Allein unter Männern

9. September 2011, 20:03
  • "Ich musste mehr leisten, länger arbeiten und 200 Prozent geben, damit mich die Männer ernst nahmen", sagt Véronique Nichanian.
    foto: carole bellaiche

    "Ich musste mehr leisten, länger arbeiten und 200 Prozent geben, damit mich die Männer ernst nahmen", sagt Véronique Nichanian.

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  • Véronique Nichanian legt Wert darauf, nicht Mode-, sondern Bekleidungsmacherin genannt zu werden: Ihre Kreationen sollen nämlich länger als eine Saison tragbar bleiben.
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    Véronique Nichanian legt Wert darauf, nicht Mode-, sondern Bekleidungsmacherin genannt zu werden: Ihre Kreationen sollen nämlich länger als eine Saison tragbar bleiben.

Seit einem knappen Vierteljahrhundert entwirft Véronique Nichanian die Männermode bei Hermès - dennoch kennt kaum jemand ihren Namen

Nur einmal wollte ihr ein Mann einen sogenannten guten Rat geben: Das war 1985 auf einer Geschäftsreise in Japan, Véronique Nichanian arbeitete noch als Herren-Designerin für Nino Cerrutti, und da sagte dieser Mann während des Essens zu ihr: "Aber Madame, warum bleiben Sie nicht zu Hause und bekommen Kinder?"

Pfff, die 55-jährige Pariserin schürzt die Lippen, lässt diesen sehr französischen gepressten Luftlaut raus, was trotzdem so vornehm aussieht, als würde sie an einer Champagnerflöte nippen - und wird lauter: Warum kann ich nicht Kinder haben und trotzdem eine Karriere? Was hat der sich eigentlich gedacht? Und dann lächelt sie wieder, der Sturm ist vorüber. Sie hat der Welt gezeigt, dass es geht. Véronique Nichanian hat einen Mann, eine 15-jährige Tochter und eine fabelhafte Karriere. Sie ist die einzige Modeschöpferin eines namhaften Hauses, die nur für Männer schneidert, sie ist wieder ganz bei sich, bei Hermès - und der Contenance, für die das Label steht.

Nichanian sitzt im Innenhof eines ehemaligen Klosters im Pariser Bezirk Saint-Germain. Ihre Kleidung ist auffallend unauffällig: ein schwarzes Ensemble aus Bundfaltenhose, dünnem Pullover und flachen Sandalen. "Darin kann ich einfach am besten gehen", sagt sie.

Der Luxus verkauft sich

Später wird sie sich umziehen, in ein offizielles Outfit schlüpfen, sie trägt dann eine weiße Seidenbluse, dieselben Hosen und schwarze Blockabsatzschuhe. Auf ihnen wird sie den langen Catwalk entlanggehen. Es ist nicht ihr Lieblingsritual, sie steht ungern im Rampenlicht und lässt sich nicht wie Giorgio Armani mit einem Model am Arm feiern. Sie dreht einfach eine Runde, nickt den 200 Journalisten aus aller Welt zu und lächelt gelöst, wenn sie an den rund 60 Mitgliedern der Hermès-Familie vorbeikommt. Das ist für die zierliche Frau das Heimspiel.

Bei Hermès mögen sie Véronique Nichanian. Sie hat 1988 angefangen, als Herrenmode für das Haus vor allem eines bedeutete: sündhaft teure Krawatten. Inzwischen ist sie 23 Jahre im selben Job, nur der Dinosaurier der Pariser Mode, Karl Lagerfeld, arbeitet länger für eine Marke: Er begann seine Tätigkeit bei Chanel 1983. Nichanian ist es in einem knappen Vierteljahrhundert gelungen, die Produktpalette zu erweitern und den Umsatz der Herrenlinie auf das Niveau der Damen zu heben. Es gibt weiterhin Krawatten, aber auch sündhaft schicke Seersucker-Jacketts für mehr als 2000 Euro oder Badehosen für 400 Euro. Der Luxus verkauft sich. Mit einem Nischenprodukt für die oberen Zehntausend ist der Umsatz im vergangenen Jahr um fast 19 Prozent gestiegen, er liegt mittlerweile bei 2,4 Milliarden Euro.

Véronique Nichanian? Kennt die jemand? Der Pariserin mit armenischen Wurzeln ist tatsächlich der umgekehrte Karriereweg in der Modewelt geglückt. Je erfolgreicher sie wurde, umso weniger Menschen liegt ihr Name auf der Zunge. König Karl tanzt auf vielen Hochzeiten, entwirft mal hier, macht mal Werbung da, Véronique bleibt einfach bei Hermès, macht ihre Arbeit und geht nach Hause. "Ich will nicht herausstechen", sagt sie nachdrücklich. Und gleich zu Beginn des Treffens besteht sie auf ihrem Credo: "Ich mache Bekleidung, keine Mode."

"Mode ist der schnelle Trend"

Das ist komisch. Nichanian grenzt sich ab von einer Traumfabrik, in die jedes Jahr tausende Frauen und Männer hineinwollen. "Mode ist der schnelle Trend", sagt sie. "Die hochgerollten Shorts in dieser Saison, das ist Mode." Will heißen: Das hält sich nicht. "Ich will eine Haltung ausdrücken." Der französische Philosoph Dominique Quessada schrieb in der Libération deshalb über sie: "Sie ist eine der wenigen Designer, die stilistisch das Verhältnis von Männern zum Langfristigen versteht."

Zeitlosigkeit ist ein subjektiver Wert. Jeder Mensch füllt ihn nach seinem Gusto mit Leben. Und das ist völlig in Ordnung für die Modemacherin, Pardon, Bekleidungsherstellerin. Ihre Herangehensweise: Es wäre doch schön, wenn Männer sich das grüne Lammleder-shirt kaufen und daran ein Leben lang Freude haben. Ihr Motto: nicht herausstechen, sondern still genießen. Und wenn nicht, dann eben pfff ...

Sie ist Stofffetischistin. War sie schon als junges Mädchen. Mit zwölf Jahren stöberte sie auf Flohmärkten und in Textilgeschäften herum, kaufte sich vom Taschengeld bedruckte oder gemusterte Stoffe. "Daraus habe ich Taschen, Kleider und Decken genäht", erzählt sie. Heute fährt sie mit Vorliebe auf Stoffmessen, "das ist, als würde ich in einen Tortenladen gehen". "Hermès ist ein Haus der Materialien", sagt sie. Und das ist der Schlüssel, wenn man verstehen will, warum so eine Frau wie sie jahrelang ein und derselben Firma treu bleibt. Sie fühlt sich wie ein Kleinkind in einer Gummibärchenfabrik: Arbeitnehmer und -geber pflegen den diskreten Charme der Bourgeoisie auf sinnfällige Art. Hermès schaltet kaum Werbung, Nichanian mag keine Fragen über ihr Privatleben. Und ihren Modestudenten an der École de la Chambre Syndicale de la Couture gibt sie als Erstes einen Ratschlag auf den Weg: "Seid bescheiden!"

Keine unnützen Details

Was sie im Überfluss braucht: Kunst, Musik, Reisen. Wenn sie unterwegs ist, hält sie die Augen offen, sammelt Postkarten. Das Destillat auf der Schau im Klostergang sind: ein marineblauer Zweireiher, getragen mit gestreiften Hosen aus Baumwollpopelin. Im Unterschied zu vielen Modehäusern landen viele der Modelle später tatsächlich in den Läden. Es sind nicht nur sogenannte "show pieces", sondern fertige Angebote an den Kunden. Deshalb sind sie nicht so extravagant wie bei Dior, dafür dichter am Markt. Auch das ist ein Unterschied zwischen Mode und Bekleidung.

Véronique Nichanian hat das verstanden. Sie interessiert sich für Männermode, denn: "Mir gefällt keine Kleidung, die unnütze Details hat oder zu schrill ist." Und spricht vielen Männern aus dem Herzen. Das Handwerk gelernt hat sie an derselben Modeschule, an der sie heute Dozentin ist. Der italienische Designer Nino Cerrutti hat sie nach dem Abschluss verpflichtet, um seine Männerlinie auszubauen. "Ich musste mehr leisten, länger arbeiten und 200 Prozent geben, damit mich die Männer ernst nahmen", sagt sie. Nur dass sie bei Cerrutti für den Laufsteg entwarf, hat sie genervt. Lange hat sie deshalb nicht überlegt, als das Angebot kam, mit Anfang 30 zu Hermès zu wechseln.

Sie kann entspannt auf ihr Lebenswerk zurückblicken. Nichanian hat Bikerjacken mit Eidechsenhaut entworfen, für Eric Clapton lederne Gitarrenkoffer und für ihren Mann einen grauen Flanellanzug. Sie beobachtet, wie sich die Männer mit ihr verändert haben: "Sie haben ein größeres Selbstbewusstsein in Bezug auf ihren Körper. Vor 20 Jahren sind sie mit ihren Frauen in die Geschäfte gekommen. Heute kommen sie allein und wissen genau, was ihnen steht. Und wenn sie mal einen kleinen Fehler machen, die Socken vielleicht zu bunt ausfallen, mon dieu, das macht sie doch charmant." (Ulf Lippitz/Der Standard/rondo/09/09/2011)

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1 Posting
"zu bunte socken"

wer wegen sowas schlaflose nächte hat, ist kein mann. punkt.
die dame scheint aber sehr nett zu sein, ihre einstellung zu ihrem job ist bewundernswert unglamourös und gerade deshalb interessant.

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