Ausstellung in London

Kuscheln mit Kanten

16. September 2011, 20:41
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    Mehr an Baggerschaufeln als an ein klassisches Besteck erinnert Feichtners Serie "Cutt" - Esswerkzeug, auf das man sich, wie im Falle vieler Objekte des Designers, einlassen muss.

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    Feichtners Obstschale "Fruit Bowl" für die Wiener Silber Manufactur.

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    "One Crystal Chandelier" für J. & L. Lobmeyr.

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    "FX 10 Lounge Chair" für die Neue Wiener Werkstätte.

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    Biene Majas Nickerchen im Blütenbett inspirierte Thomas Feichtner zur Bett-Skulptur "Maya's Bed".

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    Thomas Feichtner bei der Arbeit, hier in der Wiener Silber Manufactur.

Der Gestalter Thomas Feichtner pfeift erfolgreich auf ein gängiges Design-Verständnis

Klar könnte man das Atelier von Thomas Feichtner im siebenten Wiener Bezirk beschreiben, das sich prächtig für ein Designerbilderbuch eignen würde: Prototypen in Reih und Glied, Transportkisten aus Aluminium, wie zu einer Skulptur gestapelt. Ein großer weißer Arbeitstisch, der noch nie einen Kaffeehäferlabdruck gesehen haben dürfte. Eine Obstschale mit Äpfeln zum Anschauen statt zum Anbeißen, und so fesch würd's auch weitergehen. Feichtner, der hier mit seiner Frau Simone werkt, sieht sich aber lieber draußen, vor der Tür. Unterwegs zu einem Glasschleifer zum Beispiel, mit einem Mordsgerät von einem Kristall unterm Arm.

Die Manufakturen mit ihren Handwerkern sind es, zu denen es ihn zieht. J. & L. Lobmeyr heißen sie, oder Wiener Silber Manufactur, oder Augarten. Graveure sucht er als Gegenüber, Porzellanspezialisten oder Schmuckmacher. Er will, dass seine Ideen mit Tradition und Handwerk spielen. Dabei Zeitgenössisches entstehen zu lassen, ist sein Antrieb. Von Spaß und Lust schwärmt er, nicht von Stückzahlen, Konzernen und globalisierten Märkten. Dabei kennt er sie gut, die Begriffe, die so vielen anderen Designern die Nächte lang machen. Neben seiner Tätigkeit als Produktgestalter für Head, Tyrolia, Fischer und andere arbeitete er auch im Bereich der visuellen Kommunikation, für Swarovski zum Beispiel oder Adidas oder den Top-Gestalter Ron Arad.

Eine Erlösung

Doch der Reiz am Experiment gedieh prächtig, eine Art Schubumkehr zum rein zweckgebundenen Designverständnis wurde sein Motto. Dabei ging es um ein Herauskristallisieren eines, seines Formalismus. "Ich hab doch nicht studiert, um zehn Jahre Skibindungen zu entwerfen. Mir wurde irgendwann klar, dass es da draußen gar keine Polizei gibt, die mir verbietet, Dinge anders zu gestalten. Das war eine Erlösung, und dann ging es Schlag auf Schlag", erzählt Feichtner, der fest davon überzeugt ist, dass die Funktion von Design nicht darin liegt, dass man dieses verkaufen muss. "Ob Design produziert oder verkauft wird, lässt nicht unbedingt Rückschlüsse auf seine Qualität zu", sagt er weiter. Form follows Leidenschaft und Experiment - auch so könnte man den Grundsatz Feichtners zusammenfassen. Ein künstlerischer Zugang, keine Frage, "aber keine Kunst", wie Feichtner betont. Feichtner will sich nicht als einer sehen, der Probleme löst. "Ich will agieren, nicht reagieren", sagt er auch. Und bei den Produzenten scheint dieses Rückenschwimmen gegen einen breiten Strom gut anzukommen. Neben erwähnten Unternehmen arbeitet Feichtner für die Neue Wiener Werkstätte, die Carl Mertens Besteckfabrik in Solingen, Blaha oder FSB-Beschläge. Auch Vitra steht am Programm.

Aussehen verleiht Feichtner Leuchten ebenso wie Besteck, Möbeln, Schmuck, Vasen, Gläsern oder wie im aktuellsten Fall, Textilien für F. Leitner Leinen. Zu seinem Stoffdesign hat ihn das abstrakte Grundkonstrukt eines U-Bahn-Plans inspiriert. Wichtig ist ihm die Beziehung zum Unternehmen, erklärt er und hört gar nicht auf zu beteuern, wie ausschlaggebend gerade persönliche Beziehungen für ein funktionierendes Projekt seien.

Machen-Müssen

Obwohl er gar nicht so aussieht, wurde Feichtner 1970 in Brasilien geboren. Aufgewachsen ist er in Düsseldorf, absolviert hat er die Hochschule für künstlerische Gestaltung in Linz. An der Muthesius Kunsthochschule in Kiel lehrt er heute selbst. Circa 70 Tage des Jahres verbringt Feichtner dort. Preise hat er auch abgeräumt - nicht wenige: den iF-Design-award, den red dot, den European Design Award, den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland und mehr. Ausgestellt wurden seine Arbeiten in Mailand, Stuttgart, New York, dem Wiener Mak und anderswo. Ganz aktuell stehen seine Schau im österreichischen Kulturforum in London und seine Teilnahme an der Design Triennale im Nationalmuseum Peking am Programm. Nicht dass ihm das wenig bedeutet, aber viel präsenter ist in Feichtner dieses spürbare Machen-Müssen. Trotz seiner Lackelstatur wirkt er wie ein kleiner Bub, der nichts lieber tut, als mit Formen zu spielen. "Ich sehe Flächen in meinem Kopf, falte sie nach innen, dann nach außen. Es geht mir darum, komplexe Formen einfach zu erklären" - eine Art Himmel-und-Hölle-Spiel für Fortgeschrittene, könnte man sagen. "Ich reduziere auf Linien und Punkte, die wie eine Gleichung auf null kommen. Die Gleichung findet im Kopf statt. Im Fall meiner Fruchtschale schaffe ich zum Beispiel eine Art immerwährende Kante. Das Objekt kann nichts, es ist nur eine Obstschale", erklärt der Designer.

"Sie ist einfach nur schön", setzt seine Frau Simone nach. "Die Innovation liegt in der neuen Form. Das törnt mich einfach an", schließt der Gemahl ab, spürbar unsicher, ob der saloppen Wortwahl. Auch wenn die Gleichung auf null hinausläuft, wäre es nicht zutreffend, seine Stücke als reduziert zu bezeichnen. So paradox es klingen mag, man könnte seinen Stil als einen organischen bezeichnen, der sich die Kante gibt und auf Achsen abfährt.

Verwandtschaftsgrade seiner Objekte

Thomas Feichtner schickt dem Betrachter mit seinen Arbeiten Botschaften, die dieser nicht gewohnt ist zu lesen. Seine Formensprache funktioniert dabei als schlüssiges, aber überraschendes Alphabet. Die formalen Verwandtschaftsgrade seiner Objekte mögen verschieden sein, abstreiten kann man ihnen den Sippencharakter aber nicht.

Durchaus als groß gewachsene Großtante der Fruchtschale könnte zum Beispiel seine Bett-Skulptur "Mayas Bett" durchgehen. Feichtner vergleicht die beeindruckende Bettstatt, die mittlerweile in die Sammlung des Mak aufgenommen wurde, als eine Blume mit Blütenblättern. Dabei denkt er an die Biene Maja, die sich zum Schlafen in einen Blumenkelch zurückzieht. Trotz all der Ecken und Kanten, die das Objekt im Gegensatz zu einem weichen Blütenbett aufweist, überkommt einen die Lust, hinaufzukrabbeln und es lieber noch als der Biene Maja, dem faulen Willi gleichzutun.

Auch Feichtners andere Stücke geizen nicht mit Kanten und Ecken. Selbst sein Löffel aus der Besteckserie Cutt, eine Art kleiner Großcousin seines "Axiome Chair", erinnert eher an eine Baggerschaufel als an ein Objekt, mit dem man seine Suppe löffeln will. Die Dinge, die Feichtner erschafft, reißen nicht die Arme auf und rufen "Willkommen". Umso mehr sollte man auf sie zugehen, um die Erfahrung zu machen, dass Feichtners Hingabe an das Formale das Zeug dazu hat, so manche Kante in der festgefahrenen Design-Denke spielerisch weich zu biegen. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo(16/09/2011)

www.thomasfeichtner.com

Ausstellung "Hands On Design" im österreichischen Kulturforum London, 28 Rutland Gate, London SW7 1 PQ, England. Bis 25. Oktober 2011 London Design Festival (17. bis 25. September) www.londondesignfestival.com

WRN
01
27.9.2011, 23:25

und wieder mal stellt sich die grundlegende Frage:

WER ZAHLT DAS?

und weiterführend:
warum nimmt es Platz in meinem Hirn ein?

sukisouk
00
17.9.2011, 21:02

Wer bitte hat einen Mund wo sowas reinpasst?

m-
00
18.9.2011, 14:27

Kermit, der Frosch.

sterngucker
 
06
17.9.2011, 17:54
"Werkzeug, auf das man sich [...] einlassen muss"

Irre ich mich, oder ist das nur eine verklausulierte Art und Weise, "Function follows form" zu sagen?

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