Was kommt denn da geflogen? Gregor Fauma bekämpft die Schneckplage durch Wurf der Tiere über den Gartenzaun
Man muss nur warten können. Dann kommen sie von ganz allein hervor. Und ich habe reichlich Geduld. Doch zurück zum Anfang, zurück zu einer Baustelle, über deren Fundament, Tiefgarage und Erdabgründe mein Garten gebaut wurde. Alles war jungfräulich. Die Erde, die ersten gekauften Pflanzen, der Rollrasen, die bizarr wachsenden, manchmal auch schön blühenden Wildkräuter ... es ist ein besonderes Vergnügen, bei der Stunde null einer Gartengenese dabei zu sein, sie gestalten zu dürfen. Alles, was in Folge passiert, beruht auf meinem Tun. Und so ist es nicht weiters verwunderlich, dass ich über Monate hinweg von schleimigen Weichtieren im Garten verschont geblieben bin. Wo sollten sie denn auch herkommen?
Schlange auf Roiperln
Der Garten legt sich wie ein C um unsere Wohnung und ist bis auf wenige Ausnahmen von einer meterhohen, betonierten Brüstung hin zur Straße oder von Wänden der Wohnung eingegrenzt. Ja, die gekaufte Erde, die Erde der gekauften Pflanzen, die bieten da schon Möglichkeiten, aber es ließ sich kein Mollusk blicken. Ich, vulgo mein Garten, war nacktschneckenfrei und verkündete diese Botschaft vor hunderttausenden, jubelnden Menschen von Nachbars Balkon herunter. Eines schönen Tages vermutete ich Biologe eine Schlange im Unterholz des Efeugestrüpps, allerdings eine Schlange auf Roiperln (sprich: Flunitrazepam), doch diese stellte sich als Schnegel vor, vermutlich eine Kurzform der unerklärlicherweise Schneeigel genannten Nacktschnecke Limax. Oder kommt der Name etwa doch von "Egelschnecke"? Sei es drum. Diese Riesen unter den Nacktschnecken stören nicht sonderlich, fressen sie doch in erster Linie bereits tote Pflanzen, Aas und andere Nacktschnecken. Dafür lieben wir sie und belassen sie im Garten, immer darauf achtend, nicht barfuß auf sie draufzusteigen.
Im Rahmen einer normalen Sukzessionskette planar-kolliner, ortofruitoser Gartengestaltung gesellten sich in Folge Salathäuptl zu den Rosen, auf dass sich die roten, nackerten Wegschnecken nicht lange bitten ließen und zum Fraß erschienen. Bitte fragen Sie nicht, woher, ich glaube mittlerweile an die Vis vitalis und an die Biogenese aus Staub. Anyhow, wahrscheinlich haben mir neidige Gärtnerzwerge diese "Aus-Salat-mach-Schleim-Viecher" über den Zaun geworfen. Und genau dies ist auch nun meine abendliche Freude. Man muss nur warten können.
Als Hundstrümmerl getarnt
Gibt einschlägige Sekundär- wie Populärliteratur schneckenbekämpfende Ratschläge wie aufspießen, überbrühen, mit Salz bestreuen, entzweiteilen, Gift streuen, Stromfallen aufstellen usw., so gehe ich doch anders vor. Ich warte im Garten, trinke mir Mut an und kontrolliere bei einsetzender Dunkelheit die Beetränder. Denn jetzt beginnt die Rushhour. Die Roten Wegschnecken wollen die Natursteinplatten übersetzen, verschätzen sich dabei in der Distanz und fallen mir zum Opfer. Ich rupfe mir ein großes Blatt von den Engelstrompeten, ergreife damit die sich sofort zusammenziehenden, sich steif machenden Nacktschnecken und werfe sie in hohem Bogen über den Zaun in die Hundeklozone zwischen Gehsteig und Parkplatz. Gut als Hundstrümmerl getarnt, treiben sie dann dort weiter ihr Unwesen, bis es ihnen zu warm und trocken wird und sie den Weg allen Irdischen gehen. Und nächstes Jahr kommt ihre Brut dran, dann sehen sie mich wieder auf dem Balkon.
Tipp: Beete in der Früh gießen. Schnecken sind aus Feuchtigkeitsgründen "nachtaktiv" und ziehen sich mit steigender Temperatur und sinkender Bodenfeuchtigkeit zurück. So kann man ihnen ein Vorankommen untertags erschweren. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/16/09/2011)