Seine Männermode ist genauso heiter wie hintergründig: Jetzt widmet das Modemuseum in Antwerpen dem Designer Walter Van Beirendonck eine Ausstellung
Zum ersten Mal lassen sich in dieser Ausstellung Werk und Arbeitsweise eines Designers überblicken, der für die internationale Männermode der Gegenwart von nachhaltiger Bedeutung war und ist. Die Show im Modemuseum Antwerpen präsentiert mehr als 100 Outfits, sorgfältig mit allen Accessoires komplettiert, aus den letzten 30 Jahren.
Sie reicht zurück ins Jahr 1980, als Walter Van Beirendonck an der Modeabteilung der Antwerpener Kunstakademie, die er heute selbst leitet, seine Schlusskollektion präsentierte, dokumentiert zudem Kooperationen wie jene mit dem deutschen Jeanshersteller Mustang, für den Van Beirendonck von 1993 bis 1999 die Linie W.&L.T. (Wild and Lethal Trash) designte, und sie zeigt vor allem die Konsequenz des belgischen Designers, der in seinen Kollektionen immer wieder auf die rasante wie drastische Veränderung unserer Körperbilder zurückkommt. So lässt sich die Ausstellung auch als eine gleichermaßen kritische wie ironische Bestandsaufnahme der Gegenwart lesen, in der nicht allein Kleidung, sondern der menschliche Körper selbst längst modischen Trends unterworfen sind.
Die Show ist daher auch nicht chronologisch angeordnet, vielmehr gruppieren sich die Mannequins entlang einer 60 Meter langen "Wonderwall". Die Wunderwand stellt eine dreidimensionale Collage aus Artefakten, Kunstwerken, Slogans oder Filmausschnitten dar, die den genau recherchierten sozialen Kontext für die Arbeit des Designers darstellen.
Einsatz von Worten und Slogans
Typisch für seine Entwürfe ist der Einsatz von Worten, von Slogans, er zitiert bekannte Logos, und greift zurück auf das Repertoire unserer Mediengesellschaft, in der Themen wie Aids, sexuelle Tabus, die technische Veränderbarkeit und Fetischisierung menschlicher Körper oder die andauernde Verführung zum Konsum scheinbar ausgeklammert bleiben - Themen, die für Van Beirendoncks Umgang mit Mode nie an Aktualität verlieren. Seine Kollektionen bieten keine harmlosen Maskeraden, sondern setzen Statements und machen klar, dass Kleider ihre soziale Energie gerade aus ihrer Oberflächlichkeit beziehen.
So zitiert er nicht zufällig immer wieder Gewänder, Masken, Haartrachten und Ähnliches mehr aus Kulturen, die in Kleidung und all dem, was man am Körper trägt, noch lebendige magische Kräfte erkennen. Van Beirendonck bezieht sich auch regelmäßig auf Arbeiten geistesverwandter Künstlerinnen und Künstler wie Louise Bourgeois oder Mike Kelley und Paul McCarthy, die beispielsweise in ihrer Performance "Heidi" aus dem Jahr 1992, das Unheimliche, ja Obszöne einer massenmedial inszenierten Kitschidylle von Unschuld und Reinheit freigelegt haben. So zitierte der Modemacher in unterschiedlichen Kollektionen Motive aus alpinen Märchenwelten, von der unschuldigen Heidi über süße Teddybären bis zu hübschen Marienkäfern reicht das Repertoire der modischen Zitate.
Wollene Brustwarze ist gepierct
Doch sind die starken Zeichen mehrdeutig geraten: der Teddy am Strickpullover beispielsweise ist explizit männlich, seine wollenen Brustwarzen gepierct. Jedes Märchen von Glück und Liebe erscheint im scharfen Kontrast zu einer Gesellschaft, die bedrohlichen und unsichtbaren Krankheiten wie Aids ausgesetzt ist.
David Bowies androgyner Selbstentwurf als Ziggy Stardust fehlt im Kontext der Wonderwall ebenso wenig wie Fotografien von Robert Mapplethorpe, die in ihrer Explizitheit immer daran erinnern, wie stark sexuelle Tabus gerade in unserer Kultur des schamlosen Zugriffs auf eigene und fremde Körper nach wie vor wirken. Künstlerische Projekte sind dabei für Van Beirendonck nicht nur Inspiration, sondern vielmehr eine notwendige Sicht auf die Realität. Immer wieder hat er mit Künstlern auch direkt zusammengearbeitet, so zuletzt mit Erwin Wurm, mit dem er anlässlich dessen Einzelausstellung im Middelheim Museum ebenfalls in Antwerpen (noch zu sehen bis 25. September 2011) "Walking Sculptures" entwickelte.
Heiter und ironisch
Van Beirendonck bleibt bei aller kritischen Auseinandersetzung mit seiner und unserer Welt dennoch heiter und ironisch. Seine Kleiderentwürfe entstehen auch in dem Bewusstsein, dass die Macht der Mode gerade in ihrer Oberflächlichkeit entsteht, weil sie Aufmerksamkeit herzustellen vermag, weil sie Realität mitbestimmen kann, weil sie eine wesentliche Grundlage für Kommunikation darstellt.
Modemacher wie Walter Van Beirendonck weisen mit ihrer Arbeit darauf hin, dass in unserer Gegenwart Mode ein geradezu radikales Vehikel bedeuten kann, um sich selbst zu erfinden, um die eigene Identität in aller gebotenen Ironie auch nicht allzu ernst zu nehmen, sich als polymorphes Wesen spielerisch zu genießen und sich dabei den großen und ernsten Themen der Wirklichkeit nie zu verschließen. (Brigitte Felderer/Der Standard/rondo/23/09/2011)