Damit die Reverso ihren Sinn nicht verliert, muss ihr Hersteller Jaeger-LeCoultre in ihre Sinnstiftung investieren - Also in den Polo-Sport
Waren die englischen Offiziere in Indien zu Zeiten der englischen Kolonialherrschaft gerade einmal nicht von tropischen Malaisen befallen und von politischem Gegenwind gestört, war es fad.
In besseren Zeiten lud wohl ein Maharadscha zur Tigerjagd ein, in schlechteren verbrachte man die viele Freizeit im Salon mit den Damen. Aber was die Einheimischen da mit einem ballförmigen Bündel trieben und dann noch zu Pferde, das rief den englischen Sportsgeist auf den Plan. Denn dieses Spiel hatte alles, was der Engländer liebt. Ball, Pferde, Tempo, Mannschaft. Wie sich der Polo-Sport auf den staubigen Spielfeldern tatsächlich zugetragen hat, mag man sich schmerzhaft vorstellen. Harte Sättel, kein gepolsterter Schutz für die Knie. Dauernd ging was kaputt. Auch die edelsten Teile.
Für das erlesenste Familiensilber kam Hilfe von unerwarteter Seite. Ein Schweizer Gentleman genoss eines schwülen indischen Turniertags die Atmosphäre des Polo-Spiels, aus angemessener Distanz versteht sich. Denn mit dem Schweiß und dem Adrenalin auf dem fast 300 Meter langen Feld, auf dem acht Pferde plus Schiedsrichterpferd mit zum Teil 60 Stundenkilometern dem Ball nachjagen, hat der Schweizer an sich nicht viel zu tun. Nun will es die Legende, dass sich ein englischer Offizier und Polo-Gentleman, der im Begriff war, sich nach dem Spiel den Staub mit einem guten Schottischen die Kehle hinunterzuspülen, lauthals beschwerte, dass nun schon wieder eine über den Jordan sei. Eine Armbanduhr nämlich, ihr Glas vom harten Huf zerstört, ihre feinen Innereien vom Schlag eines Mallets schwer getroffen.
Aufbewahren ausländischer Wertsachen
Der Schweizer überlegte. Seiner Tradition gemäß, in der das Aufbewahren ausländischer Wertsachen enthalten ist, wartete er mit einer bestechend simplen Lösung auf. Warum nicht einfach das ganze Gehäuse nehmen, sein gläsernes Gesicht nach innen und seinen metallenen Rücken nach außen drehen? Dies sagte dem Polo-Gentleman sehr zu. Der Schweizer kehrte zurück in die Schweiz und machte sich an die Arbeit, die von einem anderen zur technischen Reife formuliert wurde.
1931 war's, als die Reverso, die Uhr, die sich um sich selbst drehen kann, vom Ingenieur Alfred Chauvot zum Patent angemeldet wurde. Im November desselben Jahres kaufte César de Trey, im Übrigen jener Schweizer Herr am Rande des indischen Polofelds, die Rechte von Chauvot und gründete mit Jacques-David LeCoultre ein Unternehmen zum Bau der Reverso, aus dem wenige Jahre später die Manufaktur Jaeger-LeCoultre entstand.
Drehmechanismus
Seit 80 Jahren gibt es die Reverso. Und sie ist eine wahre Ikone der Uhrenwelt. Was immer die Mode vorschrieb, was immer für Krisen die Uhrenbranche beutelte, die Reverso hat ihr Gesicht nie verloren und nur minimal geändert. Die zentrale Funktion, der Drehmechanismus, definiert ihr Erscheinungsbild und auch ihre innere Konstruktion. Gearbeitet wird an einer Minimierung der Volumina der Komponenten, und so ist das jüngste Kind der langen Ahnenreihe eine ultraflache Version (2,94 Millimeter dünn).
Damit die Reverso ihren Sinn nicht verliert, muss ihr Hersteller Jaeger-LeCoultre in ihre Sinnstiftung investieren. Also in den Polo-Sport. Also in Spieler oder gar in ganze Teams. Da sich der Polo-Sport vor allem in Argentinien weiterentwickelt hat, sind es argentinische Spieler, die unter Vertrag genommen werden. Vor allem Amazonen wie Lia Salvio, die den Sport beleben und neue Klientel zum Polo bringen. Denn der Sport steht im Ruch des Luxuszeitvertreibs von Zeitgenossen wie Prince Charles. Verbände und einzelne Polo-Vorreiter bemühen sich darum, Polo als attraktiven Leistungssport darzustellen und das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit zu lukrieren. Deutsche Regionalverbände öffnen sich dem Publikum mit Jugendcamps und Schnuppertrainings. In Österreich lädt der Polo-Club Schloss Ebreichsdorf nahe Wien Interessierte ohne eigenes Pferd zum Schnuppern. (Bettina Stimeder/Der Standard/rondo/02/09/2011)