Ein römischer Kaiser meinte einmal, es sei sinnlos, sich über die Leute aufzuregen - Sie würden sich ja doch nicht ändern
Vor dem Postamt liegt ein Bewusstloser. Er schaut so aus, als ob er müde vom Frühschoppen sei. Einen Block weiter findet gerade ein Polizeieinsatz statt. Im genau zwischen Postamt und Blaulicht gelegenen Supermarkt hält gleich darauf ein Verrückter den Betrieb auf, weil er sich die Wagenladung abgelaufener Waren ersetzen lässt, die er zuvor im Geschäft zusammengesucht hat. Die Leute hinter ihm beginnen das Lokal nach Möglichkeiten abzusuchen, einen provisorischen Galgen zu errichten.
Danach fährt ein BMW-Fahrer drüben auf dem Platz beim Abbiegen einen Radfahrer zusammen. Er konnte während des Telefonierens weder auf den Verkehr achten noch stoppen. Die Nachbarschaft läuft zusammen, weil der junge Mann sich weigert, aus dem Auto auszusteigen und sich zu entschuldigen. Er beendet sein Telefongespräch auch dann nicht, als der Radfahrer vor Wut auf die Kühlerhaube des BMW zu schlagen beginnt. Alle schreien.
Es ist früher Nachmittag. Der Dichterfürst befindet sich gerade einmal seit einer Stunde in der Stadt. Und er beginnt sich nach dem Land zu sehnen. Babylon erweckt keinen Bleibewunsch. Auf dem Land sagt man zum Nachbarn: Jetzt ist es aber wieder einmal genug mit deinem dauernden Blödsinn. Gib Ruhe. Dann ist es zehn Minuten ruhig. Die Welt hält inne und atmet durch. In der Stadt landet man wegen so einer Ansage in der Notaufnahme. Ein römischer Kaiser meinte einmal, es sei sinnlos, sich über die Leute aufzuregen. Sie würden sich ja doch nicht ändern. Man kann zu dieser Einsicht freilich auch friedlich gelangen. Allein auf einer Gartenbank.
(Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 09.09.2011)