Reisen und Essen

Wehrhof des guten Geschmacks

6. September 2011, 16:26
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    Das Land am Stiefelabsatz wird für die Qualität seiner Käse aus in heißem Wasser gezogener und geformter "pasta filata" gerühmt, aber auch für seinen vorzugsweise roh genossenen Fisch und - vor allem - für die unendliche Vielfalt seiner Gemüsegerichte.

Jetzt ist die beste Zeit für Apulien: Die Strände sind leer, die Gemüse reif und die Zimmer in den Wehrhöfen günstiger als in der Hauptsaison

"Apulisches Gemüse ist das beste der Welt", sagen die Apulier mit kindischer Anmaßung und führen dafür zweierlei Gründe an: Erstens, weil die warme Erde Apuliens einfach fruchtbarer sei als jede andere; und zweitens, weil die Apulier mit Gemüse einfach am besten umzugehen verstünden. Wahr ist, dass der Anbau von Gemüse genau wie dessen Zubereitung in der Region tief verwurzelt ist. Unter apulischen Köchen genießen selbst schlichte Varietäten regelrechten Kultstatus, etwa Löwenzahn, Kichererbsen, grüner und schwarzer Kohl, ja sogar eine Art essbare Blumenzwiebel namens Lampascione, die man überhaupt nur hier isst. Und natürlich die schmucklosen Blätter der Steckrübe, mit denen das nationale Pasta-Gericht Orecchiette con cime di rapa gemacht wird. Nicht selten besteht ein echtes apulisches Antipasti-Buffet aus bis zu zwanzig verschiedenen Gemüsegerichten.

In Sachen Tourismus hat sich am Absatz des italienischen Stiefels in den vergangenen Jahren viel getan. Immer mehr ehemalige Bauernhöfe, sogenannte Masserie, wurden zu Pensionen und Hotels umgewandelt, manche betreiben nebenbei Olivenzucht und Weinbau, die meisten auch einen Gemüsegarten. Andere sind überhaupt zu Agriturismi mutiert wie etwa die prächtige Masseria Barbera, ein ehemaliger Wehrhof, indem so gut wie alles, was auf den Tisch kommt, am Hof erzeugt wird.

Tor zum Osten

Die Gründe für die wehrhafte Ausrichtung der Masserie liegen in der Geschichte. So oft wie kein anderer Landstrich am Mittelmeer wurden die fruchtbaren Ebenen Apuliens umkämpft. Zuerst Römer gegen Griechen, dann Byzantiner gegen Katholiken, später Christen gegen Muslime. Französische Normannen vertrieben die Araber, dann kamen die Staufer, später das Haus Anjou, abgelöst von jenem von Aragon, dann die Bourbonen, schließlich noch die "Piemontesen", wie die Apulier die Savoyer nannten, die Italien vor 150 Jahren einten.

Über Jahrhunderte galt Apulien als Tor zum Osten, zum Balkan, nach Kleinasien. Nur wenige Kilometer entfernt liegt die albanische Küste. Bis heute lebt auch diesseits der Adria eine Minderheit christlicher Albaner, die ihr Land im 16. Jahrhundert verließen, als es von den Türken erobert wurde. Ob es diese sogenannten Arbëresh waren, die den Caciocavallo-Käse mitbrachten, der in ganz Osteuropa und bis in die Türkei als Kashkaval bekannt ist, oder ob dessen Verbreitung in die andere Richtung erfolgte - darüber wird gestritten. Die Apulier jedenfalls lieben alle Varianten von Käse aus "pasta filata", also solche, die in heißem Wasser gezogen und geformt werden und zu denen neben Caciocavallo auch die Burrata, die Scamorza, die Manteca und die Mozzarella gehören.

Fisch und Gemüse

September und Oktober sind die besten Monate, um das Land zu besuchen. Die heißesten Tage sind vorbei, die meisten Touristen abgereist. In den Häfen von Trani oder Savellettri landen Fischer ihren Fang in aller Ruhe; ältere Semester stricken oder flicken die Netze. Auf ihren Fisch sind die Apulier so stolz wie auf ihr Gemüse. Und sie essen ihn am liebsten roh. Thun- und Schwertfisch, aber auch Zacken- und Wolfsbarsch werden oft als Carpaccio serviert, Seeigel aus der Schale gelöffelt, und auch Garnelen, Scampi, sogar Tintenfisch werden roh gegessen.

Das kobaltblaue Meer kontrastiert mit dem Weiß der menschenleeren Strände und der Dörfer oben auf den Klippen. Landeinwärts und so weit das Auge reicht, zwirbeln sich jahrhundertealte Olivenbäume wie vom Wind gedrechselt in die rostbraune Erde. Nahezu die Hälfte des italienischen Olivenöls kommt von hier. "Bis vor einigen Jahren wurde das meiste als toskanisch verkauft", sagt Chefkoch Mario Musoni, während er durch den Olivenhain und den weitläufigen Gemüsegarten der Masseria San Domenico führt, einer eleganten Luxusvariante des umgebauten Bauernhofs. "Heute gibt es für das Öl mehrere geschützte Gebietsbezeichnungen. Und zu dem einzigartigen apulischen Gemüse und rohem Fisch passt es wie kein anderes", sagt er und gießt etwas davon auf hauchdünn geschnittenen Schwertfisch und geviertelte Artischocken. Das Öl aus der lokalen Hauptanbausorte Coratina ist leuchtend grün, schmeckt intensiv und kratzt angenehm im Rachen.

Apulien ist die neue Toskana

Wenige Kilometer weiter in der Küche der viel bescheideneren Masseria Cimino erhitzt es die Köchin in einem Topf am Herd. Signora Paola macht Panzerotti fürs Abendessen. "Panzerotti sind wie kleine Calzone, werden aber nicht im Ofen gebacken, sondern im Olivenöl frittiert", sagt Signora Paola. Den selbstgemachten Teig füllt sie mit Mozzarella, Schinken und Basilikumblättern. Später wird sie die Krapfen mit einem Dutzend Gemüsesorten aus ihrem Garten am Buffet anrichten.

In der Abendsonne fahren ein paar Fischerboote wieder hinaus aufs Meer. Richtung Westen ziehen sich die Olivenhaine bis zur Kalkhochebene der Murge. Dahinter und in sicherer Entfernung liegt die Stadt Alberobello mit ihren 1400 Trulli und wahrscheinlich ebenso vielen Souvenirläden. Die Stadt mit den bizarren Rundbauten ist Unesco-Weltkulturerbe und Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt. "Apulien ist die neue Toskana", sagen die Amerikaner mit kindischer Freude über ihren humpelnden und zugleich bedrohlichen Vergleich. Aber allzu ernst sollte man das nicht nehmen. Denn in ein paar Jahren werden sie das über die bisher völlig unentdeckte Nachbarregion Basilakata ebenfalls sagen; und irgendwann vielleicht sogar über das Weinviertel. (Georg Desrue/Der Standard/rondo/02/09/2011)

Kommentar posten
21 Postings
Helmut Hagen Plakolmer
03
Da ich das Glueck habe....

seit 37 Jahren mit einer Apulierin verheiratet zu sein, kann ich das Gesagte nur bestaetigen. Wir haben unser Haus im Salento, 19 Km vor Leuca und ich kann Allen nur raten: Kommt nach Apulien und behandelt ev. Wehwechen wie zuviele Kilo, Gicht und andere Zivilisationskrankheiten mit der echten apulischen Kueche. Vor Jahren war ein Judenburger Freund bei mir und nach einer Woche kam er blendend ohne seine Gichtmedikamente aus. Er musste sie erst wieder nach seiner Heimkehr nehmen.
Lernt wie man gutes Olivenoel erkennt, so fallt ihr nicht auf den Naschmarktschmus herein, nemt die Rezepte mit, das meiste Gemuese gibt es jetzt auch in Oe, und guten Appetit.

uni versalis
00
13.9.2011, 09:27
zustimmung, aber

gutes olivenöl finde ich in österreich fast schon vor der haustüre (mehrere dop garda), jedenfalls muss man dafür nicht nach süditalien.
diesbezgl. muss erwähnt werden, dass apulien in italien auch massenhersteller bei olivenölen ist. es gibt zwar hervorragende öle, aber vieles landet auch bei den abfüllern, welche die supermärkte europaweit beliefern, und wird importierten ölen beigemengt.
ähnlich "gesund" wird natürlich auch wo anders gegessen

kh g
00
Eine wunderschöne Gegend, aber ...

... die Sache mit der "gesunden" Ernährung klingt nicht nur sehr romantisch-verträumt, sondern ist es auch. Mit der Realität hat dies wenig zu tun.

Gemeinhin wird in Foren (früher: Stammtisch) die griechische, speziell die kretische Ernährungsweise als die "gesunde" Küche schlechthin bezeichnet. Apulien wird hier unter "ferner liefen" gehandelt.

Über Geschmack (der Küche) lässt sich streiten, aber Gesundheitsversprechen können damit wohl kaum seriös verbunden werden.

Das hat diese Landschaft auch gar nicht notwendig.

Helmut Hagen Plakolmer
00
na.....

gesuender als schweinsbraten, gesechtes, knoedel etc. ist die apulische, die mediterrane kueche immer schon gewesen. das belegt schon das durchschnittsalter der sueditaliener.
der geschmack..... na alle oesis und deutschen die mich bisher besucht haben, waren hingerissen.

kh g
02
Ich ess aber auch nicht täglich ...

... einen Schweinsbraten, nicht wahr. Bin allerdings erst 32 Jahre verheiratet und ebenfalls gesund.

Noch dazu, wo ich doch waschechter Österreicher - oder in Ihrer Diktion "Ösi" - bin.

OT: Diese Bezeichnung wird in D gern leicht abwertend für uns Österreicher verwendet. Mir ist nicht klar, warum sich ein Österreicher freiwillig selbst gegenüber den Deutschen abwertet. Also, wenn schon: dann Ösis und Piffkes.

Helmut Hagen Plakolmer
10
betreffs oesi.....

ich bin italiener, und oesi ist angenehm kurz.

Der Waehlerwille
 
00
Ösi ist abwertend.

Man nennt Italiener ja auch nicht Itsis.

kh g
00
Eben.

Geläufiger ist: "Katzlmocha".

Frau Holler
02
das muss im lichte der neuen entwicklunge

aber revidiert werden: die offizielle lebenserwartung der griechen resultiert, wie man seit den krisen-enthüllungen weiß, aus der tatsache, dass sterbefälle über jahrzehnte nicht gemeldet wurden - um die rentenzahlungen nicht zu unterbrechen!

Helmut Hagen Plakolmer
00
liebe frau holler ......

nehmen sich mal eine europakarte und schauen sie nach wo griechenland und wo apulien liegen. der artikel handelt von apulien, nicht von griechenland.
frei nach kreisky: lernen's geographie......

kh g
00
Frei nach Kreisky: Lernen'S lesen ...

Ich habe eine Analogie zur Ach-so-gesunden Ernährung der Griechen gezogen. Frau Holler hat lediglich darauf hingewiesen, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen wurde. Um es vorsichtig zu formulieren.

kh g
00
Richtig.

Ich habe Griechenland bzw. die dortige Ernährung exemplarisch dafür erwähnt, dass vielerorts (in unseren Breiten) die Einhaltung einer Mittelmeerkost mit ewiger Gesundheit gleichgesetzt wird.

Poldi Fesch
00
passt auch,

grosso modo

axel swoboda1
 
00
gratuliere, bin erst 8 jaher mit einer puglienesin (?) verheiratet, kann alles bestaetigen

lebe aber derzeit in kairo, mit familie, wir sind aber oft in apulien.

Poldi Fesch
00
und an das

"amorèèèè, per piacere---" hast dich schon gewoehnt ?

Helmut Hagen Plakolmer
00
sagen sie's doch gleich ......

sie wollen zuhause auf der faulen haut liegen und den macho im westentaschenformat zum besten geben.

Poldi Fesch
00
ja ja,brav it. Sozialisation

bis zur ehe hat die mamma angschafft, nacher la moglie

Helmut Hagen Plakolmer
01
jetzt ist es mir klar .....

sie stehen oder standen unter der fuchtel einer italienerin und das hat ihren scheinbar ohnehin eingeschraenkten horizont noch staerker verengt......
sie armes hascherl!

Poldi Fesch
00
eben nicht

aber genaues Beobachten meiner Umgebung hat mir dies gezeigt, auch bestaetigt v. it. Freunden, sei es im N, sei es im Sueden. Aber an ihre unsinnigen posts gewoehnt, ueberrascht mich das nun auch wieder nicht

Helmut Hagen Plakolmer
00
sich an Hoeflichkeiten zu gewoehnen ....

hat mir noch nie Muehe bereitet.
Wie sieht es diesbezueglich bei Ihnen aus?

Poldi Fesch
00
ich habe gelernt,

schon beim ersten schrillen A zu fluechten u. das èèèè nicht mehr abzuwarten. Erfahrungsgemaes gehts ja nach per piacere weiter mit, in die pralle Sonne gehen, Waesche aufhaengen, Mist runtertragen, Abflusz entstopfen o. anderen Pesthacken

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