Eine Bildsprache für die Welt

  • Otl Aicher bei der Arbeit.
    foto: timm rautert, erco, krzysztof jeziorny, florian aicher, rotis

    Otl Aicher bei der Arbeit.

  • Piktogramme für Olympia 1972.
    foto: timm rautert, erco, krzysztof jeziorny, florian aicher, rotis

    Piktogramme für Olympia 1972.

  • Aichers Atelierhaus in Rotis.
    foto: timm rautert, erco, krzysztof jeziorny, florian aicher, rotis

    Aichers Atelierhaus in Rotis.

  • Grafisches Leitbild für die Lufthansa (1960er- Jahre).
    foto: timm rautert, erco, krzysztof jeziorny, florian aicher, rotis

    Grafisches Leitbild für die Lufthansa (1960er- Jahre).

  • Und Waldi, das Olympia- Maskottchen für München 1972.
    foto: timm rautert, erco, krzysztof jeziorny, florian aicher, rotis

    Und Waldi, das Olympia- Maskottchen für München 1972.

Vor 20 Jahren starb der Designer Otl Aicher - Die von ihm entwickelten Piktogramme prägen die Welt bis heute

Ob es Geschwisterliebe, jungmännerhaftes Besserwissen oder beides war, wissen wir nicht, jedenfalls war der 17-jährige Otl Aicher der Meinung, dass seine Schwester unbedingt das Skifahren erlernen müsse. Zu diesem Zweck fertigte er ein liebevoll detailliertes siebenseitiges Handbuch an und ergänzte die Instruktionen mit schematischen Bleistiftzeichnungen von Strichmännchen in korrekter Haltung. Noch ahnte er nicht, dass er 32 Jahre später mit einer Verfeinerung dieser Skizzen die Welt der grafischen Gestaltung revolutionieren würde. Auch der widersprüchliche Charakter als Kämpfer gegen Autoritäten einerseits und autoritärer Bestimmer andererseits sollte ihn sein Leben lang prägen.

Es war Winter 1940, und sorglose Skiausflüge waren die Ausnahme. Aufgewachsen in einem Arbeitervorort der süddeutschen Nazi-Hochburg Ulm, hatte sich Otl Aicher geweigert, der Hitlerjugend beizutreten, wurde inhaftiert und bekam 1941 sein Abitur aberkannt. "Der Staat hat meine Jugend kaputtgemacht", sagte er später. Er probte früh den Widerstand, war eng befreundet mit den Geschwistern Scholl und desertierte kurz vor Kriegsende von der Wehrmacht.

Als die neue Bundesrepublik nach dem Krieg in Richtung Wirtschaftswunder einbog, galt es für den künstlerisch und theoretisch beschlagenen Aicher, auch auf seinem Gebiet alle Spuren des Nazitums über Bord zu werfen. Seine Frau Inge, die ältere Schwester von Hans und Sophie Scholl, gründete 1946 die Ulmer Volkshochschule als kulturelle Entnazifizierungs-Aktion, Aicher entwarf nach seinem Kunststudium die Plakate für die dortigen Kurse.

Nüchternes Funktionsdenken

Die nächste Stufe: ein Bauhaus für das Industriezeitalter und die aufgeklärte Demokratie. Das sollte die Hochschule für Gestaltung Ulm werden, die er 1953 mitbegründete. Sie erlebte eine kurze und heftige Blütezeit, ihre hervorragenden Leistungen im Industriedesign wurden gebremst von permanentem Streit zwischen Künstlern und Systematikern, an dem Aicher, der die Kunst strikt aus der Gestaltung heraushalten wollte, rege beteiligt war. Als Bewunderer von Charles Eames verachtete er die "gebauten Mondrians" eines Gerrit Rietveld, die von der Werkstatt direkt in die Museen wanderten. "Ein Stuhl, auf dem man schlecht sitzt, ist ein schlechter Stuhl", fasste er sein Credo kurz und bündig zusammen.

Ausgerechnet dieses nüchterne Funktionsdenken explodierte wenig später zu ganz ungeahnter Farbigkeit: Aicher bekam den Auftrag, das Erscheinungsbild für die Olympischen Spiele 1972 in München zu entwickeln. Die "fröhlichen Spiele", die ein weltoffenes Deutschland präsentieren sollten, waren die perfekte Aufgabe für den Gestalter. Von der Urkunde bis zu den Postern mit vor Bewegungsfreude sprühenden Sportszenen folgte alles einem ausgeklügelten Schema aus frischen Farben. Rot allerdings war mehrfach diktatorisch vorbelastet und kam nicht vor.

Damit die internationalen Besucher auch den Weg zu Stadien und Regatten fanden, entwickelte Aicher ein Leitsystem aus 181 Piktogrammen, die jede Sportart in knappster Form mit kugelköpfigen Strichmännchen darstellten. Was 1940 als Lehrbuch für die Schwester begonnen hatte, fand nun seine allumfassende Perfektion. "Er wollte eine Bildsprache erfinden, die jeder versteht, egal, ob er aus Grönland oder Indonesien kommt. Eine Weltsprache für alle", erinnert sich sein Sohn, der Architekt Florian Aicher. Heute sind Piktogramme aus dem Globalvokabular nicht mehr wegzudenken.

"Autonome Republik Rotis"

Aicher hatte sich endgültig einen Namen gemacht. Es folgten Großaufträge für Flughäfen, Versicherungen, Küchen von Bulthaup und Leuchten von ERCO. Nachdem der Ulmer Hochschule 1968 der Geldhahn zugedreht worden war, fand Aicher ein neues Zuhause in einer alten Mühle im winzigen Ort Rotis, direkt an der Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg gelegen. Aicher, nie um Plakatives verlegen, zog ein und proklamierte prompt die "Autonome Republik Rotis". Er ließ die Durchgangsstraße vom Haus wegverlegen, pflanzte Bäume, baute schlichte und praktische Atelierhäuser in das Gelände, betrieb darin sein Büro und lud zu Think-Tanks ein. Freund Norman Foster schaute bisweilen mit dem eigenen Flugzeug zu Besuch in der idyllischen Enklave im Allgäu vorbei.

In den 1980er-Jahren entwickelte Aicher eine Schrift, die er nach dem Ort Rotis benannte und die die Typografengemeinde bis heute spaltet. Er schrieb in kurzer Zeit zahlreiche Bücher über Design, Küchen, Wüsten und den Krieg, die in ihrer klaren Sprache heute noch lesenswert sind. "Dieser hohe Output war kein Zufall, er hat immer gesagt: Wer schreibt, der bleibt. Er dachte schon an die Nachwelt", sagt Sohn Florian, der heute in Rotis wohnt. Am 1. September 1991 verunglückte Otl Aicher nahe der Straße, die er hatte verlegen lassen, tödlich, als er beim Rasenmähen mit einem Motorrad kollidierte. Von ihm bleibt, was er schrieb - und Strichmännchen mit Kugelköpfen von Indonesien bis Grönland. (Maik Novotny/Der Standard/rondo/09/09/2011)

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