als von den Daten im Kalender gegliedert wurde, galt der Michaelistag (der 29. September) als bäuerlicher Lostag - da war die Ernte eingebracht. Und die Bierbrauer konnten das neue Braujahr mit neuen Rohstoffen beginnen. Tatsächlich wurden Braujahre traditionell von Michaeli auf Michaeli gerechnet, in der Schweiz beginnt das Wirtschaftsjahr der Brauereien mit dem 1. Oktober und nicht mit dem 1. Jänner.
Der Erntedank der Bierbrauer fällt im heurigen Jahr allerdings bescheiden aus - denn die weltweite Rohstoffsituation macht Sorgen. Bei der Tagung der österreichischen Braumeister in der Vorwoche wurde deutlich, dass die Braugerste weltweit immer knapper wird. Die Sommer 2010 und 2011 brachten die kleinsten Gerstenernten in 40 Jahren, der Braugerstenbedarf der EU - zehn Millionen Tonnen - kann in Europa gerade noch gedeckt werden.
Mengenprobleme und Agrarpreise
Aber die hohen Qualitätsvorgaben an Braugerste werden immer schwerer zu erfüllen sein - und die Trends weisen auch auf künftige Mengenprobleme hin. Das hat mit der Entwicklung der Agrarpreise zu tun: Der Preis pro Tonne Sommergerste ist in den vergangenen 25 Jahren um 56 Prozent gefallen, die Erträge je Hektar sind aber nicht entsprechend gestiegen. Das wiederum hat damit zu tun, dass die Getreidezüchter ihr Interesse an neuen Braugerstenzüchtungen verloren haben: Bei Mais, Weizen, Raps und Soja sind die Züchtungsfortschritte größer - ein Getreidebauer kann also bei gleichem Einsatz mehr ernten und mehr verdienen.
Dass die Hektarerträge (und die Gewinne) bei anderen Feldfrüchten höher sind als bei der Gerste, spielt da ebenso mit wie der hohe Anspruch, den Brauer an Gerste stellen: Sie darf nur maximal elf Prozent Eiweiß enthalten - das zwingt den Bauern, beim Dünger zu sparen (und damit geringe Erträge in Kauf zu nehmen). Überschreitet der Eiweißgehalt dennoch die kritische Marke (was bei 50 Prozent der Proben der Fall ist), wird die Gerste zur Futtergerste herabgestuft; damit kommen niedrige Erträge und ein noch niedrigerer Preis zusammen.
Die Bauern klagen, für die Gerste gebe es zu wenig "Gerstl", wie man in besseren Zeiten das Geld zu nennen pflegte. Wenn sich das nicht ändert, wird der wichtigste Bierrohstoff knapp. (Der Standard/rondo/30/09/2011)