Conrad Seidl leidet unter einem in kleinen Brauereien häufigen Bierfehler
Brauereisterben - das war einmal. Die Zeiten, als man in immer kürzeren Abständen beklagen musste, dass wieder eine kleine, seit Jahrhunderten von derselben Familie geführte Brauerei ersatzlos von der Bierlandkarte verschwunden ist, sind vorerst einmal vorbei. Es sind, um der Wahrheit die Ehre zu geben, gar nicht mehr so viele Brauereien dieses alten Schlages übriggeblieben - und die meisten von denen, die das große Brauereisterben überlebt haben, sind recht gut aufgestellt. Und sie brauen fast durchwegs technisch fehlerfreie Biere, manche sogar interessante Spezialitäten: Was Stiegl und Schneider Weisse mit ihren Sondersuden können, bringen auch viele kleinere Brauer zuwege, da gibt es kräftige Lebenszeichen.
Es sind also für die Zukunft nicht so viele Todesanzeigen zu erwarten. Dafür trudeln in immer rascherem Abstand Geburtsanzeigen ein: Hier eine neue Gasthausbrauerei, dort ein kleines Unternehmen, das sich traut, für ein paar Wirte oder für größere Partys auf Bestellung Faßbier zu brauen, ein Bierspezialitätenhändler hier, eine neue Mikrobrauerei dort. Kein schlechter Befund für die Bierszene - würde denn das Bier aus den hochgelobten Klein- und Kleinstbrauereien auch wirklich immer den Qualitätsstandards entsprechen! Manche dieser Unternehmen nutzen den Sympathievorschuss, den die kleinen Brauer genießen, nämlich schamlos aus.
Übler Geschmacksfehler
Zum Beispiel im bayerischen Künstlerstädtchen Murnau am Staffelsee, wo seit zehn Jahren eine der schönsten Gasthausbrauereien Deutschlands besteht - eine Zeitlang hatte sie auch ausgezeichnete Biere. Nicht so beim letzten Besuch: Jedes der bestellten Biere hatte einen Hauch von Gemüsesuppe. So ein Gemüsearoma ist im Bier ein wirklich übler Geschmacksfehler. Ursache ist eine Substanz namens Dimethylsulfit, die die Brauer DMS nennen und durch intensive Kochung der Bierwürze ausdampfen. Aber es gibt eben Gasthausbrauereien, in denen die Würze zu wenig gekocht wird - und deren Personal auf Nachfrage schnippisch erklärt, "dass das eben das Besondere ist, dass bei uns nicht alles gleich schmeckt".
Falsch. Solche Fehler lassen sich bei professioneller Arbeit vermeiden - weshalb sich in Österreich die "Arge Gasthausbrauereien" gebildet hat, um Fehlern rechtzeitig auf die Spur zu kommen und sie künftig auszumerzen. (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/02/09/2011)