Singen beim Wandern

  • Nichts gegen das Singen, und schon gar nichts gegen das Wandern.
    foto: apa

    Nichts gegen das Singen, und schon gar nichts gegen das Wandern.

Pro: "Wo niemand zuhört" von Eric Frey - Kontra: "Wehret den Anfängen!" von Klaus Taschwer

+++Pro
Von Eric Frey

Ich weiß, wie Troubadix sich fühlt, wenn er von seinen gallischen Freunden geschlagen, gefesselt und geknebelt wird. In der 1. Klasse Gymnasium musste ich beim Einsingen neben dem Ziehharmonika spielenden Musikprofessor stehen, weil ich keine Note richtig traf. Dann schickte er mich auf den Platz zurück und bat mich, den Mund nicht wieder aufzumachen.

Heute sind es meine Kinder, die mir das Mitsingen mit mitleidsvoll-ungläubigen Blicken verleiden: "Daddy, du kannst wirklich nicht singen." Aber was tun, wenn die vielen Melodien im Kopf unbedingt hinaus wollen? Keine Toilette ist so schalldicht, kein Duschstrahl so laut, als dass es nicht danach hieße: "Hm, hm, wir haben dich gehört."

In der Stadt kann ich dem ungnädigen Publikum nicht entkommen. Deshalb liebe ich die Berge. Bäume, Steine und am Wegrand grasende Kühe lassen meine Stimmübungen widerstandslos über sich ergehen. Andere Wanderer tun so, als würden sie nichts hören. Und meine Kinder kommen ohnehin nicht mehr mit.

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Kontra---
Von Klaus Taschwer

Nichts gegen das Singen, und schon gar nichts gegen das Wandern. Denn die durchwegs positiven Auswirkungen beider Aktivitäten auf Geist und Körper sind wissenschaftlich bestens dokumentiert. Doch die Kombination von Plus und Plus ergibt in diesem Fall leider eindeutig Minus.

Dafür braucht man nicht einmal die Hansi-Hinterseer- oder gar die Nazi-Keule schwingen und daran erinnern, dass Rechtsradikale ihren Nachwuchs bis heute mit dem unseligen Doppelpack ködern. ("Singen, wandern, toben" lautete unlängst erst das Motto eines einschlägigen Zeltlagers.) Nein, von den Braunen sollte man sich weder die Volkslieder noch das Marschieren in der freien Natur madig machen lassen.

Doch bitte: Immer eins nach dem anderen, und singen frühestens in der Hütte, oder noch besser: unter der Dusche. Gibt es schon im Winter auf den Pisten kein Entrinnen mehr vor dem Skihütten-Musikterror, so lasst uns wenigstens im Herbst noch in aller Stille die Ruhe der Natur genießen oder dem Gesang der Vögel lauschen. (Der Standard/rpndo/09/09/2011)

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